Toleranz

Toleranz und Glaubensfreiheit

Autoren: Fernando Enns, Joel Driedger

In Deutschland dürfen Glaubensgemeinschaften ihre Religion frei und unabhängig von staatlicher Kontrolle ausüben, solange sie nicht gegen das Grundgesetz verstoßen. Das bedeutet, dass auch Mennoniten ohne Einschränkung ihren Glauben ausüben können und keine Angst vor staatlicher Verfolgung haben müssen. Das war nicht immer so.

 

Mennoniten unter Druck

Vor ungefähr 500 Jahren kritisierten die ersten Täufer die damals existierende Kirche scharf, vor allem ihre enge Verbindung mit der politischen Herrschaft. Viele Täufer weigerten sich, an Kriegen teilzunehmen oder den Eid zu schwören. Auch die Erwachsenentaufe sollte dazu führen, dass die wahre Kirche ausschließlich aus überzeugten Christinnen und Christen besteht. Für die Gegner der Täufer wirkten solche Einstellungen wie eine große Gefahr für das gesellschaftliche Gefüge. Auf die Taufe von Erwachsenen stand daher im 16. Jahrhundert die Todesstrafe.

Im Laufe der Jahrzehnte entspannte sich die Lage etwas. Mennoniten wurden nicht mehr in allen Teilen des Deutschen Reiches verfolgt, durften aber nur in privaten Räumen ihre Gottesdienste feiern. Sie genossen noch lange nicht die gleichen Rechte wie Andere und zogen daher in jene Gebiete, in denen sie toleriert wurden – wenn auch unter strengen Auflagen von den politisch Herrschenden.

 

Gleiche Rechte für alle

Nicht zuletzt aufgrund der eigenen leidvollen Erfahrung setzten Mennoniten sich früh für religiöse Toleranz und Glaubensfreiheit ein. Das liberale Gedankengut ist für viele Gemeinden im norddeutschen Raum bis heute prägend. Ein bekannter Mennonit, der diese Werte auch in der Politik vertrat, war Hermann von Beckerath (1801-1870) aus Krefeld. Er beteiligte sich an der demokratischen Bewegung in Deutschland. Im Jahr 1848 wurde er Abgeordneter in der ersten deutschen Nationalversammlung in Frankfurt und für kurze Zeit sogar Finanzminister. Er setzte sich dafür ein, dass Mennoniten ihren Glauben ebenso frei leben dürfen wie andere Christen. Sie sollten endlich das gleiche Bürgerrecht bekommen, das ihnen bis dahin verwehrt wurde. Von seinen Glaubensgeschwistern forderte er im Gegenzug, Kriegsdienst zu leisten wie andere Bürger auch. Für Glaubensfreiheit und Bürgerrechte war von Beckerath bereit, Gewaltfreiheit als Prinzip (Kriegsdienstverweigerung) aufzugeben.

 

Freiheit ohne Gewalt

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges dauerte es noch viele Jahre bis Mennoniten in Norddeutschland zur Gewaltfreiheit zurück fanden. Im Jahr 2009 verabschiedete die VDM eine „Erklärung zum Gerechten Frieden“. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Mennoniten einst für sich einklagten, gestehen sie heute selbstverständlich ihren eigenen Gemeindegliedern zu. Sie fordern eine solche Toleranz auch gegenüber allen anderen Religionen und Glaubensgemeinschaften.

 

Zulawy – der Neuanfang

Autor: Łukasz Kępski
Übersetzung: Martje Postma 

Zulawy, die fruchtbare grüne Niederung an der Mündung der Weichsel, mit seiner einmaligen traditionellen Architektur und dem unglaublich komplexen Abwasserungssystem, war eine Heimat für viele Generationen von Mennoniten, vom 16. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

 

Toleranz

Die ersten Mennoniten siedelten Mitte des 16. Jahrhunderts in Zulawy. Das Gebiet, auch Werder genannt, war damals ein Teil des königlichen Preußen, eine der von den polnischen Königen regierten Provinzen. In früheren Jahrhunderten hatte Polen verschiedenen Volksgruppen unterschiedlicher Religion Toleranz geboten: Juden, römisch-katholische und orthodoxe Christen lebten in diesem Königreich. Die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts, eine Zeit großer religiöser Konflikte im Westen Europas, führte in Polen zu einem friedlichen Sieg der Reformation in den großen Städten, insbesondere in den reichen Hafenstädten wie Danzig und Elbing, die durch   Schifffahrt  und Handel vielfältige Kontakte mit den Niederlanden unterhielten. Dieser Umstand gab den verfolgten niederländischen Mennoniten Hoffnung. Nach Polen umzusiedeln schien die Möglichkeit zu sein, ihre eigene Identität zu wahren.

