Glaube

Mennoniten – Traditionell Modern mit bleibenden Werten?!

Autorin: Beate Zipperer

Schon wenn Kinder aus mennonitischen Familien in den Kindergarten kommen, spätestens aber wenn sie zur Schule zum Religionsunterricht gehen wollen, kommt es zu erklärungsbedarf für Schule und Familie. Besonders in Bayern, in der katholisch geprägten Landschaft sind Mennoniten einfach ‘Exoten‘. Erklärt man, was Mennoniten sind bzw. was Mennoniten ausmacht, kommt man unweigerlich dazu, Normen und Werten, die die Gemeinde lebt, zu überdenken.

 

Eine Familie?

‘Mennonit-Sein‘ wurde sozusagen in der Familie weitergegeben. Sind wir also deshalb heute noch eine „Familienkirche“?! Verändert sich das „mennonitische Gemeindegefüge“ langsam? Traditionen leben nur (weiter), wenn sie von innen mit Werten und Normen gefüllt werden.

Normen und Werte werden allein durch die Aussagen Jesu Christi begründet. Zusätzlich wurden diese mit frühen reformatorischen Gedanken gefüllt, die auch in anderen christlichen, besonders in evangelisch, protestantisch geprägten Kirchen gelten. Zusammengefasst sind das die folgende Punkte:

 

Sola scriptura – allein die Bibel ist die Grundlage unseres Glaubens (Galater 2, 6-9)

Solus Christus – allein Jesus Christus hat Autorität über Gläubige (Epheser 5, 23-24)

Sola gratia – allein durch die Gnade Gottes wird der Mensch errettet (Römer 1, 17)

Sola fide – allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt (Galater 2, 16)

 

Leitlinien

In vielen Gemeinden werden ‘Leitlinien für das Zusammenleben‘ entwickelt und formuliert. Immer wieder werden sie überarbeitet, erweitert und angepasst an die Lebensumstände, in der sich die Gemeinschaft befindet. Gemeinden sind lebendige Organismen, mit Menschen, die nach Gottes Verheißungen streben; die dadurch erfüllt und gefüllt werden aus Gottes Heiligem Geist. In Auszügen heißt es in unseren Ortsgemeindeleitlinien:

 

Glauben-leben: Mittelpunkt ist für uns der in der Bibel bezeugte Gott,

Diese Wirklichkeit Gottes erfahren wir. Dafür zu leben ist die Berufung und Auftrag (Mission) aller Christen und christlichen Gemeinden.

 

Glauben-leben: Sich anderen Menschen zuwenden

Jesus Christus vermittelte auf vielfältige Weise Gottes Liebe und Lebensvorstellungen. Er ist uns konkurrenzlos wichtig. Ihm folgen wir.

 

Glauben-leben: Gottes Wirken im Alltag erfahren und Raum geben

Durch das Zeugnis der Bibel spricht uns Gott persönlich an. Die Bibel, wie wir sie unter der Leitung des Heiligen Geistes im Gespräch miteinander auslegen, ist Richtschnur für unser Leben und unsere Lehre. Das erfordert immer wieder neu unsere Bereitschaft zum Hören auf Gott und aufeinander.

 

Glauben-leben: Miteinander Gemeindeleben gestalten und verantworten

Entsprechend unseren Gaben und Möglichkeiten bringen wir uns erkennbar in das Gemeindeleben ein und haben Anteil an ihrem Zeugnis von Jesus Christus.

Reformer

Autor: Marius Romijn
Übersetzung: Martje Postma 

Menno wurde in den frühen Jahren der Reformation zum Priester geweiht, als die Sakramentisten ebenfalls Zulauf bekamen (diese lehnten die Messe als Opfer ab). Als  Geistlicher in Pingjum zweifelte er an dem Wunder der Eucharistie, und begann selber die Bibel zu erforschen. In jener Zeit erreichte die Bewegung der Anabaptisten die Niederlande. Nachdem Sicke Freerks, der sich aufs Neue hatte taufen lassen, geköpft worden war, begann Menno Simons ebenfalls an der Kindertaufe zu zweifeln. Dennoch wurde er am Ende des Jahres 1532 Priester in Witmarsum – in dieser Zeit erlangte er Bekanntheit als 'Prediger des Evangeliums'.

