Ukraine

Sprachen: Ukrainisch (offiziell) 67%, Russisch (regional 24%) Religionen: 66% Orthodox,  Griechisch-Katholisch  10%

Bevölkerung: 44 Million

Hauptstadt: Kiew

Mennoniten in der  Ukraine

Anzahl Mennonitischer Gemeinden: 7

Anzahl getaufter Mennoniten281 = 0,5% der   europäischen Mennoniten

Unternehmer und Reformer

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Johann Cornies war eine Persönlichkeit, die weithin Vertrauen genoss bei den  Mennoniten, seine Laufbahn verlief im Dienste der russischen Regierung. Die Regierung unterstützte Cornies als ein Verfechter von Reformen. Seine Wertvorstellungen unterschieden sich von denen des geistlichen Leiters J. Warkentin, der darauf bestand, dass die Gemeinden isoliert bleiben müssten, und eine Zusammenarbeit mit der russischen Führungselite ablehnte. Die öffentliche Unterstützung, die Cornies erhielt, beruhte auf  seinem Erfolg als Unternehmer. Er betrieb Handel, Schafzucht und Brauereien, ihm gehörte ein kleines Unternehmen. Die Gewinne seines landwirtschaftlichen Betriebes investierte er in die Entwicklung der Industrie, ein zukunftsweisender Faktor zum Erfolg für die Kolonien.

 

Leiter von Siedlungen und von Gesellschaften

Johann Cornies begann seine Laufbahn im Jahre 1817, als das Komitee der Aufsichtsbehörde ihn zum Leiter der neuen Danziger Siedlungen ernannte. Danach war er für die Kolonien der Auswanderer aus Wittenberg zuständig. Ab 1825 arbeitete er an dem 'Projekt Nogay', einem Programm das auf die Zivilisierung der Nogay Tataren abzielte. Cornies erwies sich als außerordentlich begabt in der Verwaltung, geprägt von Toleranz und seiner Fähigkeit, die Forderungen der russischen Regierung mit den Bedürfnissen einer traditionsverbundenen Gesellschaft zu verbinden.

Als Vorsitzender der 'Gesellschaft für Forstwirtschaft' (1830) und der 'Gesellschaft für Agrikultur'(1836) hatte er eine glückliche Hand in der Begleitung vieler Projekte für den wirtschaftlichen Fortschritt. 'Die Gesellschaft für Agrikultur' gab existierte bis 1871.

 

Innovationen und Neu-Halbstadt

In der Zeit, als die Zahl der landlosen Bevölkerung anstieg, stellte Johann einen neuen Plan vor, der darin bestand, kleine Grundstücke im Umkreis der Kolonien an Gemeindeglieder zu vergeben. Er machte dazu eine Schenkung von 100.000 Rubel aus seinem persönlichen Besitz für die Gründung einer neuen Kolonie namens Neu-Halbstadt.

Cornies war ein Privatbankier an mennonitische und deutsche Unternehmer, russische Großgrundbesitzer und Politiker Geld verlieh, er brachte Gemeinden dazu jungen Unternehmern Kredit zu geben. Johann stellte ein Programm auf, in dem mennonitische Handwerker bulgarischen Jungendlichen ein Handwerk lehrten. Er reformierte das Schulwesen mit Erfolg.

 

Zukunftsweisend

Cornies glaubte, dass das Ziel der mennonitischen Ideologie? War, die Siedlung beisammenzuhalten, und Gerechtigkeit innerhalb der Gemeinde walten zu lassen. Seine Grundsätze beruhten auf den Einfluss seiner pietistischen Werte. Auch wenn er ein autoritärer Leiter war, erreichte er positive Veränderungen innerhalb der Kolonie. Er war davon überzeugt, dass die Zukunft der Kolonie in einem modernisierten Russland von den marktwirtschaftlichen Entwicklungen innerhalb der Siedlungen beruhte. Daher waren die meisten seiner Projekte auf den zukünftigen Erfolg gerichtet. Die Ergebnisse seiner Projekte waren positiv und erwiesen ihren Wert in der darauffolgenden Dekade.

'Ein Mann mit einer Mission'

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Jacob Hoeppner war ein mennonitischer Unternehmer im polnischen Preußen, der eine aktive Rolle in der Umsiedlung der Mennoniten in das russische Zarenreich spielte. Er war einer der Ersten, der von der Möglichkeit und dem Nutzen einer mennonitischen Migration überzeugt war. Mit dieser Haltung inspirierte er andere weniger entschlussfreudige Vertreter der Gemeinde. Seine Zielstrebigkeit und seine Unterstützung für eines der Hauptprojekte einer Umsiedlung bildeten den Grundstein für einen neuen Abschnitt in der Geschichte der europäischen Mennoniten.