 

Neue Zuwanderer nicht willkommen

Die Mennoniten erwartete in Danzig kein warmes Willkommen, wo lokale Kaufleute und Handwerker sich vor dem Wettbewerb mit den Neulingen fürchteten. Jedoch überzeugten ihre Fähigkeiten, sich im Marschland als Bauern zu behaupten, die Verwalter der sumpfigen Weichselniederung, die niederländischen Migranten als Siedler in diese ländlichen, manchmal sogar ganz unbesiedelten Gebiete in Zulawy einzuladen. Die Gegend wurde zum Siedlungsgebiet von Mennoniten, mit einem Netzwerk aus Niederlassungen, Kanälen und Deichen, die eine effektive landwirtschaftliche Entwicklung ermöglichten. Neuankömmlinge erhielten als Regel einen privilegierten Status, mit Langzeit-Pachtverträgen, emphyteusis genannt, die ihnen ihre religiöse Freiheit, Selbstverwaltung und ihre Sitten und Gebräuche zusicherten. Ab 1540 wuchs die mennonitische Bevölkerung in allen Teilen Zulawy's, in Zahlen und an Grundbesitz. Sie ließen sich in alten Dörfern nieder, und gründeten neue innerhalb der Stadt Danzig und im Umkreis, in Zulawy und in den Niederungen nahe der Marienburg.

 

Weiterwandern

Das friedliche Leben der Mennoniten in Zulawy wurde durch die Nördlichen Kriege in der Mitte des 17. Jahrhunderts und durch die Annektierung des Gebietes in das Königreich Preußen 1772 aufgerüttelt. Einschränkungen ihrer Freiheiten und ein wachsender  Druck, den pflichtmäßigen Wehrdienst zu leisten, auferlegt durch die neuen Herrscher, waren der Grund für eine erneute Migration, in die Steppen der Ukraine. Viele Mennoniten fanden dort eine neue Heimat, vergaßen jedoch ihre  Wurzeln nicht, und benannten einige neue Niederlassungen nach den Dörfern, die sie in Zulawy zurückgelassen hatten. Diejenigen, die an den Ufern der Weichsel verblieben, mussten ihre Heimat in zweiten Weltkrieg zurücklassen. Zurück blieben eine wunderschöne Landschaft und ein kulturelles Erbe, das sich in vierhundert Jahren mennonitischen Lebens in jenem Gebiet entwickelt hat.

 

‘Foyer Grebel’

Autor: Neil Blough
Übersetzung: Martje Postma 

Bedingt durch die Geschichte Frankreichs als Kolonialmacht, kommen jedes Jahr zehntausende französisch-sprachige Afrikaner zum Studium dorthin. Als eine Fortführung der Zusammenarbeit zwischen französischen und nordamerikanischen Mennoniten wurde 1977 in Paris ein Besucherzentrum für Studenten aus Afrika  gegründet, das 'Foyer Grebel' in Saint Maurice. Niederländische und Schweizer Mennoniten beteiligten sich schon bald an dem Projekt, das sich zu einem interessanten Beispiel für missionarische Zusammenarbeit entwickelte.

 

Interkulturell

Das Foyer ermöglichte eine vorübergehende Unterbringung, und Hilfe bei der Suche nach gesicherten Bedingungen für die Durchführung eines Studiums. Die Mitarbeiter im Foyer wurden schnell vertraut mit den sozialen und ökonomischen Schwierigkeiten, denen die Studenten begegneten. Wie konnten solche Probleme gelöst werden? Wie könnte das Misstrauen zwischen dem Norden und dem Süden überwunden werden? Das Foyer wurde zum Begegnungsort für gemeinsames Lernen. Die Sonntagabende entwickelten sich zu einer Zeit für gemeinsame Mahlzeiten, und interkulturellen Austausch. Neue Beziehungen und interkultureller Brückenbau entwickelten sich aus diesem Zusammensein, sowie Austausch in Diskussionen, gemeinsames Kochen, und eine gemeinsame Anstrengung zur Problemlösung. All dieses trug für die Teilnehmer dazu bei, ihr Mitgefühl und ihren Gerechtigkeitssinn zu schärfen. Für viele war es die erste Gelegenheit für einen wirklichen Austausch mit 'Anderen', seien sie schwarz oder weiß, Europäer oder Afrikaner.

