Gemeinschaft

Sich widmen

Autorin: Lydia Penner
Übersetzung: Martje Postma 

Niederländische Mennoniten sind sehr aktiv, wie in den Niederlanden allgemein üblich. Sie sind überzeugt davon, dass sie Verantwortung übernehmen müssen, für sich selbst, und für die Gesellschaft in der sie leben.

 

Sich bekennen

Es gibt kaum einen Beruf oder eine Sparte, in der keine Mennoniten tätig sind. An ihrem Arbeitsplatz sprechen sie über ihre Werte. Ihre Kinder besuchen zumeist staatliche Schulen, da deren Eltern ihnen lieber die eigene christliche Lebensform vermitteln wollen. Oft sind sie die einzigen Kinder in ihrer Klasse, die im Christentum beheimatet sind. Dies führt dazu, dass sie schon mal nach ihrer Kirche und ihrem Glauben gefragt werden.

 

Geburtstage

Mennonitische Kinder sind aktiv in Sport und Musik und beim Theaterspielen, bei Aktivitäten, die ihre persönliche Entwicklung fördern. Viele von ihnen sind ebenfalls außerdem aktiv in ihrer Sonntagsschule. Um einen Beitrag zu leisten bei einer Organisation, die Geburtstagspakete für Familien mit geringem Einkommen gestaltet, backten Kinder in Den Haag Gebäck, das sie nach dem Gottesdienst verkauften. In den Niederlanden wird großer Wert auf eine Geburtstagsfeier gelegt, was unter anderem bedeutet, das Kinder etwas Leckeres für ihre Klassenkameraden mitbringen. Mit diesen Paketen können Kinder aus armen Familien ihren Geburtstag so feiern wie alle anderen Kinder auch.

 

Fahrradfahren

Mennoniten aller Altersgruppen sind begeisterte Fahrradfahrer. Mit dem Fahrrad unterwegs zu sein ist ja auch die schnellste und billigste Art, sich in einem dicht bevölkerten Land fortzubewegen, es ist gesund und besser für die Umwelt. In Joure, einer kleinen Stadt in Friesland, hat die Jugend eine Radtour auf den Spuren von Menno Simons organisiert, von seinem Geburtsort Witmarsum nach Bad Oldesloe, wo er gestorben ist. Mit der Unterstützung von Sponsoren sammelten sie Geld für eine Behindertenwerkstatt in einem nahegelegenen Dorf.

 

Ehrenamtlicher Einsatz

Wie Christen aus anderen Kirchen auch übernehmen mennonitische Eltern, Senioren und Alleinstehende aller Altersgruppen viele ehrenamtliche Aufgaben, nicht nur in ihrer eigenen Gemeinde, sondern auch an ihren Wohnorten. Sie sind z.B. als Gastgeber in Museen tätig, sie besorgen Blumen für Krankenhäuser und Altenwohnheime, und bringen Patienten zu gemeinsamen Aktivitäten. Sie besuchen Menschen, die wenig Kontakte haben, machen Besorgungen und erledigen Handwerkliches für Menschen in ihrer Nachbarschaft, die ihre Wohnung nicht verlassen können, und stehen Verwandten und Nachbarn bei, wenn diese in Not sind – eine Vielzahl an Aufgaben. Einige Gemeinden, wie Zaandam, Surhuisterveen, Rottevalle und Drachten, engagieren sich bei der Flüchtlingsarbeit im Lande.

 

Pax-Boys – Die Friedensengel

Autorin: Isabell Mans

‘Sie waren Engel für die Menschen‘, sagte Ruth Wedel, eine Zeitzeugin. Die Friedensengel waren junge Männer, die in den USA Kriegsdienst verweigert hatten und nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland neue Häuser bauten. Sie absolvierten ihren Friedensdienst mit der Hilfsorganisation Mennonite Central Comittee (MCC).