 

Die schnellwachsende Bewegung der Anabaptisten vertrat mit Nachdruck die kurz bevorstehende Zweite Erscheinung des Herrn – die wahren Gläubigen sollten ein reines Leben führen, ohne Gewalt, in einer Gemeinde frei von Sünden. Eine stetig wachsende Gruppe von Wiedertäufern unter Anführung von Jan Matthijs – später von dessen Nachfolger von Jan van Leyden – versuchte das 'Neue Jerusalem' in der Domstadt Münster zu errichten. Es gelang ihnen, den Rat der Stadt zu entmachten, und alle Einwohner sollten sich bewaffnen, gegen den Fürstbischof. Dieser stellte ein Heer auf, um die Stadt zurückzuerobern.

 

Nach einem Jahr ging dieses kleine Wiedertäuferreich zugrunde in Gewalt. Einige der Menschen um Menno waren an der wiedertäuferischen Gewalt in Friesland beteiligt. Die Wiedertäufer gerieten in Chaos, und wurden schärfstens verfolgt. Menno Simons führte noch ein genügsames Leben, doch empfand das als ein 'Leben in Ägypten'. Im Jahre 1536 verließ er die katholische Kirche, und musste im Versteck leben. Nach langen Überlegungen und vielen Gesprächen ließ er sich taufen.

 

1537 kam Menno Simons einer Bitte nach, Ältester zu werden. Nach und nach wurde er zum Anführer der niederländischen Wiedertäufer, und der Einfluss seines Rivalen David Joris nahm ab. Die Herrschenden boten Geld für seine Gefangennahme. Mehrere Menschen, die Menno Unterschlupf geboten hatten, wurden getötet. Er hatte damit begonnen, Bücher und Pamphlete zu schreiben, die alle als wider das Gesetz gesehen wurden. Er musste dauernd auf Reisen sein, und lebte am Ende seines Lebens als ein Verbannter in Holstein, mit seiner Frau Geertruyd und ihren Kindern.

 

Die reine Gemeinde war ein Kerngedanke für die Wiedertäufer, um diese zu erhalten  machten sie Gebrauch vom Bannspruch und von der Meidung. Das sollte die Sünder zur Buße und Umkehr bewegen. In Emden tat der einflussreiche Ältester den Ehemann von Swaan Rutgers in den Bann. Das bedeutete, das sie jeglichen Kontakt mit ihm vermeiden sollte. Sie weigerte sich, das zu tun, denn wenn sie es täte, würde sie ihr Ehegelübde brechen. Menno wollte vermittelnd auftreten, doch Lenaert drohte, ihn ehemals in den Bann zu tun, und Menno gab nach. Dies wurde der Grund für die liberale Gruppe der Waterländer Mennoniten, sich loszusagen. Auf seinem Sterbebett äußerte Menno sein Bedauern darüber, dass er 'ein Diener der Menschen' gewesen sei, anstatt eines Dieners Gottes'.   

 

Menno war ein Reformator der zweiten Generation. Er war kein Gelehrter, wie Luther, Zwingli und Calvin. Als ein praktisch eingestellter Anführer gelang ihm die Aufgabe, die friedliebenden niederländischen Täufer in schwierigen Zeiten zusammenzuführen. Jedoch brach diese Einheit am Ende seines Lebens auseinander.

 

Quelle Bild: Piet Visser, Sporen van Menno. Het veranderende beeld van Menno Simons en de Nederlandse mennisten (in Zusammenarbeit mit den Niederlanden, Kanada, Deutschland und den Vereinigten Staaten, 1996).

 

Zeugen sein von Gottes Königreich 

Autor: Fulco Y. Van Hulst
Übersetzung: Martje Postma 

Was ist die Eigenheit der niederländischen täuferischen Ethik – und wie wird sie sichtbar? Es war der geliebte Bibeltext des niederländischen Reformators Menno Simons (1496 – 1561), der die Täuferbewegung anführte:1. Kor. 3:11 ‘Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus‘. Noch immer ist Jesus der Richtungweisende für die Ethik in täuferischer Perspektive.

 

Die Bergpredigt

Die täuferische Ethik lässt sich am besten als ‘Bergpredigt-Ethik‘ kennzeichnen, oder als Ethik der Nachfolge Christi, als Vorbild für ein Leben, wie Gott es gemeint hat, so hat sie bei Mennoniten einen zentralen Ort. Und das sind dann ganz besonders die Ermahnungen Jesu in der Bergpredigt und seine Lehren in den Gleichnissen, Worte, die Jesus gesprochen hat, um damit die Aufmerksamkeit auf die Fürsorge für den Nächsten zu lenken, ganz besonders den verletzlichen Nächsten, auf die Liebe zu Gott in dem oder der Anderen, und auf die Überwindung des Bösen und der Gewalt in der Feindesliebe. Diese Leitlinien werden als Richtlinie für ‘ein gutes Leben‘ erfahren. Speziell die Friedensethik ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der niederländischen mennonitischen Ethik. Ein gutes Beispiel für die Art und Weise, wie die Mennoniten in der jüngsten Vergangenheit die Friedensethik praktizierten, ist die aktive Unterstützung von Menschen, die sich aufgrund ihrer Überzeugung dem Militärdienst verweigerten.

