Versöhnung

Historischer Überblick

Autor: Hanspeter Jecker

 ‘Widertöüffer‘ - Für manche Zeitgenossen waren sie fromme Spinner, für die offizielle Kirche gefährliche Ketzer, für die Obrigkeiten aufrührerische Rebellen. Europaweit wurden sie deswegen diskriminiert und verfolgt, inhaftiert und gefoltert, enterbt und enteignet, ausgeschafft und hingerichtet. Eine Minderheit jedoch achtete sie als Menschen, die mit Ernst Christen sein wollten, und schätzte sie als Nachbarn, auf die man sich verlassen konnte, weil sie das zu leben versuchten, was sie glaubten.

Wer waren diese ‘Anabaptisten‘, die sich weigerten, den offiziellen Gottesdienst zu besuchen, Eide zu schwören und Kriegsdienst zu leisten – und dafür oft einen hohen Preis bezahlten?

 

Die Anfänge der Täuferbewegung liegen in der Reformationszeit im 16. Jahrhundert. Anders als das mit Zwang durchgesetzte Modell der Volkskirche schwebte den Taufgesinnten eine auf freiwilliger Mitgliedschaft basierende, obrigkeitsunabhängige Gemeinde vor. 1525 begannen ehemalige Mitarbeiter Zwinglis in Zürich mit der Taufe von Erwachsenen, welche damit freiwillig ihren Glauben bezeugten. Etwa gleichzeitig entstanden auch andernorts in Europa ähnliche Bewegungen.

 

Die täuferische Kritik am engen Filz von Obrigkeit und Kirche provozierte den Zorn der Mächtigen. Trotz rasch einsetzender Verfolgung verbreitete sich die nach einem ihrer Leiter – dem Niederländer Menno Simons (1496-1561) – zunehmend auch als ‘Mennoniten‘ bezeichnete Bewegung rasch quer durch Europa. Systematisch verschärfte Repression trieb das Täufertum aber immer mehr in die Isolation. Dies half mit, den Boden zu bereiten für wachsende gesellschaftliche Absonderung und teils schmerzhafte theologische Engführungen. Inner-täuferische Konflikte führten 1693 zur Entstehung der Amischen.

 

Intensive Verfolgung hat in der Schweiz das Täufertum bis 1700 fast völlig ausgemerzt. Nur im Bernbiet konnten sich Gemeinden trotz Diskriminierung bis in die Gegenwart halten. Spuren täuferischen Glaubens mit schweizerischen Wurzeln ziehen sich aber via Auswanderung und Flucht u.a. in den Jura, ins Elsass, in die Pfalz und nach Nordamerika.

 

Erst mit Aufklärung und Französischer Revolution begann auch in der Schweiz der äussere Druck nachzulassen. Einflüsse aus Pietismus und Erweckungsbewegungen im 18. und 19. Jahrhundert liessen die mennonitischen Gemeinden anwachsen und zu neuem Leben finden. Jetzt entstanden neue, dem älteren Täufertum verwandte Kirchen, welche sich seit den 1830er Jahren ausbreiteten, etwa die Evangelischen Täufer-Gemeinden (‘Neutäufer‘).

 

Ein geschwisterliches Miteinander von Landes- und Freikirchen war allerdings auch jetzt noch lange nicht der Normalfall. Erst allmählich hat das Gegeneinander einem Nebeneinander oder gar einem Miteinander Platz gemacht. Wichtige Schritte der Versöhnung waren in letzter Zeit das Täuferjahr 2007 und der nationale reformiert-mennonitische Dialog (2006-2009).

Heute gibt es in der Schweiz 14 Mennonitengemeinden mit 2300 Mitgliedern.