 

Liebe als Lebensphilosophie

Der Amerikaner Roger Hochstetler kam 1951 nach Deutschland, um den Deutschen seine Solidarität zu zeigen. Obwohl die Deutschen den Krieg angefangen hatten und viel Leid bei Amerikanern und anderen Völkern verursacht hatten, fühlte sich Hochstetler mit seinen christlichen Geschwistern in Deutschland verbunden. Viele Amerikaner hatten Vorbehalte gegenüber Deutschen, aber Hochstetler sagte: ‘Liebe war schon immer meine Lebensphilosophie. Wir bauten in Deutschland Häuser, um Opfern des grausamen Krieges zu helfen.‘

Die Pax-Boys bauten in ganz Deutschland Siedlungen für mennonitische Flüchtlinge aus West- und Ostpreußen oder der ehemaligen UDSSR, z.B. in Neuwied, Wedel oder Lübeck. Innerhalb dieser Siedlungen entstanden neue mennonitische Gemeinden.

 

Botschafter im Namen Christi

‘Im Namen Christi‘ (so das Motto des MCC) kamen die Pax-Boys Anfang der 1950er nach Deutschland. Sie wollten „Botschafter des Friedens“ sein: Die jungen Männer lebten in Deutschland in einfachsten Unterkünften, verzichteten auf ihren Lohn und bezahlten selbst noch 75 Dollar pro Monat, um Teil des Projektes sein zu dürfen.

Dwight Wiebe schreibt:

 

Frieden bedeutet eine Zeit für Heilung, Zuwendung und Wiederherstellung. … Ich kam im Februar 1954 in Europa an. Hier traf ich 30 junge Männer zwischen 18 und 22, die nach Deutschland gekommen waren, um ihren christlichen Glauben in die Tat umzusetzen. Alle waren bereit, Botschafter des Friedens zu werden.

 

Ohne Anleitung oder professionelle Unterstützung gruben sie Keller und Fundamente und errichteten Häuser mit den einfachsten Mitteln. Selbst lokale Reporter staunten, warum hier Menschen in der Kälte ohne Gehalt für fremde Menschen – ehemalige Feinde – Häuser bauen.

 

Frieden zum Anfassen

Für den Bau des mennonitischen Gemeindehauses in Krefeld leisteten acht Pax-Boys innerhalb von fünf Monaten 5771,5 Arbeitsstunden. Mit ihrer Hilfe war der Bau wesentlich günstiger und das Gemeindehaus konnte zügig fertig gestellt werden. In Wedel bei Hamburg wurden zwischen 1954 und 1958 neben einem Gemeindehaus noch elf Doppelhäuser gebaut. Ende der 1950er wohnten dort ca. 120 Personen, einschließlich Kinder. Hier gestalteten die Pax-Boys die Kinder- und Jugendarbeit mit und trugen auch auf diese Weise zum Gemeindeaufbau bei. Die Pax-Boys waren sichtbare Zeichen des Friedens in einer vom Krieg zerstörten Welt.

 

Zusammen Weihnachten feiern

Autor: Paul Hege
Übersetzung: Martje Postma 

Seit einigen Jahren beteiligt sich die Mennonitengemeinde in Straßburg an der Aktion 'Vivre Noël Ensemble' – Weihnachten gemeinsam erleben. Diese Feier erlaubt es uns, unseren Glauben im Dienst unserer Nächsten zu leben, unser Verständnis von Weihnachten zu erneuern und als Team mit anderen in unserer Stadt aktiv zu sein.

 

Gemeinsamkeit

Jedes Jahr haben 15 bis 20 Menschen aus unserer Gemeinde sich entschieden, die Christnacht, vom 24. auf den 25. Dezember, mit etwa der gleichen Anzahl an Gästen zu verbringen, Menschen vom Rande der Gesellschaft, die sonst ein sehr trauriges und einsames Weihnachtsfest verbringen würden. Keiner und keine von uns bedauert diese Erfahrung. Einige beschreiben die Freude an einem solch andersartigen Christfest, das sich stärker an unsere Nachbarn richtet, und durch die spontanen Beiträge unserer Gäste bereichert wird. Andere sind dankbar für den Reichtum und Tiefe der Gespräche mit unseren Gästen, trotz der Sprachbarriere, die es manchmal gibt. Einige Kontakte bleiben erhalten und manche werden sogar zu Freundschaften. Viele sagen, dass diese Zeiten uns die Augen öffnen für die Nöte und die Armut, die wir täglich erfahren, ohne sie richtig wahrzunehmen.