 

In der Welt

Das niederländische Täufertum hat sich größtenteils in einer städtischen Umgebung in den Wechselbeziehungen mit der soziokulturellen Oberschicht der Gesellschaft entwickelt. Diese Wechselwirkung mit der umringenden Kultur war viel stärker als zum Beispiel andernorts in Europa, wo die Mennoniten in einer selbstgewählten Isolierung und oft auch in einer Situation der Verfolgung lebten. Niederländische Mennoniten haben auf diese Weise die Botschaft der Gerechtigkeit und des Friedens  immer aktiv und häufig auf praktische Art in die Gesellschaft austragen können.

 

Zusammenfassend können wir sagen, dass der Nachdruck in der Situation in den Niederlanden auf der sozialen Ethik liegt: die Gemeinde als Vorbotin vom Königreich Gottes aus Gerechtigkeit und Frieden. Einerseits versuchen die Gemeinden Verantwortung zu übernehmen in der Gesellschaft und für die Gesellschaft, z.B. durch diakonische Projekte, oder indem sie sich aktiv als Friedensgemeinde profilieren. Andererseits positioniert sich die Gemeinde auch immer wieder als ‘Gegenüber’: sie versucht der Welt den Spiegel vorzuhalten, indem sie die Realität von Gottes Königreich sichtbar macht, durch ihr aktives Zeugnis von Gottes Frieden, in Worten und in Taten.

 

Einstellungen

Autor: Theo Hege
Übersetzung: Martje Postma 

In Frankreich entstand die Sozialarbeit der mennonitischen Kirchen in Frankreich aus den umfangreichen Hilfsaktionen des Mennonitischen Zentralkomitees (MCC), die während des Zweiten Weltkrieges ihren Anfang nahm.

 

Hilfe für Hilflose

In den Jahren 1945 und 1946 setzten sich die mennonitischen Kirchenleitenden für ein Engagement der Kirchen aus Nächstenliebe ein. Dieses Vorgehen machte es möglich, das von dem MCC begonnene Werk auch nach dessen Fortgang weiterzuführen, durch die Schaffung der Institutionen 'Association Fraternelle Mennonite'(Mennonitischer Verband Bruderhilfe)  und der 'Association du Mont des Oiseaux' (Verband von Mont des Oiseaux).  Dieses ermöglichte den Ankauf eines Grundstücks im Valdois, in der Nähe von Belfort, und die Errichtung eines Kinderheims, in 1950, und im Jahr darauf den Ankauf eines zweiten Kinderheims in Mont des Oiseaux, in der Nähe von Wissembourg (Weißenburg). Dieses Kinderheim wurde zu einer Heimstatt für Kinder und Erwachsene mit psychischen oder geistigen Behinderungen.

 

Außerdem begann eine aus Amerika stammende mennonitische Missionstätigkeit, weitergeführt durch die 'Mission Mennonite Française', um 1953 in Châtenay-Malabry, und diese gründete eine Kirche im Ort. Zugleich fand dort eine lokale Initiative für die Arbeit mit geistig behinderten Kindern Aufnahme. Das Zusammenwachsen dieser sozialen Einrichtung mit der Verkündigung des Evangeliums geschah nicht ohne Schwierigkeiten. Der Verein 'Les Amis de l'Atelier' (Die Freunde der Werkstatt) wurde 1961 ins Leben gerufen, und wurde dann in 2011 in eine Stiftung umgewandelt.

 

Stützpunkt und ausländische Studierende

Im Jahre 1966 nahm die 'Mission Mennonite Française' die Initiative für einen Stützpunkt, der Arbeit und Unterbringung ermöglichte. Heute hat diese Institution einen anderen Namen, und heißt: 'Vereinigung der Institutionen des Bereichs Emmanuel' (AEDE). Die Gesamtheit der unter diesem Namen zusammengefassten Institutionen und Dienste lässt sich in folgenden Zahlen wiedergeben: 91 Institutionen und Dienste, 4.188 betreute Personen, 2.633 Mitarbeiter. Die Finanzmittel entstammen weitgehend der öffentlichen Hand.