 

Hoeppner war ein Unternehmer, der einen kleinen Laden mit Wirtsstube in Danzig gemietet hatte und betrieb. Georg von Trappe, der Gesandte der russischen Regierung, der zufällig als Kunde zu Hoeppner kam, war von seiner Geschäftstüchtigkeit beeindruckt. Er überbrachte Neuigkeiten über die Manifeste der Zarin Katharina der Zweiten, und über die Möglichkeiten für eine Übersiedlung der Mennoniten. Als die Lebensumstände für Mennoniten im polnischen Preußen sich unter Friedrich dem Zweiten verschlechterten, ermunterte die Danziger Mennonitengemeinde Hoeppner und seinen Kollegen Johann Bartsch zu einem Besuch nach Russland zu fahren. Das Ziel dieser Reise war, die Bedingungen für eine Übersiedlung zu klären, und geeignete Ländereien für die Besiedelung zu finden. Im Herbst 1786 fuhren Hoeppner und Bartsch nach Russland. Sie begutachteten einen Landstrich in der Nähe von Beryslaw. Im Frühjahr des Jahres 1787 wurden die 'Privilegien' verfasst, als Ergebnis der Verhandlungen mit dem Staatsmann G. Potemkin. Das Dokument wurde im Jahre 1788 von Katharina der Zweiten unterschrieben.

 

Die Privilegien versprachen den Neusiedlern günstige Bedingungen. Diese beinhalteten Religionsfreiheit und Selbstverwaltung und begünstigten ein Leben in freier Entfaltung wirtschaftlicher Tätigkeiten. Indem die Abgesandten diese Privilegien unterschrieben, sicherten sie auch ihre persönliche Zukunft. Wie in dem Dokument festgelegt, erhielten sie selber das Recht, die mit staatlicher Hilfe zu bauenden Mühlen, zu vererben, und Geschäfte, Brauereien und Essigwerke zu besitzen.

 

Die erste Siedlergruppe kam in 1787–1788 in Russland an. Während ihrer Reise nach Beryslaw änderte die russische Regierung den Ort für die mennonitische Ansiedlung, aufgrund der Drohungen aus dem Ottomanischen Reich. Die neuen Ländereien in Chortitza waren nicht so fruchtbar wie die in Beryslaw, und die Mennoniten beschuldigten Hoeppner und Bartsch des Betrugs. Hoeppner wurde aus der Gemeinde ausgeschlossen und ins Gefängnis gebracht. Doch als der neue Zar, Alexander der Erste, an die Macht kam, wurde Hoeppner wieder in die Gemeinde aufgenommen. Er verlebte seine letzten Jahre in der Kolonie Kronsweide.

Nach Auskunft des Freiluftmuseums 'Mennonite Heritage Village' in Kanada erhielt das Grab von Hoeppner 1890 ein Monument, als Denkmal für eine neue Phase in der Geschichte der europäischen Mennoniten. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde es aus der Ukraine nach Kanada verlegt.

Bauten und Bauweisen

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma 

Die mennonitische Einstellung ist auf Rationalismus begründet. Die Kolonien bestanden aus dicht beieinander gelegenen Dörfern. Die Siedlungen, durch Straßen verbunden, wurden nah an den Ufern kleinerer Flüsse gebaut. Sie wurden entsprechend offiziell genehmigter Pläne gebaut, angepasst an die Landschaft. Die Kolonien entwickelten ihre Infrastruktur nach und nach: Handwerksbetriebe, Fabriken, Geschäfte, Kirchen und Schulen.

 

Gut gepflegt und ordentlich

Die Mennonitendörfer waren angelegt entlang einer Straße, der Hauptstraße, die gepflastert war. Es gab Gräben für das Auffangen von Regenwasser und gepflasterte Fußwege. Die Straße sah gepflegt und ordentlich aus. Alle Kolonien hatten große Grünflächen und Gärten. Die Vorgärten waren voller Blumen. Ein Bethaus oder eine Kirche und eine Schule befanden sich mitten in der Siedlung. Die Schule war häufig ein zweistöckiges Gebäude mit großen Fenstern, bequemen Stühlen und gefliesten Böden.

 

Das Material

Es gab Fachwerkhäuser, Häuser aus Lehm und aus gebrannten Zielen. Der Kamin  war fest mit  dem Dachboden verbunden, für bessere Wärmenutzung und Wärmeleitung. In ihren Kaminen hatten die Mennoniten traditionell eine Räuchervorrichtung. Die Giebel der Häuser waren 9 m hoch, aus Backstein gemauert. Die Fußböden waren meistens gestrichen. Fußböden ohne Anstrich wurden von den Hausfrauen gewischt und geschmirgelt. Jedes Haus hatte einen Keller – quadratisch oder mit gewölbter Decke. Die Wände und Decken waren gefliest und aus Backsteinen gemacht. Manche Mennoniten hatten gestampfte Lehmböden.