Für die Kirche ist es ein schönes Projekt, in dem jedes Gemeindeglied einen Platz findet, Paare und Alleinstehende gleichermaßen wie Kinder, und Erwachsene ebenso wie ältere Menschen.

Wir ermutigen jedes Mitglied zur Teilnahme, und wir stellen fest, dass viele bereit sind, es im darauf folgenden Jahr zu wiederholen.

 

Ökumenisch

'Vivre Noël Ensemble' entstand zunächst als eine christlich solidarische Initiative einer Kirchgemeinde. Heute ist es eine Organisation, bei der verschiedene christliche und nicht-christliche Vereine und Verbände und einige Kirchen involviert sind, und diese verhelfen etwa 300 Menschen am Rande der Gesellschaft dazu, das Weihnachtsfest  würdig zu begehen.

Sie werden von den verschiedenen Partnern willkommen geheißen, jeweils an ihrem eigenen Standort, entsprechend der dortigen Möglichkeiten. Das gesamte Team ist zuständig für die Mahlzeit, ein Geschenk für jeden Gast, und die Weitervermittlung zu den verschiedenen Örtlichkeiten. Dort richten dann die Teams der Gastgeber ihre Aufmerksamkeit und Energie auf ein ansprechendes Willkommen. Die Organisation organisiert ebenfalls ein freundschaftliches Treffen in der Innenstadt, unter dem großen Weihnachtsbaum, wo das Fest seinen Anfang nimmt, mit heißen Getränken, Gebäck und Musik: hier treffen sich die Gäste und die Gastgeber, bevor die Gruppen auseinandergehen und die Feier in den jeweiligen Räumlichkeiten weitergeführt wird.

 

Als kleine Kirche in unserer großen Stadt sind wir sehr glücklich, dass wir unseren Platz in diesem Projekt gefunden haben, das von Christen ausging, und dann mit anderen geteilt, und wir glauben, dass wir darin unserem Herrn in Straßburg die Ehre erweisen.

 

 

 

 

Sonntagsschule, Pfadfindergruppen, Glaubenskurse und Seminare für Kinder

Autorin: Beate Zipperer

Kinder

Das Weitererzählen der biblischen Geschichten für Kinder ist nicht nur in den Familien üblich, sondern findet auch regelmäßig am Sonntag statt. Während die Erwachsenen Gottesdienst feiern, sind in vielen Gemeinden die Kinder mit einem oder mehreren Mitarbeitern im Kindergottesdienst. In manchen Gemeinden heißt diese Zeit immer noch ’Sonntagsschule’, obwohl es hier nicht wie in der Schule zugeht. Es gibt weder Noten noch werden die Kinder nach ihrem Wissen beurteilt, sondern lernen Jesus Christus kennen und üben miteinander ein, wie man als Jesusnachfolger leben kann und sollte. Die Kinder tauschen Gedanken und Gefühle über das Gehörte aus, stellen Fragen, sind miteinander im Gespräch. Sie beten und singen miteinander und sie basteln und spielen.

In unserer Gemeinde, Evangelische Freikirche Mennonitengemeinde Ingolstadt e.V. sind die Kinder am Beginn des Gottesdienstes mit den Erwachsenen zusammen und gehen dann zu ihrem eigenen Programm. Sie treffen sich in vier verschiedenen Altersgruppen, um miteinander dem Alter entsprechend die Geschichten aus der Bibel zu hören und/oder glaubensrelevante Themen zu diskutieren.