 

Ebenfalls hat die 'Mission Mennonite Française' 1976 eine Wohnmöglichkeit für ausländische Studenten geschaffen, die sich bis 1998 gehalten hat. 1995 eröffnete die Mennonitische Kirche von Montbéliard eine Wohnanlage mit 12 Studios, sie heißt 'Maison d'Accueil de la Prairie' (Wohnheim der Prairie).

 

In 1977 wurde beim Ankauf des Gebäudes für den neuen mennonitischen Kirchenraum eine kleine Wohnanlage mit sieben Räumen für Studenten eröffnet. Heute, 2014, ist diese vergrößert und enthält 14 Räume und 9 Studios.

 

 

Von der Wohltätigkeit Einzelner zur organisierten Sozialarbeit

Autor: Frédéric de Coninck 
Übersetzung: Martje Postma 

Wie ist es zu erklären, dass viele Menschen, die sich individuell zugunsten  hilfreicher Aktivitäten für Menschen in Not einsetzen, sich sofort zurückhaltend aufstellen, wenn wir eine Diskussion führen wollen über die Strukturen, die diesen Problemen zugrunde liegen?

Ein mennonitischer Märtyrer

Autor: Hermann Heidebrecht

Schon bald nach der Machtergreifung 1917 bekämpften die Bolschewiken jegliche Religionsausübung, da sie die Religion und vor allem die Geistlichkeit als ein großes Hindernis beim Aufbau einer neuen kommunistischen Gesellschaft sahen. So kam es Ende der 1920er Jahre zu der schlimmsten Christenverfolgung des 20. Jahrhunderts in Europa.

 

Verfolgungen

Erst nach 1987 wurde das ganze Ausmaß der Verfolgungen in der Sowjetunion bekannt. Eine Regierungskommission nannte Anfang 1990er Jahre folgende Zahlen: etwa 200.000 Geistliche (Priester, Pastoren, Gemeindeälteste, Prediger, Diakone) wurden ermordet. Weitere 300.000 Geistliche wurden in Gefängnissen und Lagern eingesperrt. Auch viele einfache Christen erlitten ein ähnliches Schicksal. Insgesamt wurden ca. 40.000 Kirchen zerstört. In den mennonitischen Dörfern wurden bis 1935 alle Kirchen geschlossen. Zunächst wurden die Gemeinden mit sehr hohen Steuern belastet. Als sie dann die Steuerschuld nicht bezahlen konnten, wurden die Kirchen beschlagnahmt und zu Kinos, Getreidespeicher, Werkstätten o. ä. umgewandelt. Die meisten Älteste und Prediger wurden verhaftet.

 

Haft

So erging es auch dem Ältesten Jakob A. Rempel aus Grünfeld (1883-1941). Dank eines großzügigen Stipendiums hatte er in den Jahren 1906-1912 an der Predigerschule und der Universität in Basel, Schweiz, Theologie, Philologie und Philosophie studiert. Zurück in Russland wurde Rempel Schullehrer und dann Universitätsdozent. Die Berufung zum Professor an der Universität Moskau konnte er nicht annehmen, da er zum Gemeindeältesten in Neu-Chortiza gewählt wurde. In den 1920er Jahren leitete Rempel die mennonitische Bruderschaft und verhandelte mit der Regierung in Moskau um den Erhalt der Gemeinden. Im September 1929 musste Rempel aus Grünfeld fliehen. Sein Vermögen wurde beschlagnahmt und seine Familie vertrieben. Im November 1929 wurde er in Moskau festgenommen, sieben Monate lang gefoltert und anschließend zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt.

 

Rempels letzter Brief

Nach einigen Jahren gelang ihm die Flucht, doch schon bald danach wurde er erneut verhaftet. Er blieb in Haft, bis er am 11. September 1941 im Gefängnis der Stadt Orel auf persönlichen Befehl Stalins zusammen mit 156 anderen Gefangenen erschossen wurde. In einem seiner letzten Briefe schrieb er:

 

Man kann mich in Ketten legen, schlagen, mir den Kopf abtrennen, aber niemand kann mir meinen Glauben, meine Kenntnisse, die Geschichte meines Leben nehmen. Vom Stallknecht zum Professor, noch höher in der gesellschaftlichen Arbeit, und jetzt bin ich auf dem Gipfel meines Lebens. Ich will mich hiermit nicht brüsten und ich schrecke auch nicht zurück vor der Wahl dieses Weges, aber tief beuge ich mich vor dem, der mir diesen Weg vorgeschrieben hat.