 

Die Aufteilung der Höfe und Häuser

Die Höfe waren 40 m breit und 100 – 120 m lang. Die Bauernhöfe waren getrennt durch Zäune, die zweimal jährlich geweißelt wurden. Die meisten Gebäude waren einstöckig, 9 bis 18 m in der Breite, und standen mit der Vorderseite zur Hauptstraße. Alle Häuser hatten zwei Eingänge. Die Haustür ging zum Garten. Eine andere Tür führte durch einen Gang zu einer Scheune, und dann einer zweiten Tür, einige Meter von der Haustür entfernt. In manchen Häusern gab es vier Räume, die um den Herd angeordnet waren, der sich in der Mitte des Hauses befand. Die Häuser hatten vier Abteilungen innerhalb des Gebäudes: zwei Gemeinschaftsräume und zwei Räume wo gewohnt und gekocht wurde. Ausziehbetten ('Schlopani'), Wandschränke, Sofas, Holzbänke, zweitürige Hängeschränke und Truhen gehören zu den traditionellen Möbelstücken.

 

Brunnen

Brunnen befanden sich in den Gärten und Ställen. Wenn ein Dorf kein sauberes Wasser hatte, richteten die Mennoniten Wasserbehälter mit Holzdeckeln ein, und füllten sie mit gefiltertem oder destilliertem Wasser. Brunnen wurden auch am Rande  der Straßen eingerichtet.

Arbeit

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma 

Die Kolonien der Mennoniten im russischen Zarenreich lagen in Gebieten, wo die Landwirtschaft schwierig war. Trockenperioden und extreme Dürren machten die Felder manchmal zu einem Bild des Jammers. Doch in guten Jahren wuchsen Roggen und Weizen hüfthoch. Die Ernten der Mennoniten wurden mit einem Minimum an Verlusten eingefahren. Sie bereiteten ihre Geräte und Landwirtschaftsmaschinen mit äußerster Sorgfalt vor. Alles Gerät musste bis zum Mittsommertag (24. Juni) instand gesetzt sein. An jenem Tag wurden die 'lobogreykas'(Mähmaschinen), Wagen voller Heugabeln, Rechen, Essen und Trinken auf die Felder gefahren. Die Mennoniten und ihre Arbeiter mähten das schwankende Korn in Reihen und schichteten es auf große Stapel. Diese Arbeit erforderte Übung und Körperkraft, da die Maschinen ununterbrochen arbeiteten, nur unterbrochen von einer Pause für das Mittagsmahl.

 

Übernachtung auf den Feldern

Die Erntearbeit dauerte den ganzen Tag. Um keine Zeit zu verlieren schlugen die Mennoniten ihr Nachtlager auf dem Felde auf, es gab aber auch Wagen, die ins Dorf zurückfuhren. Diese holten Essen und Wasser für den kommenden Tag. Durch diese genaue Zeitplanung war sichergestellt, dass die Ernte innerhalb von 6 bis 8 Tagen eingefahren werden konnte.

 

Dreschen

Andere, die im Dorf geblieben waren, bereiteten sich dort auf  das Dreschen vor. Sie machten Gebrauch von 'garbos'- großen Wagen. Diese wurden gebraucht für den Transport von gepressten Weizenballen an einen Ort, wo Dreschsteine von zwei Pferden, die im Kreis liefen, bewegt wurden. Kurze Stecken ('Langwieds'), die die hinteren und vorderen Räder miteinander verbanden, wurden ersetzt durch lange. Die Mennoniten befestigten ebenfalls 1,5 m hohe Leitern an beiden Seiten. Maschinen zum Säubern des Getreides wurden von Hand bedient. Der Dreschvorgang dauerte 8 bis 10 Tage, und war immer bedroht durch jähe Wetterwechsel.

 

'Ein Tag nährt ein Jahr'

Im Laufe der Zeit zog der technische Fortgang bei den Mennoniten ein, und zeigte seinen Einfluss auf die Kolonien. Mehr und mehr benutzten die Mennoniten  Dreschmaschinen. Diese waren ziemlich teuer, und daher mieteten die Mennoniten sie oft für einen Tag oder mehrere Tage. Um mit der großen Arbeitslast in wenigen Tagen fertig zu werden, stellten die Bauern 10 – 15 Hilfskräfte ein, Ukrainer aus nahegelegenen Dörfern. Diese mussten schwer arbeiten, von 3 oder 4 Uhr frühmorgens bis 10 oder 11 Uhr abends. Doch die Arbeit wurde gut bezahlt und die Mennoniten versorgten ihre Hilfskräfte mit gutem Essen. Da gab es keine Streitigkeiten, denn es war allen klar, dass ‘ein Tag ein Jahr nährt’. Die Ernte war eine schwere doch bedeutsame Zeit im Verlauf des Jahres. Es gab den Mennoniten Hoffnung für das kommende Jahr und erfüllte ihr Leben mit großer Freude.