Auch Kinderbibelwochen werden in einigen Gemeinden angeboten. Kinderbibelwochen sind sehr beliebt bei den Kindern und bieten die Möglichkeit, das eigene biblische Wissen zu vertiefen und um Freunde aus der Schule und dem Bekanntenkreis einzuladen, um mit ihnen über den Glauben an Jesus ins Gespräch zu kommen. In manchen Gemeinden ist auch die Arbeit der Royal Rangers, christliche Pfadfinder gut eingebunden.

 

Für Jugendliche und junge Erwachsene

Der sogenannte Taufunterricht ist mittlerweile in vielen Gemeinden mit Glaubensunterweisung oder Gemeindeunterricht oder Biblischer Unterricht überschrieben. Dieses Angebot für Jugendliche führt nicht automatisch zur Taufe, sondern ist eine Möglichkeit, sich intensiv mit den theologischen Grundlagen christlichen Glaubens auseinanderzusetzen und auch die geschichtlichen Hintergründe der Täuferbewegung zu beleuchten, aber auch sich mit der eigenen Glaubenspraxis auseinanderzusetzen.

In Jugendgruppen und/oder speziell auf Jugendliche zugeschnittenen Gottesdienste besteht die Möglichkeit, Gemeinschaft zu erfahren und theologische Themen zu besprechen.

Zusätzlich zu den Bildungsangeboten in den Gemeinden gibt es in Süddeutschland das Jugendwerk süddeutscher Mennoniten e.V., juwe, das Freizeiten, Schulungen, Glaubenskurse und Weiterbildungsangebote speziell für Kinder und Jugendliche organisiert und durchführt.

 

Für Erwachsene

Seminarangebote für alle Altersstufen (z.B. Seniorenfreizeiten, Familienfreizeiten, Glaubens-grundkurse und Fortsetzungskurse für alle) erweitern und bereichern das Bildungsangebot in mennonitischen Gemeinden im Süden Deutschlands. Diese werden entweder in den einzelnen Gemeinden oder überregional in verschiedenen Tagungshäusern durchgeführt. Eine gute und weithin bekannte Möglichkeit ist das Theologische Seminar Bienenberg in der Schweiz, an dem man auch studieren kann.

Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Autor: Johannes Dyck

In Deutschland wird der Großteil der geistlichen Arbeit mit Kindern von jungen Gemeindegliedern gemacht, die sich dadurch im Gemeindeleben einsetzen. In der Sowjetunion war Arbeit mit Kindern hingegen ein gefährliches Unterfangen.

 

Seit 1929 verbot das Gesetz jede Art von Spezialversammlungen, darunter Frauen-, Kinder- und Jugendstunden. Als die nach 1955 neu gegründeten Gemeinden sich um Legalisierung bemühten, forderten die Behörden strikte Einhaltung dieses Gesetzes. Darüber hinaus verboten sie oftmals sogar die Anwesenheit von Kindern in gewöhnlichen Versammlungen. Von Zeit zu Zeit wurden Sonntagsversammlungen von Beamten und Lehrern gestört, die Listen von anwesenden Kindern aufstellten. Gewöhnlich wurden die aufgeschriebenen Kinder dann am nächsten Tag zur Schulleitung zitiert und vor den Schülern in der Klasse ausgelacht. Sowohl für die jungen Gemeinden als auch für die jungen Eltern waren die Jahre 1958 bis 1966 mit Kampf um die Kinder gefüllt. Letztendlich gewannen die Eltern die Schlacht, und die Kinder durften die Versammlungen in der Gemeinde besuchen.

 

Siege trotz hoher Risiken

Kurz nach diesem wichtigen Sieg begann man in vielen Gemeinden mit kleinen Sonntagsschulen in privaten Wohnungen. In den Städten konnte diese Arbeit besser verheimlicht werden als auf dem Lande. Für diese Arbeit wurden einige Personen, darunter junge Frauen, zu Haftstrafen verurteilt. Trotzdem wurde diese gefährliche Arbeit bis zur Ausreise nach Deutschland durchgeführt, oftmals durch junge Frauen.