 

 

Mennoniten in ihrer neuen russischen Heimat

Autor: Johannes Dyck

Ein beachtlicher Teil der gegenwärtigen mennonitischen Glaubensgemeinschaft in Deutschland besteht aus Menschen, die einen Teil ihres Lebens in Russland verbracht haben. Die meisten von ihnen siedelten nach Deutschland innerhalb der letzten Jahrzehnte um. Ihre Namen klingen friesisch oder flämisch. Im stürmischen 16. Jahrhundert wurden sie zu Mennoniten und ergriffen die Flucht in die Gegend um Danzig herum, das sich damals unter polnischer Herrschaft befand. Später, als dieses Gebiet unter die Oberhoheit von Preußen fiel und die Mennoniten aufgrund ihres Glaubens wieder unterdrückt wurden, suchten sie nach einem neuen Wohnort in Russland.

 

Gute Aufnahme

Im Jahr 1789 nahm Russland die erste Gruppe von Mennoniten auf. Die Regierung des Zarenreichs gelobte ihnen freie Ausübung des Glaubens, sowie Befreiung vom Militärdienst und siedelte sie in autonomen selbstverwalteten Siedlungen an, die man Kolonien nannte. Die erste von ihnen hieß Chortitza und lag an dem Fluss Dnepr. Auf einen mennonitischen Sonderantrag hin war die Regierung sogar bereit, ihnen doppelt so viel Land geben wie sonst anderen Siedlern aus Deutschland. Im Jahr 1804 siedelte eine zweite große Gruppe von Mennoniten aus Preußen nach Südrussland um und gründete die Kolonie Molotschna. Ihnen folgten einige kleinere Gruppen. Die letzte größere Übersiedlung fand 1859 statt.

 

Fleißige Siedler

Die fleißigen und hart arbeitenden Mennoniten verwandelten das Neuland in der Steppe in eine blühende Landschaft. Ihre harte Arbeit machte Südrussland, wo sie nun lebten, zur Kornkammer Europas. Die von ihnen gegründeten kleinen Werkstätten entwickelten sich im Laufe von Jahrzehnten und Generationen zu einer prosperierenden Wirtschaft mit guten Positionen auf dem russischen Binnenmarkt. Mit der Zeit wurden die Muttersiedlungen zu klein für die wachsende mennonitische Bevölkerung. Die mennonitische Gemeinschaft hatte genug Ressourcen, um sich in den Osten auszubreiten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es große Kolonien sogar in Sibirien, dem asiatischen Teil Russlands. Die nachfolgenden Generationen haben weder die harte Arbeit verlernt noch die Bereitschaft verloren, sich in neuen ungastlichen Gegenden niederzulassen, um sie lebenswürdig zu machen.

 

Mutterland Deutschland

An dem Vorabend des 1. Weltkrieges und der russischen Revolution von 1917 gehörten die Mennoniten Russlands zu einem der fortschrittlichsten Teile der weltweiten mennonitischen Familie. Immer noch in Kolonien lebend, die längst zu deutschen Inseln im Russischen Vielvölkerimperium wurden, hielten sie eine lebenswichtige Verbindung zu ihrem Mutterland Deutschland aufrecht.

 

Viel mehr über Mennoniten in Russland gibt es in Englisch in der Mennonite Encyclopedia Online (http://www.gameo.org)

 

Das Versteck von Menno Simons

Autor: Hans-Jürgen Goertz

Am nördlichen Ortsausgang von Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein steht in der Feldmark unter einer mächtigen Linde eine reetgedeckte, weiß getünchte Kate: die Menno-Kate. Sie erinnert an die letzten Jahre von Menno Simons (1496-1561), den Namenspatron der Mennoniten. Er war 1544 aus Wismar ausgewiesen worden und hatte im Gutsdorf Wüstenfelde Unterschlupf gefunden. Hier konnte er in aller Ruhe an seinen Schriften arbeiten, brieflichen Kontakt mit seinen Gemeinden halten und sich mit seinen Mitältesten über strittige Fragen der Kirchenzucht beraten.