 

Bild: John A. Lapp, C. Arnold Snyder eds.: Testing Faith and Tradition. Global Mennonite History Series: Europe. (Good Books, PA, 2006).

Öffentliche Fürsorge

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Von den Mennoniten betriebene soziale Einrichtungen waren ein Vorbild für die gesamte russische Gesellschaft, zu der Frage, wie sozialen Problemen auf zivilisierte Weise zu begegnen sei. Indem sie beispiellose Dienstleistungen zur Rehabilitierung schutzloser sozialer Gruppen erbrachten, führten die Mennoniten neue Lebensstandards ein, ein Merkmal für ihre ethische Reife, Menschlichkeit und den ökonomischen Status ihrer Gemeinschaften.

 

Dienst an der Gemeinschaft

Die Mennoniten in Russland waren eine wirtschaftlich erfolgreiche ethnische und soziale Gruppe. In der mennonitischen Ethik wurde Wohlstand als Verantwortung angesehen. Das Geld musste 'arbeiten' und für nützliche Dinge eingesetzt werden. Der Gedanke der Wohltätigkeit hatte eine soziale Komponente, verbunden mit dem Ziel, der Gemeinschaft zu dienen. Die Finanzmittel der Gemeinde wurden gebraucht zum Betreiben derjenigen Einrichtungen, die in Russland 'Einrichtungen für die öffentliche Wohlfahrt' hießen.

 

Schulen, Krankenhäuser und Pflegeheime

Die Einrichtungen waren auf die gesellschaftliche Wiedereingliederung der Gemeindemitglieder, die Unterstützung durch die Gemeinde brauchten, gerichtet. Da die Mennoniten vielfach untereinander heirateten, gab es in ihrer Gemeinschaft eine hohe Zahl an Menschen mit geistigen Behinderungen. Bis zum Jahre 1914 waren schon einige wenige Einrichtungen gegründet worden, die wichtig für die Gemeinschaft waren. Das waren: die 'Taubstummenschule' in Tiege, das Krankenhaus 'Bethanien' für Geisteskranke und ein Pflegeheim. Der Betrieb dieser Einrichtungen wurde von den reichsten Gemeindemitgliedern finanziell unterstützt. Genau wie 'Bethanien' wurde die 'Taubstummenschule' zu 50% von privaten Geldern getragen.

 

Schenkungen

Der Gedanke an die Gründung von 'Bethanien' wurde von der Gemeinde Jekaterinoslaw entwickelt, der die größten mennonitischen Dynastien von Industriellen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens entstammten (die Thiessens, Toews, Fasts, Esaus und Bergmans). Ein Wohltätigkeitsverein wurde zum Zwecke der Gründung des Projektes eingesetzt. Die Schenkungen waren anonym, und schon bald verfügte der Fonds für das Krankenhaus über 262.000 Rubel.

 

Mennoniten und (nicht)Mennoniten

Das Krankenhaus befand sich in Alt-Kronsweide. Es wurde im März 1911 eröffnet, und hatte bis Dezember 1912 53 Patienten in Behandlung. Wenngleich die meisten Patienten Mennoniten waren, wurden auch Menschen aus anderen ethnischen Gruppen zur Behandlung zugelassen. 'Bethanie' wurde von einem Rat verwaltet, dessen Vorsitz die bekannten Unternehmer J. Suderman und J. Lepp innehatten. In den Jahren 1911 – 1913 betrug der Fonds 93.514 Rubel, und der Haushalt belief sich auf 37.956 Rubel. Die Pflege eines Patienten kostete 300 Rubel pro Jahr. 15 Patienten wurden kostenlos behandelt. Ein weiteres Krankenhausgebäude mit einer Wäscherei und ein Dampfheizkessel wurden 1915 erbaut.

 

Bild: John A. Lapp, C. Arnold Snyder eds.: Testing Faith and Tradition. A Global Mennonite History: Europe. (Good Books, PA, 2006).

Der Große Patriotische Krieg (1941 – 1945)

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma 

Politische Unterdrückung war überall in der Sowjetunion zu spüren in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Stalins Regime unterstützte die Aktivitäten der NKWD (politische Polizei), begann eine Kampagne gegen 'die Faschisten' – die deutschsprachige Bevölkerung (im eigenen Land), löste die eigenständigen Gebiete auf und arbeitete 1939 Pläne für die Deportation der Deutsch-Mennonitischen Bevölkerung aus. Verhaftungen und physische Gewalt gegen Prediger und Lehrer schwächte die Mennoniten und ihre geistige, nationale und kulturelle Identität. Dieses hatte Auswirkungen auf die Haltung der Mennoniten angesichts der Machthabenden. 