 

Junge Menschen übernehmen Verantwortung

Auch Jugendarbeit gehörte zur Grauzone der Legalität, oftmals toleriert durch die Behörden. Gewöhnlich trafen sich Jugendliche für geistliche Gemeinschaft und Bibelstudium in kleinen Gruppen in privaten Häusern, häufig zwei Mal in der Woche. Dieser Teil der Gemeindearbeit wies großes Potential auf und versorgte Gemeinden mit jungen Menschen, die bereit waren, Verantwortung und Dienst zu übernehmen. Ins Leben wurden auch Jugendchöre gerufen, die einen wichtigen Anziehungspunkt für Jungen und Mädchen bildeten. Deren seltene Auftritte wurden zu Festtagen in den Gemeinden.

 

Gute Perspektiven

Dinge, die von der kommunistischen Regierung unter Verbot gesetzt wurden, bekamen eine besondere Anziehungskraft in der neuen Freiheit in Deutschland. Wohlwissend um die Wichtigkeit von Kinder- und Jugendarbeit für die Zukunft haben mennonitische Gemeinden eine blühende Kinder- und Jugendarbeit aufgebaut, die Kinder in den Gemeinden halten. Wenn man an die oftmals kinderreichen mennonitischen Familien in Deutschland denkt, trägt diese Arbeit viel zum Wachstum der Glaubensfamilie bei.

 

Gemeindeleben

Autor: Johannes Dyck

Das Gemeindeleben der russlanddeutschen Mennoniten in Deutschland ist in vielen Hinsichten dem traditionellen Weg ähnlich, den man vor der Verfolgungszeit in der Sowjetunion beschritt. Die Gemeinde kommt jeden Sonntag zu einem oder zwei Versammlungen zusammen. Die Gestaltung einer gewöhnlichen Versammlung ist einfach – ein bis drei (kurze) Predigten im Wechsel mit Chor- und Gemeindegesang. Die Prediger sind von unterschiedlichem Alter und geistlicher Erfahrung. Die Zahl der Verkündiger in einer Gemeinde kann in die Dutzende gehen.

 

Predigt

Die Tradition vieler Verkündiger kommt von den pietistischen Erweckungsversammlungen her, die in Russland in den 1840er Jahren ihren Anfang hatten, in denen mehrere Teilnehmer ihr Zeugnis brachten. In der frühen Mennoniten-Brüdergemeinde wurde die Vielzahl von Predigern schnell zu Tradition. Einsatz von vielen Brüdern machte sie alle zu aktiven Verkündigern des Wortes Gottes und gab zusätzliche Kraft der Verbreitung des Evangeliums. In der Erweckung der Nachkriegszeit, die in einer Verfolgungszeit stattfand, war eine große Verkündigerzahl die beste Überlebensstrategie – wenn die Leiter verbannt oder verhaftet wurden, gab es immer wieder Neue an deren Stelle.

 

Themen und Gesang

Folgend einer alten pietistischen Tradition besteht der Hauptinhalt einer Predigt aus Ermutigung im Glauben. Oft rufen Prediger zur Buße, Bekehrung und Wiedergeburt auf. Man predigt über Nachfolge, heiliges Leben und Trennung von der Welt. Diese Themen dominieren auch die wöchentlichen Gebets- und Bibelstunden. Ein wichtiger Teil der russlanddeutschen mennonitischen Frömmigkeit ist Gesang. In Zeiten der Verfolgung, als Mangel an Bibeln herrschte, konnten christliche Lieder einfacher auswendig gelernt und so weitergegeben werden. Oft waren sie der einzige Weg der Stärkung im Glauben und des Trostes sowohl für einzelne Personen als auch für kleine Gruppen. Für viele junge Menschen waren deutsche geistliche Lieder der Weg, um Deutsch zu lernen. Wichtig für das Gemeindeleben ist auch der Chorgesang.