 

Die geheime Druckerei

Menno Simons lebte auf dem Gut Fresenburg mit einer Gruppe von Täufern zusammen, die dort schon seit 1543 siedeln durften. Das Dorf Wüstenfelde wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Ungewiss ist, ob die Kate eventuell an anderer Stelle oder dort, wo sie einst stand, wieder aufgebaut wurde. Sie könnte die Wirren des Krieges auch unversehrt überstanden haben. Möglicherweise hat Menno Simons hier gelegentlich gewohnt, um den Druck seiner Schriften zu überwachen. Die Druckerei soll ihm zwischen Frühjahr 1554 und spätestens Sommer 1556 zur Verfügung gestanden haben. Während dieses kurzen Zeitraums wurden trotz des allgemeinen Publikationsverbots täuferischer Literatur vier seiner Schriften gedruckt, u. a. die 2. Auflage seines berühmten Fundamentbuchs von 1539/40. Menno Simons blieb nach der Schließung der Druckerei in Wüstenfelde. Dort starb er am 13. Januar 1561 und  soll in einem Kohlgarten beerdigt worden sein – fünf Kilometer von der heutigen Kate entfernt. 

 

Vom Versteck zum Museum

An Menno Simons erinnert seit 1902 ein Gedenkstein und eine Bronzeplakette. Inzwischen steht die Kate unter Denkmalschutz. Sie wurde von der Vereinigung der deutschen Mennonitengemeinden gepachtet und wird von einem Ausschuss des Mennonitischen Geschichtsvereins verwaltet. In den frühen sechziger Jahren wurde damit begonnen, sie zu restaurieren und zu einem kleinen Museum auszubauen, in dem Bücher, Landkarten und Bildmaterial über die wechselvolle Geschichte der Mennoniten ausgestellt werden. Im Jahr 1986 wurde sie der Öffentlichkeit vorgestellt, seit Dezember 1999 ist sie in einem verbesserten Zustand Besuchern aus aller Welt zugänglich.

 

Zeichen der Versöhnung

Die alte Linde, die von Menno Simons gepflanzt worden sein soll, heißt im Volksmund ‘Menno-Linde’. Vor einigen Jahren haben Mennoniten sowohl in Wittenberg als auch neben  der Menno-Kate eine Buche gepflanzt. Beide Bäume bekräftigen die inzwischen erfolgte Aussöhnung zwischen den lutherischen Kirchen und den Gemeinden der Mennoniten.

 

 

Bauherr und Künstler

Autor: Paul F. Thimm
Übersetzung: Martje Postma 

In Danzig finden sich Spuren einer mennonitischen Familie der Baumeister und Künstler entstammten, der Familie van den Blocke. Die Hansestadt Danzig (Gdansk) war eine der reichsten und schönsten Städte in Nordeuropa.

 

Willem war der Sohn des Bildhauers François van den Blocke, aus Mechelen in Belgien. Zusammen mit seinem Bruder Egidius zog Willem nach Danzig, wo fähige Handwerker gesucht wurden, die den Stolz der Stadt in Bauwerke umsetzen konnten. Sein hervorragendster Auftrag war das Hohe Tor, der Anfang des 'Königlichen Weges' durch die Innenstadt. Er verzierte dieses in Stein, mit den Wappen von Polen, Preußen und dem Wappen der Stadt. In Oliva erbaute er die Grabstätte der Familie Kos. In Königsberg gibt es eine weitere von ihm erstellte Grabstätte.

 

Willems Sohn Abraham, Architekt und Steinmetz war an dem Bau des Artushofes und des Neptunbrunnens beteiligt, und er war der Baumeiste der Marmorgrabstätte für den Marquis Bonifacio in der Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit. Er entwarf ebenfalls die Baupläne für das Goldene Haus des Bürgermeisters Speimann und das Goldene Tor. Willems zweiter Sohn, Isaac, malte Gemälde in St. Katharinen und im Rathaus, und Darstellungen auf dem Altar und der Kanzel in St. Marien. Zusammen mit einem weiteren Sohn, Jacob, Zimmermann, arbeiteten sie an den Triumphbogen für König Sigismund.

 

Neuankömmlinge in Danzig, wie Egidius und Willems Söhne Abraham, Jacob und David, erlangten die Bürgerrechte, indem sie den Eid auf die Stadt ablegten. Das könnte sehr gut der Grund dafür sein, dass sie Lutheraner wurden, denn Mennoniten dürfen keine Eide schwören.

 

Vermutlich blieben Willem und sein Sohn Isaac Mennoniten. Ein Anzeichen dafür ist, dass Willem seine drei Söhne nach den Erzvätern benannte. Seine 'Vermeulen-Bibel' ist ebenfalls ein Zeichen dafür, denn was den Text angeht, kommt dieser überein mit der mennonitischen 'Biestkens-Bibel'. Der Danziger Kaufmann Krijn Vermeulen ließ diese Bibeln für seine niederländisch-sprachigen Glaubensgenossen drucken. Auf Willems Ausgabe sind sein Name und das Jahr 1607 eingedruckt.