 

 

 

Organisatorische Vielfalt der Russlandmennoniten

Autor: Hermann Heidebrecht

Unter den etwa 2,5 Millionen Russlanddeutschen, die seit den 1970er Jahren in die Bundesrepublik Deutschland gekommen sind, haben etwa 200.000 Menschen einen mennonitischen Hintergrund. Viele Menschen mit mennonitischem Hintergrund haben bei ihrer Einreise nach Deutschland zwar ihre Konfessionszugehörigkeit mit ‘Mennonitisch‘ angegeben, aber ein Großteil von ihnen lebte in der ehemaligen Sowjetunion in Gegenden, wo es nach dem 2. Weltkrieg keine Mennonitengemeinden gab, sie waren folglich nicht getauft und somit nie Mitglieder einer Mennoniten- oder Mennoniten-Brüdergemeinde gewesen (in der Sowjetunion gab es seit 1860 überwiegend diese zwei Gemeinderichtungen). In den vergangenen Jahrzehnten haben viele von diesen ‘Entwurzelten‘ den Weg zurück in die Glaubensgemeinschaft gefunden. Insgesamt zählen die mehr als 100 Gemeinden der Russlandmennoniten in Deutschland etwa 35.000 bis 40.000 Mitglieder.

 

Bruderschaften und Verbände

Die Mennonitengemeinden (MG) mit etwa 35 Versammlungsorten haben sich fast alle in der Arbeitsgemeinschaft zur geistlichen Unterstützung der Mennonitengemeinden (AGUM) zusammengeschlossen. Die Mennoniten- Brüdergemeinden (MBG) dagegen haben sich in mehreren Verbänden organisiert. Ein Großteil der MBG hat sich in zwei Verbänden wiedergefunden, die sie zusammen mit russlanddeutschen Evangeliums-Christen-Baptisten gegründet haben: 25 Gemeinden (einschließlich Filialen) in der Bruderschaft der Christengemeinden in Deutschland (BCD) und 7 Mennoniten-Brüdergemeinden im Bund Taufgesinnter Gemeinden (BTG). Eine weitere große Gruppe der MBG mit etwa 23 Versammlungsorten gehören zu dem so genannten Frankentaler Kreis, einer informellen Bruderschaft der Mennoniten-Brüdergemeinden. Eine MBG hat sich der Bruderschaft der Evangeliums-Christen-Baptisten angeschlossen und einige weitere Gemeinden gehören zu keinem Verband. Eine gewisse Anzahl an Russlandmennoniten findet sich auch in anderen Gemeindeverbänden (AMBD, VMBB, WEBB).

 

Statement der Aussöhnung

Im Rahmen der Feierlichkeiten anlässlich der 150 Jahre des Bestehens der Mennoniten-Brüdergemeinde im Jahr 2010 haben einige Mennoniten-Brüdergemeinden, die zu dem Bund Taufgesinnter Gemeinden (BTG), zur Arbeitsgemeinschaft mennonitischer Brüdergemeinden (AMBD) und zum Verband der Evangelischen Freikirchen Mennonitischer Brüdergemeinden in Bayern (VMBB) gehören, ein Statement der Aussöhnung veröffentlicht, in dem sie für das Fehlverhalten der Mennoniten-Brüdergemeinde im Laufe ihrer Geschichte anderen Mennonitengemeinden gegenüber um Vergebung baten und ihren Wunsch zum Ausdruck brachten, dass das zukünftige Miteinander von brüderlicher Liebe und gegenseitiger Wertschätzung bestimmt sein soll. Obwohl die meisten russlanddeutschen Mennoniten-Brüdergemeinden sich diesem Statement nicht angeschlossen hatten, kann man das Verhältnis der Gemeinden beider Richtungen schon seit vielen Jahren als brüderlich und in vielen Fällen auch herzlich bezeichnen.

 

 

 

Die Fußwaschung

Autorin: Geja Laan
Übersetzung: Martje Postma 

In den Mennonitengemeinden, denen ich dienen durfte, ist es nie zu einer Fußwaschung gekommen, obwohl mir durchaus bewusst ist, dass dieses Ritual in der weltweiten Glaubensgemeinschaft gepflegt wird. Es ist auch, wie ich weiß, jahrhundertelang Bestandteil des Glaubens- und Gemeindelebens verschiedener Mennoniten gewesen. Der Gedanke an eine Fußwaschung ist vielen in den Niederlanden befremdlich, so erfuhr ich in Gesprächen mit einigen Brüdern und Schwestern.