 

Beziehungen und Begegnungen

Das Gemeindeleben beschränkt sich längst nicht auf Versammlungen. Es findet seinen Ausdruck auch in engen persönlichen Beziehungen unter den Gemeindegliedern. Dieses Modell der Nähe und Verbundenheit des Gemeindelebens entstand vor langer Zeit, durch Leben in der Kolonie in einer ländlichen Umgebung als Gemeindeglieder im selben Dorf lebten und Nachbarn waren. Wichtiger Teil des Gemeindelebens sind geschlossene Gemeindestunden. Hier berichten Taufkandidaten über ihren Glauben, hier wird Gemeindedisziplin ausgeübt, es wird über moralische Standards und Zeugnis vor der Welt gesprochen und wichtige Entscheidungen (hinsichtlich des Gemeindelebens) werden getroffen.

 

 

 

Ein bescheidener Mann, der viele seiner Ideale in die Tat umsetzen konnte.

Autor: Marius Romijn
Übersetzung: Martje Postma 

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nahm der Einfluss des liberalen Protestantismus in den Niederlanden ab, während die protestantische Orthodoxie und der Katholizismus stabil blieben. Viele junge Pastoren hatten ihre Schwierigkeiten mit den Konzepten 'Sünde und Vergebung'. Sie wurden von den Quäkern in England inspiriert, besonders von den Treffen in Woodbrooke, wo Christus und die Gebetsfrömmigkeit den Mittelpunkt bildeten. Laien konnten in geistigen Dingen und praktischen Angelegenheiten Leitung geben.

 

Tjeerd war als Student der Theologie von dieser nicht klerikalen Frömmigkeit, von der Laientätigkeit in der Kirche und durch das Friedenszeugnis angetan. Er nahm mit anderen Mennoniten Kontakte auf, um die Möglichkeiten für die Einführung dieses Gedankengutes in die Bruderschaft zu durchdenken. Dies war die Keimzelle für den 'Verein für Gemeindetage', Vereniging voor Gemeentedagen, eine Kombination aus nationalen und regionalen Treffen, Arbeitsgruppen und nach und nach ebenfalls für die Konferenzgebäude und Unterbringungsmöglichkeiten für Besucher. Diese Möglichkeiten standen auch Frauen offen, und das belebte die Bruderschaft mit neuem Schwung. Hylkema, Prediger der Gemeinde Giethoorn seit 1912, war zehn Jahre lang der Vorsitzende dieser Bewegung. Das Zentralkomitee der Mennoniten (Algemene Doopsgezinde Sociëteit) zeigte sich zunehmend beunruhigt, aufgrund ihrer sozialistischen, feministischen, pietistischen und orthodoxen Züge. Die erste Ausgabe des Organs für den 'Verein für Gemeindetage' 'Briefe', brieven, erschien 1918. Es gab Ausschüsse, die sich auf Bibelstudien richteten, andere auf die Organisation von Sommerlagern für junge Leute, den Pazifismus, und andere Angelegenheiten.

 

In Giethoorn gründete Hylkema eine Korbflechterschule. Er war auch der Initiator für die Hilfe für die Russland-Mennoniten, die nach der Revolution von 1917 unter schweren Verfolgungen litten. Eine von ihm verfasste Schrift zu diesem Thema erlebte mehrere Neuauflagen, und erschien auch auf Deutsch. Er war eine große Hilfe bei der Emigration von hunderten Mennoniten nach Nord- und Südamerika, aus Rotterdam. Nach der Wirtschaftskrise von 1929 bekamen auch verarmte niederländische Familien Hilfe. Während des Zweiten Weltkrieges organisierte er einen Transport nach London für jüdische Kinder, und Unterstützung für Flüchtlingslager in den Niederlanden.

 

Nachdem er der Gemeinde Giethoorn als Prediger gedient hatte, wurde er zu diesem Amt nach Amersfoort und Amsterdam berufen. Er diente der niederländischen mennonitischen Friedensorganisation als Präsident, und arbeitete für die Bibliothek des Friedenspalastes in Den Haag. Er schrieb für die 'Brieven', veröffentlichte mehrere Bücher, und war einer der Redakteure für das Mennonitische Gesangbuch (1944). Seine Arbeit für die 'Gemeentedagbeweging' festigte die internationalen Beziehungen, und lieferte einen Beitrag zur Erweiterung des Aufgabenbereichs der  ADS, 'Algemene Doopsgezinde Sociëteit'.