 

Die Mennoniten und die Obrigkeit

Der Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion brach im Juni 1941 aus. Einige mennonitsche Jugendliche meldeten sich freiwillig zur Roten Armee. Andere warteten nur das Ende des Kampfes zwischen den Kriegsparteien ab. Allerdings war es beinahe unmöglich, neutral zu bleiben und sich abseits zu halten. Einige Politiker und Aktivisten der Kommunistischen Partei wurden in den Osten der Sowjetunion geschickt, in die Verbannung. Das Gesetz 'Zur deutschen Bevölkerung in der ukrainischen Sozialen Sowjet Republik' wurde im August 1941 erlassen. Entsprechend dieses Gesetzes sollten anti-sowjetische Elemente verhaftet werden, und die deutschsprachigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren sollten aufgerufen werden, um 'Bataillone zu bilden'. Die deutschsprachigen Mennoniten aus Charkow, Dnjepopetrowsk, Saporosche, Stalin (heute Donetzk), aus den Provinzen um Woroschilograd (Lugansk) und der Krimgegend sollten ausgewiesen werden. Der Aufmarsch der Wehrmacht verhinderte allerdings die Verwirklichung dieser Pläne.

 

Zwischen Bolschewismus und Nazismus

In der Ukraine lebten vor dem Krieg etwa 163.000 Mennoniten und Volksdeutsche. Ziel der faschistischen Machthaber war es, das menschliche Potential der besetzten Gebiete für ihre eigenen Zwecke einzusetzen, und sich auf die lokale deutschsprachige Bevölkerung zu verlassen. Dazu versahen sie die Gemeinden mit materiellen Hilfen, und täuschten vor, die ethnischen Schulen und das religiöse  Gemeindeleben wieder zuzulassen. Zunächst waren sie damit erfolgreich. Jedoch wurden die Mennoniten schon bald enttäuscht, da die Kollektiven Bauernhöfe, die von Stalin angeordnet worden waren, nicht aufgelöst wurden, und statt der bolschewistischen Ideen die Nazi-Ideologie in den Schulen unterrichtet wurde. Eben sowenig konnten die Mennoniten dem Rassismus der Nazis zustimmen, aufgrund derer die lokale nicht-deutsche Bevölkerung als Untermenschen gesehen wurde.

 

Fremde im eigenen Land

Es gelang den Nazis nicht, Zwietracht zwischen der ortsansässigen multinationalen Bevölkerung zu säen. Es finden sich in der Geschichte viele Beispiele für die freundliche Nachbarschaft zwischen den Mennoniten und ihren ukrainischen Nachbarn. Dennoch hatte die Nazi-Propaganda einen psychologischen Einfluss auf die Mennoniten. Während der Besatzung wurden sie zu 'Fremden im eigenen Land'. Dennoch zeigt ihre Rückkehr in die Sowjetunion, dass sie sich für die Schandtaten der Nazis nicht verantwortlich fühlten.

Kolonien

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma 

Katharina die Große lud die Mennoniten nach Russland um die neuen Gebiete des russischen Zarenreiches zu entwickeln. Ausgewählt waren sie als tüchtige Landwirte und so bekamen sie Land, Geld zum Reisen und um sich heimisch zu machen. Sie brauchten keinen Militärdienst zu leisten und sie erhielten ein gewisses Maß an Bürgerrechten und Selbstverwaltung.

 

Die Kolonien in Jekaterinoslaw, Alexandrowsk und Molochansk

Die ersten 228 mennonitischen Familien kamen aus Preußen in die Provinz Jekaterinoslaw. Sie gründeten acht Kolonien: Chortitza, Einlage, Rosenthal, Kronsweide, Neuendorf, Schoenhorst, Neuenburg und die Niederlassung auf der Insel Chortitza. Die nächste Einwanderergruppe (118 Familien) kam in den Jahren 1793-1796 in das Gebiet von Nowomoskowsk und Alexandrowsk. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts siedelten sich 150 mennonitische Familien in der Provinz Taurien an (1804), wo sie ihre Dörfer am Ostufer des Flusses Molotschna errichteten. Von 1804 – 1806 ließen sich weitere 365 mennonitische Familien in diesem Distrikt nieder. In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts gründeten die Mennoniten 27 Kolonien in Molotschna: Halbstadt, Tiegenhagen, Schoenau, Fischau, Lindenau, Lichtenau, Muensterberg, Altona, Tiege, Orloff, Blumenort, Muntau-Ladekop, Mariental, Rudnerweide, Franzthal, Pastwa, Grossweide und Blumstein.