 

Zuwendung

Viele der afrikanischen Studenten waren Christen, die sich nicht immer willkommen fühlten in den Kirchen in Paris. Einige der Treffen wurden zu Bibelkreisen, zum Singen und Beten. Neue Arten, Dinge zu tun waren manchmal verwirrend, doch zu jeder Zeit eine Quelle der Bereicherung. Aus diesen Treffen entwickelte sich eine multikulturelle Gemeinde, begierig nach neuen Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Herkunft.

 

Das Evangelium ruft die Menschen auf zu Mitgefühl: 'Selig sind die Barmherzigen'. In diesem Falle erfuhren die Menschen, die ihr Mitgefühl zeigen wollten, häufig, was das bedeutete für diejenigen, denen man 'Hilfe' anbieten wollte. Das Foyer Grebel half den Mennoniten, die Welt der Fremden in Paris kennenzulernen. Es verhalf denen, die dort arbeiteten dazu, ein Verständnis für kulturelle Unterschiede, der Kolonialgeschichte und deren Erblast zu bekommen. Es war ebenfalls eine Möglichkeit, die weltweite Christenheit, die sich außerhalb Europas entwickelte, kennenzulernen.

 

Multikulturelles Erbe

Ein noch größeres Zentrum wurde dann in der Nachbarstadt Maisons-Alfort gebaut. Vorübergehende Unterkunftsmöglichkeiten wurden bis 1998 angeboten, bis ein Stadterneuerungsprojekt die Schließung des Projektes erzwang. Dennoch erhielt das Foyer Grebel zwei 'Nachkommen', die bis heute bestehen: die Christliche Gemeinschaft Foyer Grebel, die sich zur Mennonitengemeinde Villeneuve le Comte entwickelt hat, und das Mennonitenzentrum in Paris, das ihren Anfang in dem ersten Gebäude in Saint Maurice nahm, als das Foyer nach Maisons-Alfort umzog. Das multikulturelle Erbe des Foyer Grebel lebt weiter, als beständiger Aufruf für Mitgefühl und Gerechtigkeit unter den Völkern.

 

Historische Anfänge in Bayeren

Autorin: Beate Zipperer

Bereits in der Reformationszeit gibt es in Bayern vielerorts Täufergemeinden. Diese waren von der herrschenden Obrigkeit nicht gern gesehen und es kam durch Beschluss der bayerischen Herzöge zu vielen Hinrichtungen im 16. und 17. Jahrhundert. Das harte Durchsetzen des geforderten Todesurteils für sogenannte ‘Wiedertäufer‘ zwang viele zur Auswanderung. Erste Wanderungen führten unter anderem nach Mähren, wo die Täufer ihre missionarisches Denken weiterführten. Dieses konsequente Handeln nach Gottes Wort führte allerdings auch dort zu einer weiteren verstärkten Verfolgung der Täufer.

Das Wirken und Handeln täuferischer Gemeinden in Bayern kommt im späten 16. Jahrhundert fast zum Erliegen, nur vereinzelt lassen sich Täufer nieder.

 

Der König und die mennonitische Landwirte

Als Kurfürst Maximilian IV. Joseph im Jahre 1800 per Gesetz verfügt, dass sich Menschen evangelischer Konfession in Bayern niederlassen dürfen, kommt es im Zuge der toleranteren Umgangsweise mit dem Glauben wieder zu einer Ansiedlung von Mennoniten. Nicht zuletzt durch die Säkularisation und die gezielte Unterstützung des Kurfürsten selbst, lassen sich  in dieser Zeit erneut Mennoniten in Bayern nieder.

Die frei gewordenen landwirtschaftlich gut nutzbaren Flächen mussten bewirtschaftet werden und so setzt der Kurfürst, ab 1806 König von Bayern alles daran, Mennoniten gezielt in Bayern anzusiedeln, weil bekannt war, dass sie fleißige und gute Landwirte mit  rationellen Arbeitsmethoden waren.