 

Er verhalf zu einer 'Stärkung der Gottesdienste' (hauptsächlich durch die Unterstützung des Seminars) und Unterstützung der materiellen, ethischen und religiösen Interessen der Mennoniten, und deren Vertretung.

 

Tjeerd Hylkema war ein bescheidener Mann, der trotz seines schwachen Gesundheitszustandes viele seiner Ideale in die Tat umsetzen konnte. Er war eine große Hilfe für die niederländischen Mennoniten, auf ihrem Weg in das zwanzigste Jahrhundert.   

 

 

Unternehmer und Reformer

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Johann Cornies war eine Persönlichkeit, die weithin Vertrauen genoss bei den  Mennoniten, seine Laufbahn verlief im Dienste der russischen Regierung. Die Regierung unterstützte Cornies als ein Verfechter von Reformen. Seine Wertvorstellungen unterschieden sich von denen des geistlichen Leiters J. Warkentin, der darauf bestand, dass die Gemeinden isoliert bleiben müssten, und eine Zusammenarbeit mit der russischen Führungselite ablehnte. Die öffentliche Unterstützung, die Cornies erhielt, beruhte auf  seinem Erfolg als Unternehmer. Er betrieb Handel, Schafzucht und Brauereien, ihm gehörte ein kleines Unternehmen. Die Gewinne seines landwirtschaftlichen Betriebes investierte er in die Entwicklung der Industrie, ein zukunftsweisender Faktor zum Erfolg für die Kolonien.

 

Leiter von Siedlungen und von Gesellschaften

Johann Cornies begann seine Laufbahn im Jahre 1817, als das Komitee der Aufsichtsbehörde ihn zum Leiter der neuen Danziger Siedlungen ernannte. Danach war er für die Kolonien der Auswanderer aus Wittenberg zuständig. Ab 1825 arbeitete er an dem 'Projekt Nogay', einem Programm das auf die Zivilisierung der Nogay Tataren abzielte. Cornies erwies sich als außerordentlich begabt in der Verwaltung, geprägt von Toleranz und seiner Fähigkeit, die Forderungen der russischen Regierung mit den Bedürfnissen einer traditionsverbundenen Gesellschaft zu verbinden.

Als Vorsitzender der 'Gesellschaft für Forstwirtschaft' (1830) und der 'Gesellschaft für Agrikultur'(1836) hatte er eine glückliche Hand in der Begleitung vieler Projekte für den wirtschaftlichen Fortschritt. 'Die Gesellschaft für Agrikultur' gab existierte bis 1871.

 

Innovationen und Neu-Halbstadt

In der Zeit, als die Zahl der landlosen Bevölkerung anstieg, stellte Johann einen neuen Plan vor, der darin bestand, kleine Grundstücke im Umkreis der Kolonien an Gemeindeglieder zu vergeben. Er machte dazu eine Schenkung von 100.000 Rubel aus seinem persönlichen Besitz für die Gründung einer neuen Kolonie namens Neu-Halbstadt.

Cornies war ein Privatbankier an mennonitische und deutsche Unternehmer, russische Großgrundbesitzer und Politiker Geld verlieh, er brachte Gemeinden dazu jungen Unternehmern Kredit zu geben. Johann stellte ein Programm auf, in dem mennonitische Handwerker bulgarischen Jungendlichen ein Handwerk lehrten. Er reformierte das Schulwesen mit Erfolg.

 

Zukunftsweisend

Cornies glaubte, dass das Ziel der mennonitischen Ideologie? War, die Siedlung beisammenzuhalten, und Gerechtigkeit innerhalb der Gemeinde walten zu lassen. Seine Grundsätze beruhten auf den Einfluss seiner pietistischen Werte. Auch wenn er ein autoritärer Leiter war, erreichte er positive Veränderungen innerhalb der Kolonie. Er war davon überzeugt, dass die Zukunft der Kolonie in einem modernisierten Russland von den marktwirtschaftlichen Entwicklungen innerhalb der Siedlungen beruhte. Daher waren die meisten seiner Projekte auf den zukünftigen Erfolg gerichtet. Die Ergebnisse seiner Projekte waren positiv und erwiesen ihren Wert in der darauffolgenden Dekade.