 

Im Jahre 1835 wurden fünf weitere Bergtal Kolonien (145 Familien) in der Gegend von Alexandrowsk gegründet. In 1852 wurden sie zusammengefasst in dem dritten mennonitischen Distrikt Mariupol. Als die 'Doukhoboren', russische Sektierer, weiterzogen in den Kaukasus, übernahmen Vertreter der alt-flämischen Gemeinde Gnadenfeld in Preußen ihre verlassenen Ländereien, und gründeten Gnadenfeld als mennonitische Wolost im mennonitischen Distrikt Molochansk.

 

Samara und Wolhynien

Mennoniten aus Danzig, Marienburg und Elbing siedelten sich ab 1850 in der Provinz Samara an. Im Jahre 1874 gab es dort 16 Kolonien. Einige mennonitische Siedlungen gab es in der Provinz Kiew (das Dorf Michalin), und in Wolhynien (Karlsweide, die Schweizer Mennonitensiedlungen). In 1870 betrug die Gesamtzahl der Mennoniten aus Danzig und den preußischen Gebieten, die nach Russland übergesiedelt waren, insgesamt 2300 Familien.

 

Neue Einwanderungswellen durch Landnot

Die wirtschaftliche Entwicklung und das Bevölkerungswachstum führte zu Verknappung des Agrarlandes. Das 'Erbschaftsgesetz' (1866) machte die Aufteilung von ererbtem Land möglich, doch konnte es den Mangel an Agrarland nicht beseitigen. Doch die Mennoniten kauften Ländereien der Adelsfamilien auf, nach 1861, als die Leibeigenschaft abgeschafft wurde. Einige neue Gruppen von Kolonien wurden in Russland gegründet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Gesamtzahl der mennonitischen Bevölkerung im Russischen Reich 104.000. Die meisten Mennoniten lebten in Jekaterinoslaw, Taurien und den Samara Provinzen. Die größten mennonitischen Kolonien waren: Chortitza (1800 Einwohner) Rosenthal (1226), Neuendorf (1121), Osterwick (3100), Einlage (1258) (in der Provinz Jekaterinoslaw). Halbstadt (915) und Waldheim (946) (in der Provinz Taurien).

 

Bild: Wally Kroeker, An Introduction to Russian Mennonites: A story of flights and resettlements to homelands in the Ukraine, the Chaco, the North American Midwest, Germany and beyond. (Good Books, PA, 2005).

Die Mennoniten-Brüdergemeinde

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Die mennonitischen Gemeinschaften im russischen Zarenreich bildeten ein dynamisches Sozialsystem. Die Modernisierung Russlands, die einen sozialen Wandel in den Gemeinden hervorrief, führte zu einer Änderung ihrer religiösen Ansichten, und war ein Grund dafür, dass sie die Regeln des Gemeindelebens änderten und an die moderne Zeit anpassten. Zugleich mit der ökonomischen und sozialen Modernisierung erlebten die russischen Mennonitenkolonien eine 'Reformation', die zu einer stärker durchdachten Form der Gerechtigkeit führte.

 

Spaltungen

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts besaß etwa die Hälfte der mennonitischen Einwohner kein Land. So konnten sie nicht mehr an der Selbstverwaltung teilnehmen, dennoch hatten sie noch vergleichbare Pflichten zu den anderen Mennoniten, die Landbesitz hatten. Unter den Menschen, die kein Land ihr eigen nannten, waren solche, die in anderen Wirtschaftsfeldern als der Landwirtschaft tätig waren, und diese wollten die gleichen Rechte haben. Ihre Proteste führten zu einer neuen Spaltung in den Kolonien, und zur Entstehung der Mennoniten Brüdergemeinde um 1850. In ihr vereinigten sich  Anhänger des Pietismus, Mitglieder der neu entstehenden Gemeinden und Unternehmer (die die größte Gruppe in dieser neuen Kirchgemeinschaft stellten). Die Mennoniten Brüdergemeinde wurde im Januar 1860 in der Kolonie Molotschna zum ersten Mal öffentlich vorgestellt. Die neue Gemeinde vertrat eine neue Art des Zugangs zum Seelenheil, begründet in der Kritik an den althergebrachten Glaubenslehren. So war die Bewegung der  Mennoniten Brüdergemeinde aus der Rebellion geboren.

 

Einfluss und missionarische Tätigkeit

Die Bewegung der Mennoniten-Brüdergemeinde wurde schnell populär unter den sogenannten 'neuen Mennoniten', die für Neuerungen offenstanden. Die erste Konferenz der Mennoniten-Brüdergemeinde fand in 1872 statt. Ihr  Glaubensbekenntnis wurde im Jahre 1873 geschrieben. Ihre Niederlassungen gründeten sie in Kuban, Sagradowka und in Mariupol. Die Brüdergemeinde war aktiv in der Missionsarbeit und gab eine Zeitschrift heraus, die 'Friedensstimme'.