 

Die Mennoniten können die Flächen der ehemaligen Klöster zu günstigen Bedingungen pachten. Einigen Familien schenkt der König sogar Grundbesitz. Amische Mennoniten, aber auch Mennoniten aus der Pfalz lassen sich daher gern auf diesen Höfen in Bayern nieder. Einzelne Dörfer und Gemeinden entstehen und damit ebenso Bet‑ und Schulhäuser. Die Zuwanderung von mennonitischen Familien nach Bayern und den südlichen Raum zu dieser Zeit ist hoch. Es entstehen einige Ortschaften mit rein mennonitischer Bevölkerung, in Bayern z. B Wagenried, Stachusried, Maxweiler, Rottmannshart usw.

Der König von Bayern hatte also im 19. Jhdt. entscheidenden Einfluss auf die Ansiedlung von Mennoniten in Bayern.

Wehrlosigkeit oder Verteidigung

Autoren: Marius Romijn, Pieter Post
Übersetzung: Martje Postma 

Taufgesinnte in den Niederlanden entscheiden sich selber, ob sie an der Staatsmacht mitwirken können. Zur Zeit des Menno Simons war das anders: die mennonitische Einstellung zu Gewalt hat sich seither stark weiter entwickelt.

 

Münster oder Menno?

Menno stand im Widerspruch zu den Münsteraner Täufern, die im Jahre 1534 die Herrschaft über die Stadt Münster ergriffen hatten. Als eine Wiedereroberung durch den Bischof drohte, machten sich einige tausend Taufgesinnte aus den Niederlanden bewaffnet auf den Weg, zur Verteidigung des 'Neuen Jerusalem'.  Die Münsteraner sahen sich in einer Zeit der Rache, in der die Gläubigen zu den Waffen greifen mussten, unter dem 'neuen David' (Jan van Leyden). Erst danach sollte das Friedensreich Christi gefestigt werden.

 

Wehrlose Mennoniten unterstützen manchmal ihre Obrigkeiten

Für Menno und seine Anhänger erfüllte die Obrigkeit eine gottgegebene Aufgabe: 'Schutz für die Schwachen und Verteidigung des Glaubens'. Selber waren sie wehrlos, doch Regierungen konnten innerhalb ihres Aufgabenbereichs Gewalt anwenden. Menno befürwortete die Bekleidung eines öffentlichen Amtes, solange es die Freiheit vom Blutvergießen zuließ.

In einer belagerten Stadt griffen Mennoniten nicht zu den Waffen, doch sie konnten Brände löschen und Schaden wieder herstellen. Im Jahre 1572 brachten Waterländer Taufgesinnte dem Fürsten Willem von Oranien Geld, zur Verteidigung gegen die Spanier. 1672 lieferten verschiedene mennonitische Gruppen einen Beitrag zur Verstärkung der Armee.

 

Trennung von Kirche und Staat

Ende des achtzehnten Jahrhunderts gerieten patriottische Taufgesinnte unter dem Einfluss der Französischen Revolution in aktive Teilnahme in den Kampf um gleiche Rechte. Zusammen mit Remonstranten und anderen aufgeklärten Theologen waren sie vertreten in dem ersten Nationalen Parlament, das die Trennung von Kirche und Staat vorbereitete. Der taufgesinnte Prediger Jacob Henrik Floh (1758-1830) war Sekretär der Ersten Kammer und sprach sich aus für gleiche Rechte für Juden, die zur niedrigsten sozialen Schicht gehörten. In der Praxis bedeutete die Trennung von Kirche und Staat (1848) allerdings unter Taufgesinnten keine Selbstverständlichkeit. Einige Theologiestudenten beteiligten sich an dem gewaltsamen Aufstand, der zu der Trennung zwischen Belgien und den Niederlanden führte (1830), während ein Teil der Gemeinde aus Balk in die Vereinigten Staaten auswanderte, aufgrund der gesetzlichen Wehrpflicht (1853).

 

Im zwanzigsten Jahrhundert wurde die Gewaltlosigkeit zu neuem Leben erweckt, durch die taufgesinnte 'Arbeitsgruppe gegen den Wehrdienst' (1925). Daraus entwickelte sich später die 'Taufgesinnte Friedensgruppe' (Doopsgezinde Vredesgroep), die Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen begleitete, mit einem eigenen Friedensbüro(1946). Das Gesetz zur Wehrdienstverweigerung (1923)  bot schon Freiraum für Gewissensbeschwerte, und zum heutigen Zeitpunkt ist die Wehrpflicht ausgesetzt (1997).