 

Isaac ersuchte darum, sein Handwerk ausüben zu dürfen, ohne den Eid ablegen zu müssen. Sein Täufertum kann ebenfalls auf seinem Gemälde im Rathaus abgelesen werden. Gott ist darin nicht abgebildet, sondern nur angedeutet, mit einem Arm, der aus dem Himmel kommt, und dem Tetragrammaton.

 

Quellen:

Horst Penner, 'Niederländische Täufer formen als Baumeister, Bildhauer und Maler mit an Danzigs unverwechselbarem Gesicht', in: Mennonitische Geschichtsblätter (MGB), 26.Jg. 1969, S. 12 – 26.

Horst Penner 'Kunst und Religion bei Wilhelm und Isaac von dem Block', in:MGB 27.Jg. 1970, S. 48 – 50.

Rainer Kolbe, 'Wie mennonitisch war die Danziger Künstlerfamilie von Block?', in: MBG 66. Jg. 2009, S. 71 – 84.

Rainer Kolbe, 'Die Vermeulen-Bibel des Wilhelm von den Blocke von 1607', in: MGB 67. Jg.2010, S. 69 – 75. Nachtrag zu dem Artikel „Wie mennonitisch war die Danziger Familie von Block?“, in:MGB 66 (2009).

 

Trends, Einflüsse und Ausdrucksformen des Glaubens

Autor: Lukas Amstutz

Wer die derzeit 14 Gemeinden besucht, lernt schnell: Mennoniten sind verschieden. Frömmigkeitsstile und theologische Überzeugungen variieren nicht nur zwischen einzelnen Gemeinden, sondern finden sich auch innerhalb der Lokalgemeinden. Diese Vielfalt ermöglicht einerseits jene ausgeprägte Gemeindeautonomie, die einer Lokalgemeinde in Lehre und Praxis weitgehende Eigenständigkeit zugesteht. Theologische Stellungnahmen, die im Rahmen der Konferenz erarbeitet werden, haben daher meist nur empfehlenden Charakter. Andererseits ist die Verschiedenartigkeit durch unterschiedliche geistliche Impulse in Geschichte und Gegenwart zu erklären.

 

Erweckungsbewegungen

Im 19. Jahrhundert wurden viele Gemeinden von der Heiligungs- und Erweckungsbewegung erfasst. An dem in dieser Zeit auf St. Chrischona bei Basel gegründeten pietistischen Predigerseminar, liessen sich auch führende mennonitische Gemeindeälteste ausbilden. In vielen Gemeinden gibt es daher eine pietistisch-erweckliche Tradition, die persönliche Bekehrung, tägliches Gebet und Bibellektüre (Stille Zeit) sowie moralische Integrität betont. Evangelisation und (Ausland)Mission geniessen hier einen ebenso hohen Stellenwert, wie die Zusammenarbeit mit der evangelischen Allianz. Weniger stark gewichtet wird dagegen die Wehrdienstverweigerung, die vielerorts zugunsten einer obrigkeitskonformeren Haltung aufgegeben wurde.

 

Neue Einflüsse

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es nordamerikanische Mennoniten, die neue Impulse setzten. Inspiriert vom Täufertum des 16. Jahrhunderts, betonten sie die Bedeutung der folgenden Aspekte für das Wesen und den Auftrag der Gemeinde: Nachfolge Jesu, solidarische Gemeinschaft und Gewaltverzicht. Um die biblisch-theologischen und historischen Wurzeln dieser Kernpunkte in den Gemeinden zu verankern, wurde 1950 die Europäische Mennonitische Bibelschule gegründet, die heute als Theologisches Seminar auf dem Bienenberg bei Liestal ansässig ist.

 

Von diesem täuferischen Erbe geprägt, engagierten sich Mennoniten in der Folge jahrelang für den erst 1992 eingeführten Zivildienst. Darüber hinaus wuchs das Bewusstsein, dass sich das Friedenzeugnis nicht auf die Militärfrage reduzieren lässt. Konkrete Nothilfe in Krisengebieten sind daher ebenso Teil dieser friedenskirchlichen Tradition, wie das Ringen um soziale Gerechtigkeit oder das Fördern von Konflikttransformation. Dies geschieht häufig in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern in  Kirchen und Gesellschaft.