 

'Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft in Russland' von Peter Martin Friesen

Im Jahre 1885 begingen die Mennonite-Brüdergemeinden den 25. Jahrestag ihrer Gemeinschaft, die zu dem Zeitpunkt aus 7 Niederlassungen bestand und 1800 Mitglieder hatte. Zu diesem Jubiläumsjahr war P.M. Friesen gebeten worden, eine Geschichte der Mennoniten-Brüdergemeinden zu schreiben. Sein Buch wurde in 1911 veröffentlicht und es stellte die Geschichte der Mennonitenkolonien insgesamt dar. Im Jahre 1917 zählte die Mennoniten Brüderschaft  40 Gemeinden mit 7000 Mitgliedern.

 

Vereinigt zur Wahrung der Identität

Die Geschichte lehrt uns, dass die Mennonitenbrüdergemeinde sich nicht zu einer  eigenenständigen Glaubensrichtung entwickelte. Der stärker werdende russische Nationalismus zwang die Mennoniten, sich wieder anzunähern. So können wir also feststellen, dass der russische Nationalismus, der den 'Gedanken der Verfolgung' wieder aufleben ließ, die Gemeinden wieder zusammenbrachte. Die Entstehung der Mennonitenbrüdergemeinde mündete in eine Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins als Mennoniten, und zu dem Beginn  ihres Selbstverständnisses als mennonitisch missionarische Kraft in der Welt. 

Die russischen Mennoniten und ihr Bildungssystem

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma  

Schule und Bildung hatten einen hohen Stellenwert im Leben der mennonitischen Kolonien. Bildung bedeutete Wissen, es war gleichzeitig aber auch ein Mittel, den Glauben zu wahren. Die Ältesten der Mennoniten waren zuständig für die Bildung. Für die Kinder bestand die Schulpflicht und die Gemeinden hatten die Schulaufsicht.

 

Lesen, Schreiben und Rechnen

Das mennonitische Schulsystem durchlief mehrere Entwicklungsphasen. Die erste Phase (späteres achtzehntes Jahrhundert bis in die zwanzigsten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts) war durch finanzielle Schwierigkeiten geprägt. Zur damaligen Zeit waren die einzigen Bildungsziele den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Die nächste Phase begann im zweiten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, diese war bestimmt durch den Einsatz von Johann Cornies. Cornies gründete in Orloff eine zentrale Lehrerbildungsstätte für die vierjährige Grundschule, danach jeweils noch eine in den Kolonien Halbstadt und Chortitza. 1843 wurde ihm die Gesamtleitung der mennonitischen Schulen anvertraut. Sein Ziel war es, das Übergewicht der Prediger in den Schulen zu verringern, er setzte sich für eine Schulreform ein und gewann finanzielle Unterstützung für die Schulen. Cornies führte auch Lehrerkonferenzen ein, und gründete den Leseclub Gnadenfeld und eine Bibliothek.

 

Russischunterricht: Russifizierung

Im Jahre 1866 führte das Komitee für die Schulaufsicht Russisch als Unterrichtssprache für die mennonitischen Schulen ein. Später wurden die ethnischen Schulen der Aufsicht des Ministeriums für Nationale Erziehung unterstellt, entsprechend der in 1890 – 1892 erlassenen Gesetze. Jede Schule bekam eine Lehrkraft für die Russische Sprache. Der Staat benutzte die Sprachpolitik als Mittel zur Russifizierung. Um mehr qualifizierte Russischlehrer zu erhalten, wurden 1889 in Chortitza 2-jährige Kurse für Lehrer eingerichtet.

 

Einflüsse in die Erziehung von außen

Im April 1905 wurde im Russischen Reich die Gewissensfreiheit verkündet. Einige mennonitische Schulen wurden umorganisiert, einige neue Zentralschulen wurden gegründet. Nach dem Bürgerkrieg (1920) währte der Prozess der ethnischen Neubesinnung an, doch sie hatte einen widersprüchlichen Charakter. Das Pädagogische Institut in Odessa zum Zweck der Ausbildung von Lehrern für ethnische Schulen wurde eingerichtet, einschließlich der mennonitischen Schulen. Jedoch wurde zugleich die antireligiöse Propaganda durch die Sowjetmacht intensiviert. Der atheistische Staat verbreitete seine Ideologie unter Studenten und Heranwachsenden.  Der kommunistischen Organisationen für Pioniere und der Komsomol wurden etabliert. Diese sollten Einfluss auf die junge Generation ausüben. Allerdings waren diese Organisationen unfähig, ihrem Auftrag zu entsprechen.