 

Referenzen: Alle G. Hoekema u.a., Dagboek Cor Inja. Geen cel ketent deze dromen 'Keine Zelle kettet diese Träume fest‘ (Hilversum 2001). Bild: S. Groenveld e.a.,  Wederdopers, menisten, doopsgezinden in Nederland 1530 -1980, 'Wiedertäufer, Mennisten, Taufgesinnte in den Niederlanden' (Zutphen 1980), 174.

 

Die Mennoniten-Brüdergemeinde

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Die mennonitischen Gemeinschaften im russischen Zarenreich bildeten ein dynamisches Sozialsystem. Die Modernisierung Russlands, die einen sozialen Wandel in den Gemeinden hervorrief, führte zu einer Änderung ihrer religiösen Ansichten, und war ein Grund dafür, dass sie die Regeln des Gemeindelebens änderten und an die moderne Zeit anpassten. Zugleich mit der ökonomischen und sozialen Modernisierung erlebten die russischen Mennonitenkolonien eine 'Reformation', die zu einer stärker durchdachten Form der Gerechtigkeit führte.

 

Spaltungen

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts besaß etwa die Hälfte der mennonitischen Einwohner kein Land. So konnten sie nicht mehr an der Selbstverwaltung teilnehmen, dennoch hatten sie noch vergleichbare Pflichten zu den anderen Mennoniten, die Landbesitz hatten. Unter den Menschen, die kein Land ihr eigen nannten, waren solche, die in anderen Wirtschaftsfeldern als der Landwirtschaft tätig waren, und diese wollten die gleichen Rechte haben. Ihre Proteste führten zu einer neuen Spaltung in den Kolonien, und zur Entstehung der Mennoniten Brüdergemeinde um 1850. In ihr vereinigten sich  Anhänger des Pietismus, Mitglieder der neu entstehenden Gemeinden und Unternehmer (die die größte Gruppe in dieser neuen Kirchgemeinschaft stellten). Die Mennoniten Brüdergemeinde wurde im Januar 1860 in der Kolonie Molotschna zum ersten Mal öffentlich vorgestellt. Die neue Gemeinde vertrat eine neue Art des Zugangs zum Seelenheil, begründet in der Kritik an den althergebrachten Glaubenslehren. So war die Bewegung der  Mennoniten Brüdergemeinde aus der Rebellion geboren.

 

Einfluss und missionarische Tätigkeit

Die Bewegung der Mennoniten-Brüdergemeinde wurde schnell populär unter den sogenannten 'neuen Mennoniten', die für Neuerungen offenstanden. Die erste Konferenz der Mennoniten-Brüdergemeinde fand in 1872 statt. Ihr  Glaubensbekenntnis wurde im Jahre 1873 geschrieben. Ihre Niederlassungen gründeten sie in Kuban, Sagradowka und in Mariupol. Die Brüdergemeinde war aktiv in der Missionsarbeit und gab eine Zeitschrift heraus, die 'Friedensstimme'.

 

'Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft in Russland' von Peter Martin Friesen

Im Jahre 1885 begingen die Mennonite-Brüdergemeinden den 25. Jahrestag ihrer Gemeinschaft, die zu dem Zeitpunkt aus 7 Niederlassungen bestand und 1800 Mitglieder hatte. Zu diesem Jubiläumsjahr war P.M. Friesen gebeten worden, eine Geschichte der Mennoniten-Brüdergemeinden zu schreiben. Sein Buch wurde in 1911 veröffentlicht und es stellte die Geschichte der Mennonitenkolonien insgesamt dar. Im Jahre 1917 zählte die Mennoniten Brüderschaft  40 Gemeinden mit 7000 Mitgliedern.

 

Vereinigt zur Wahrung der Identität

Die Geschichte lehrt uns, dass die Mennonitenbrüdergemeinde sich nicht zu einer  eigenenständigen Glaubensrichtung entwickelte. Der stärker werdende russische Nationalismus zwang die Mennoniten, sich wieder anzunähern. So können wir also feststellen, dass der russische Nationalismus, der den 'Gedanken der Verfolgung' wieder aufleben ließ, die Gemeinden wieder zusammenbrachte. Die Entstehung der Mennonitenbrüdergemeinde mündete in eine Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins als Mennoniten, und zu dem Beginn  ihres Selbstverständnisses als mennonitisch missionarische Kraft in der Welt. 