 

Berührend

Dennoch lese ich in jedem Jahr am Gründonnerstag, wenn wir Abendmahl feiern, aus dem Neuen Testament die Textstelle Johannes 13: 1-20 vor, in der berichtet wird, wie Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht, bei seinem letzten Abendmahl mit ihnen. Der Text rührt und inspiriert mich jedes Mal erneut, weil er in meiner Wahrnehmung zutiefst spüren lässt, worum es Gott und Jesus geht: um eine liebevolle Lebenshaltung, die aus dienen und nicht aus herrschen besteht.

 

'Wie neu'

Wenn der Evangelist Johannes berichtet, dass Jesus bei der Mahlzeit seine Kleidung ablegt, legt Jesus in meinem Verständnis gleichzeitig auch seinen möglichen äußerlichen Status ab. Für Jesus geht es nicht um äußeres Gehabe, sondern um das, was ein anderer wirklich gut macht. Er schlägt sich ein schlichtes Leintuch um und setzt sich einfach zu Füßen seiner Jünger hin, um ihnen die Füße sauber zu waschen. Um jeden Schmutz, der an ihnen klebt, wörtlich, doch auch im übertragenen Sinne, wie ich es verstehe, wegzuwaschen. Er setzt alles daran, sie zu erfrischen, und sie so wieder 'wie neu' auf die Beine zu stellen.

Er hat, aus seinem eigenen Willen heraus, Gutes mit ihnen vor.

 

Dienen aus freiem Willen

Wer gezwungen wird, jemandem die Füße zu waschen, für den ist es Sklavenarbeit. Allzu häufig sind besonders Frauen dazu gezwungen, in einem Muster der Dienstbarkeit vielerlei Tätigkeiten zu leisten, was eine unangenehme Situation ist, und schwierig, sich darin zu behaupten. Ist es jedoch eine eigene Wahl, in dienender Funktion tätig zu sein, dann ist das eine andere Geschichte. Dann ist es eine Form der Liebe, die göttliche Schönheit und Frieden ausstrahlt. Ein Glanz und eine Schönheit, die die Herrschenden der Welt auf unserer Erde niemals erreichen.

 

Ökumene – für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung

Autor: Fernando Enns

Für die Mennoniten sind seit Beginn der Ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert gute Beziehungen zu anderen Kirchen wichtig. Sie waren an der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) beteiligt, der heute weltweit 350 Kirchen mit insgesamt ca. 550 Millionen Mitgliedern umfasst.

 

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein

Der ÖRK wurde aufgrund der schrecklichen Erfahrungen von zwei Weltkriegen gegründet. Die Kirchen erkannten ihr Versagen, und insbesondere die Kirchen in Deutschland bekannten ihre Schuld. Die Gründungsversammlung des ÖRK hielt als einen der entscheidenden Sätze fest: ‘Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein‘. Seither setzen sich die Kirchen in der Ökumene gemeinsam für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ein. Von Anfang an hatten die anderen Kirchen großes Interesse an der Theologie der ‘historischen Friedenskirchen‘. Im Laufe der Jahrzehnte haben Mennoniten ihre Positionen in vielen ökumenischen Dialogen erläutert und sind auf Offenheit, aber auch auf Skepsis gestoßen.

 

Dekade zur Überwindung von Gewalt

Auf der 8. Vollversammlung des ÖRK in Zimbabwe (1998) initiierte ein mennonitischer Delegierter die ‘Dekade zur Überwindung von Gewalt. Kirchen für Frieden und Versöhnung‘. Der Vorschlag wurde von der Versammlung begeistert aufgenommen. Die Suche nach Möglichkeiten, um Gewalt zu überwinden, rückte ins Zentrum der Ökumenischen Bewegung – in theologisch-ethischen Überlegungen ebenso wie in praktischen Anwendungen. Die Mennoniten waren nun herausgefordert, ihre Haltung zu Frieden und Gewalt neu zu klären und den anderen Christinnen und Christen überzeugend darzulegen. Das Mennonitische Friedenszentrum Berlin wurde gegründet und eine umfassende ‘Erklärung zum Gerechten Frieden‘ erarbeitet.