Behinderten Menschen zugewandt

 Autor: André Hege
Übersetzung: Martje Postma 

Zwei Stiftungen in der Region von Paris 'Les Amis de l'Atelier' (Die Freunde der Werkstatt' und 'Domaine Emmanuel' (Tätigkeitsbereich Emmanuel) sind eng mit der Geschichte der Mennoniten verbunden. Diese Gruppen haben 4000 Menschen in 70 Institutionen und Diensten geholfen oder ihnen Richtung gegeben.

 

Geschichte

Diese Tätigkeit nahm ihren Anfang im Jahre 1950, durch die Freundschaft zwischen den Mennoniten und einer Familie mit einem behinderten Kind. Hilfe für das Kind war in dieser Situation vonnöten, und es wurde ein Treffpunkt für Kinder eingerichtet, in einem Fertighausschuppen, ohne Elektrizität oder Wasser. Diese unscheinbare Initiative wurde zu einer bedeutsameren Einrichtung, als das erste Zentrum für die 'Unterstützung durch Arbeit' in Châtenay-Malabry gegründet wurde, und danach ein zweites Zentrum mit Unterbringungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen in Hautefeuille, östlich von Paris auf dem Lande.

 

Nach und Nach entwickelte sich unser Projekt, unterstützt durch staatliche Finanzhilfen. Wir sind professioneller geworden, besser befähigt die individuellen Erfordernisse jeder einzelnen Person zu verstehen, und können diese dadurch besser unterstützen. Die Räume gewähren die bestmögliche Unterbringung in Gemeinschaft. Ein häuslicher Pflegedienst wurde als Ergänzung der Dienstleistungen eingerichtet, für diejenigen, die mit der richtigen Unterstützung weiterhin zuhause wohnen können.

 

Beide Stiftungen haben spezielle Zentren ins Leben gerufen, die besonders auf die Bedürfnisse älterer Menschen mit Behinderungen gerichtet sind. Die Stiftung 'Domaine Emmanuel' unterhält Spezialzentren für Menschen, die nach einer psychischen Krankheit mit geistigen Behinderungen fertig werden müssen.

 

Geschwisterliche Liebe: verschiedene Ansichten akzeptieren

Einige unserer Heime bieten vollständige medizinische Versorgung für Menschen,  die einer intensiveren Pflege bedürfen. Beide Stiftungen haben heutzutage Unterbringungsmöglichkeiten für Menschen mit schweren Behinderungen. Beide nehmen sie Menschen mit speziellen Bedürfnissen auf, besonders auch autistische Kinder, in Zusammenarbeit mit medizinischen Instituten. Indem wir dieses tun, verbreiten wir eine Botschaft von Respekt und Wertschätzung, die wir an Menschen mit Behinderungen weitergeben.

 

Wir möchten allen Menschen Wertschätzung und Respekt zeigen, und ihnen helfen,  soweit wie möglich für ihr eigenes Leben verantwortlich zu sein. Es ist auch unser Ziel, Menschen mit speziellen Bedürfnissen in eine reguläre Arbeitssituation einzubinden, wann immer dies möglich ist. Indem wir für Unterbringung und Arbeit sorgen, schaffen wir Integration und verringern das Gefühl der Isolation.

 

Wir glauben, dass geschwisterliche Liebe mehr und mehr angenommen wird, und sich zeigt in unserer Bereitschaft, verschiedene Ansichten gelten zu lassen. Unsere Erfahrung sollte sich immer nach den heutigen Bedürfnissen richten, und sowohl Kreativität als auch Anpassungsfähigkeit zeigen.

 

Unsere Webseiten (in Französisch)

http://www.fondation-amisdelatelier.org/

http://www.aede.fr/