‘Gleiche Rechte - gleiche Pflichten‘

Autor: Ulrich Hettinger

Hermann von Beckerath entstammte einer mennonitischen Weberfamilie. Sein Vater Peter war Bandweber und später Gerichtsvollzieher in Krefeld. 1815 begann Beckerath eine Banklehre im Bankhaus der Gebrüder Molenaar, wo er binnen weniger Jahre in leitende Funktion aufstieg. Getrieben von einem rigorosen Arbeitsethos und von autodidaktischem Ehrgeiz gelang es ihm innerhalb zweier Jahrzehnte an die Spitze des Krefelder Großbürgertums aufzusteigen. Mit seinem Schwiegervater gründete er ein eigenes Bankhaus, wirkte als Mitglied des Krefelder Stadtrats, wurde Präsident der Handelskammer und avancierte nach 1840 zu einem der führenden Liberalen der Preußischen Rheinprovinz.

 

Von 1843 bis 1845, in der Phase zunehmender politischer Konflikte zwischen Bürgertum und preußischer Obrigkeit, war von Beckerath Mitglied des Rheinischen Provinziallandtags. Er tat sich hier mit Äußerungen zu Zoll- und Handelsfragen, den Forderungen nach rechtlicher Emanzipation der Juden und Dissidenten sowie nach liberalen Staatsreformen für Preußen hervor. Populär wurde er besonders durch seine Debattenbeiträge während des Ersten Vereinigten Preußischen Landtags von 1847, in dem er vehement den Antrag seines Mitstreiters Ludolf Camphausen nach einer konstitutionellen Verfassung für ganz Preußen unterstützte. ‘Meine Wiege stand am Webstuhl meines Vaters‘, mit diesem berühmt gewordenen Ausspruch trat der stolze und selbstbewusste Selfmademan den preußischen Edelleuten im Parlament entgegen. In den hitzigen Debatten dieser Zeit ging es vor allem darum, wer künftig in Preußen das Sagen haben sollte: der Adel und die autoritären Staatsbeamten oder das Bürgertum, das mehr Freiheit und Mitbestimmung verlangte. Wie die anderen Vertreter des rheinischen Liberalismus stand von Beckerath für eine liberale Umgestaltung der preußischen Monarchie auf der Basis freiheitlicher Grundrechte. Anknüpfend an die Taten Friedrichs des Großen und der preußischen Reformer sollte Preußen durch die politische Modernisierung seinen Führungsanspruch im künftigen deutschen Nationalstaat untermauern.

 

Infolge der revolutionären Ereignisse des März’ 1848 wurde von Beckerath in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt und außerdem als Reichsfinanzminister in das Kabinett der provisorischen Zentralregierung berufen. In den folgenden Monaten setze er sich für die Errichtung einer gesamtdeutschen demokratischen Republik, ohne Österreich, unter preußischer Führung ein. Als der preußische König die ihm angetragene Kaiserkrone schließlich ablehnte, legte von Beckerath tief enttäuscht im Mai 1849 sein Abgeordnetenmandat nieder. Nach der Revolution gehörte von Beckerath noch bis 1852 dem Preußischen Abgeordnetenhaus (zweite Kammer des Preußischen Landtags) an. Er zog sich in der Folgezeit weitgehend aus der preußischen Politik zurück und widmete sich vorwiegend der Wirtschafts- und Lokalpolitik. Im Mai 1870, kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges, starb Hermann von Beckerath.

 

In seinem Denken und Handeln mischten sich mennonitisch geprägte Frömmigkeit, eine liberal-konstitutionelle Grundhaltung sowie ein stark ausgeprägter, historisch begründeter Patriotismus. Am deutlichsten spiegelt sich diese eigentümliche Verbindung in seinem Bekenntnis zur preußischen Monarchie, seinen wortgewaltigen Plädoyers für die rechtliche Gleichstellung aller Glaubensbekenntnisse, aber auch im vehementen Eintreten für die allgemeine Wehrpflicht - die er als unverzichtbares Gegenstück liberaler Freiheitsrechte sah und wiederholt auch gegen den Widerstand seiner ‘orthodoxen‘ Glaubensbrüder verteidigte. Der liberalen Maxime ‘gleiche Rechte - gleiche Pflichten‘ gab er in den religions- und verfassungspolitischen Debatten seiner Zeit stets den Vorrang gegenüber dem Prinzip der uneingeschränkten Religionsfreiheit.