 

Ein Pilgerweg des Gerechten Friedens

Ohne die Dekade zur Überwindung von Gewalt hätte die nächste Vollversammlung des ÖRK (Südkorea 2013) wohl kaum das neue, umfassende Programm für die kommenden Jahre beschlossen: einen ‘Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens’. Wieder waren Mennoniten maßgeblich beteiligt. Es geht darum, noch tiefer als bisher auch die spirituellen Wurzeln und Quellen des christlichen Glaubens für die Gestaltung einer gerechten und friedlichen Welt zu ergründen. Christen sollen Dimensionen ihres Glaubens eröffnet werden, die den aktiven Einsatz im politischen und gesellschaftlichen Leben formen und ausrichten. Solch eine gelebte Spiritualität führt nicht zur Flucht vor der Verantwortung in der Welt, sondern glaubt an die verändernde, transformative Kraft des Evangelium – mitten in Gewalt und Unrecht.

 

Willkommen bei der Kirche

Autor: Madeleine und Bernard Huck
Übersetzung: Martje Postma 

Von einer  Freundin wurde ich ermutigt, doch einmal mitzukommen zu einem Gottesdienst in dieser Mennonitengemeinde. Ich bin eine Frau aus Afrika, ich habe nicht viele Bekannte und lebe in einer schwierigen Familiensituation. Mein Mann hat keine feste Arbeit, und das macht ihn manchmal nervös. Ich habe fünf Kinder, die Jüngste ist noch sehr klein. Und meine ältesten Söhne machen mir Sorgen.

 

Als Kirchgemeinde schlossen wir diese Frau bald in unser Herz und teilten ihre Sorgen. Wir gaben ihr bezahlte Arbeit, als Hausmeisterin. Sie hat es schwer in ihrer Familie, ihr Mann ist gewalttätig. Manchmal entflieht sie ihrem Zuhause und übernachtet auf dem Fußboden der Kirche. 'Endlich', sagt sie 'hier habe ich meinen Frieden.'

Wir kümmerten uns um ihre jüngste Tochter, als sie eine Reise zu ihrer Familie machte.

Sie besucht den Gottesdienst regelmäßig und kommt zur Frauengruppe. Sie saugt das Wort Gottes auf, das in ihrem Herzen arbeitet, und die Gnade Gottes verändert sie ganz allmählich.

 

Ihr Familienleben ist besser geworden, nachdem die Polizei einmal eingeschritten ist, und ihr Mann hat sich jetzt ein für allemal beruhigt.

Sie gewann die Herzen in der Kirchgemeinde. Wenn jemand krank ist, ist sie besorgt – sie sucht einen Bibelvers, der die Betreffenden mitten ins Herz trifft. Sie erkundigt sich nach ihnen.

 

Unsere Gemeinde hat ihr das Amt der Diakonin übertragen, und sie füllt diese Rolle perfekt aus. Sie nennt mich ihre 'Herzensfreundin', und das ist tatsächlich das, was sie mir ist.

Eine Bekannte, die sie sehr gut kennt, vertraute mir an, dass diese Schwester eines Sonntags als das Abendmahl ausgeteilt wurde, zu ihr kam, mit dem Brot und dem Wein. Sie war zutiefst gerührt. Gott allein die Ehre!

 

Dieses Zeugnis könnte den Eindruck erwecken, dass Willkommen heißen, Integrieren, Unterstützen und Wachstum fördern großes Geschick erfordere. Tatsächlich ist es ganz einfach. Was erforderlich ist, ist ein großes Herz, voller Mitgefühl. Mitgefühl ist nicht Mitleid, sondern Liebe. Etwas ganz Natürliches, das sich von selber einstellt, das keine Fragen stellt. Doch vor allem zeigt es die Kraft Gottes, der 'Heiler der Brüche', Derjenige, der aufrichtet und sammelt. Der Vater, der sicherstellt, dass seine Kinder, so unterschiedlich sie sein mögen, fähig sind sich gegenseitig zu begrüßen, sich zu verstehen und sich zu lieben.