 

Ausdrucksformen des Glaubens

Mancherorts ist in neuerer Zeit eine zunehmende Offenheit für charismatische Glaubensformen gewachsen. Anbetungszeiten mit modernem Liedgut, das stärker eine emotionale Gottesliebe betont, haben sich in vielen Gottesdiensten etabliert. Die Hinwendung zu den Menschen geschieht dabei im Vertrauen auf Gottes Geist, der Menschen neben Worten und Werken auch durch Wunder heilsam anspricht und berührt.

 

Diese unterschiedlichen Glaubenstraditionen sind heute allesamt Teil der mennonitischen Vielfalt. Inwiefern es sich dabei um zusammenhangslose Glaubensäusserungen handelt, die einander bloss konkurrieren, oder ob sie sich gegenseitig befruchten und zu einer Einheit in der Vielfalt führen, wird sich immer wieder neu weisen müssen.

 

 

 

 

Arbeit

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma 

Die Kolonien der Mennoniten im russischen Zarenreich lagen in Gebieten, wo die Landwirtschaft schwierig war. Trockenperioden und extreme Dürren machten die Felder manchmal zu einem Bild des Jammers. Doch in guten Jahren wuchsen Roggen und Weizen hüfthoch. Die Ernten der Mennoniten wurden mit einem Minimum an Verlusten eingefahren. Sie bereiteten ihre Geräte und Landwirtschaftsmaschinen mit äußerster Sorgfalt vor. Alles Gerät musste bis zum Mittsommertag (24. Juni) instand gesetzt sein. An jenem Tag wurden die 'lobogreykas'(Mähmaschinen), Wagen voller Heugabeln, Rechen, Essen und Trinken auf die Felder gefahren. Die Mennoniten und ihre Arbeiter mähten das schwankende Korn in Reihen und schichteten es auf große Stapel. Diese Arbeit erforderte Übung und Körperkraft, da die Maschinen ununterbrochen arbeiteten, nur unterbrochen von einer Pause für das Mittagsmahl.

 

Übernachtung auf den Feldern

Die Erntearbeit dauerte den ganzen Tag. Um keine Zeit zu verlieren schlugen die Mennoniten ihr Nachtlager auf dem Felde auf, es gab aber auch Wagen, die ins Dorf zurückfuhren. Diese holten Essen und Wasser für den kommenden Tag. Durch diese genaue Zeitplanung war sichergestellt, dass die Ernte innerhalb von 6 bis 8 Tagen eingefahren werden konnte.

 

Dreschen

Andere, die im Dorf geblieben waren, bereiteten sich dort auf  das Dreschen vor. Sie machten Gebrauch von 'garbos'- großen Wagen. Diese wurden gebraucht für den Transport von gepressten Weizenballen an einen Ort, wo Dreschsteine von zwei Pferden, die im Kreis liefen, bewegt wurden. Kurze Stecken ('Langwieds'), die die hinteren und vorderen Räder miteinander verbanden, wurden ersetzt durch lange. Die Mennoniten befestigten ebenfalls 1,5 m hohe Leitern an beiden Seiten. Maschinen zum Säubern des Getreides wurden von Hand bedient. Der Dreschvorgang dauerte 8 bis 10 Tage, und war immer bedroht durch jähe Wetterwechsel.

 

'Ein Tag nährt ein Jahr'

Im Laufe der Zeit zog der technische Fortgang bei den Mennoniten ein, und zeigte seinen Einfluss auf die Kolonien. Mehr und mehr benutzten die Mennoniten  Dreschmaschinen. Diese waren ziemlich teuer, und daher mieteten die Mennoniten sie oft für einen Tag oder mehrere Tage. Um mit der großen Arbeitslast in wenigen Tagen fertig zu werden, stellten die Bauern 10 – 15 Hilfskräfte ein, Ukrainer aus nahegelegenen Dörfern. Diese mussten schwer arbeiten, von 3 oder 4 Uhr frühmorgens bis 10 oder 11 Uhr abends. Doch die Arbeit wurde gut bezahlt und die Mennoniten versorgten ihre Hilfskräfte mit gutem Essen. Da gab es keine Streitigkeiten, denn es war allen klar, dass ‘ein Tag ein Jahr nährt’. Die Ernte war eine schwere doch bedeutsame Zeit im Verlauf des Jahres. Es gab den Mennoniten Hoffnung für das kommende Jahr und erfüllte ihr Leben mit großer Freude.

 

Bild: John A. Lapp, C. Arnold Snyder eds.: Testing Faith and Tradition. Global Mennonite History Series: Europe. (Good Books, PA, 2006).