 

Als die Faschisten in Deutschland an die Macht kamen, erfuhren die mennonitischen deutschsprachigen Schulen Unterdrückung, durchgeführt durch das NKVD (Kommissariat für Nationale Angelegenheiten). Die Professoren und Studenten am Institut in Odessa wurden der Zusammenarbeit mit den Nazis beschuldigt. Einige von ihnen wurden erschossen oder ins Exil geschickt. Die deutsche Sprache wurde im Jahre 1938 aus den Schulen verbannt. Das Ende für die ethnischen mennonitischen Schulen war gekommen.

Unternehmer mit Begeisterung

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Die Mennoniten in Russland waren nicht nur begeisterte Bauern, sie waren auch begabte Unternehmer. Die Mennonitenkolonien in der Provinz Jekaterinoslaw entwickelten sich zu den Hauptproduktionszentren für die Maschinenproduktion im russischen Reich. 'Lepp und Wallmann' war die bekannteste mennonitische Produktionsfirma für Maschinenbau. Die Fabrik wurde in 1850 von Peter Lepp gegründet – er begründete damit auch eine Unternehmerdynastie – und sie erlebte  die Höhe ihres Erfolges unter der Leitung seines Enkels, Johann Lepp, der das Unternehmen im Jahre 1879 erbte und es bis 1919 betrieb.

 

Die Dynastie Lepp-Wallmann

Im Jahre 1880 wurde Andreas Wallmann, ein reicher Bauer, Partner in der Fabrik Lepps, danach war der Name der Firma bekannt als 'Lepp und Wallmann'. 1903 ging das Unternehmen an die Börse. Die Anteilseigner waren die elf Vertreter der Dynastie Lepp-Wallmann. Sie betrieben 3 Maschinenbau-Firmen in der Provinz Jekaterinoslaw. In 1903 wurde der Wert der Firma mit ihren materiellen und immateriellen Werten auf 1,15 Mio Rubel geschätzt. Das Firmenkapital des Unternehmens wuchs auf eine Höhe von 1,2 Million Rubel (1903 – 1913), und 2,4 Million Rubel (1914 – 1918).

 

Unternehmerischer Erfolg und Auszeichnungen

In den Anfangsjahren produzierte der Betrieb die einfachsten Landwirtschaftsgeräte: Mähmaschinen, Rüttelsiebe und Erntemaschinen.  Im Jahre 1874 brachte er das erste Buchungsgerät  auf den Markt, „Lepps Buchhaltungsmaschine“. Nach 1880 begann die Fabrik die Produktion von Maschinen, die wichtig waren für die Industrialisierung: Dampfmaschinen, Dampfkessel, Ölpressen und Zubehör für Sägewerke. In den Jahren zwischen 1860 und 1912 nahm die Firma an Ausstellungen für Landwirtschaftsmaschinen teil und erhielt 33 Medaillen und Diplome.

 

Das Geschäftsleben und der Erste Weltkrieg

Während des Ersten Weltkrieges wurde die Fabrik gezwungen, Waffen zu produzieren. Es war für die (pazifistischen) mennonitischen Unternehmer die einzige Möglichkeit ihren Besitz unter den Bedingungen des Krieges der 'Russischen Einheit'  gegen Deutschland zu schützen.

 

Die Bedeutung der Fabriken unter mennonitischer Leitung

Lepp–Wallmanns Betriebe trugen in hohem Maße zu der Entwicklung der Maschinenbau-Industrie in Russland bei. Berühmte Unternehmer wie A. Koop und C.Hildebrandt fingen als Lehrlinge in der Fabrik von P.Lepp an. Im Jahre 1900 produzierten die Mennoniten in der Provinz Jekaterinoslaw mehr als 58% der landwirtschaftlichen Geräte. In der Provinz Taurien war jede dritte Werkzeugfabrik in mennonitischen Händen. 1911 war jede fünfte Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen in Nowo-Russia Eigentum eines mennonitischen Unternehmers. Diese Zahlen können als ein Spiegel des wirtschaftlichen Erfolges dieser ethnischen und religiösen Gruppe gedeutet werden. In den mennonitischen Fabriken wurden immer die neuesten Technologien angewendet, sie bestanden erfolgreich den Wettbewerb mit ausländischen Fabriken, und sie lieferten den Konsumenten Produkte, die preiswert waren und dennoch von hoher Qualität. So lieferten sie ihren Beitrag zum Fortschritt der Modernisierung.

 

Von Monarchisten zu Demokraten

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Die Mennoniten wurden von Katharina der Großen in das russische Reich eingeladen. Wie kam es, dass die Monarchie ihre Haltung den Mennoniten gegenüber änderte, und warum geschah das?

Privilegien

Die Ansiedlung der Mennoniten begann unter Katharina II. Es war eine der Methoden, neue Gebiete zu kolonisieren – die Bevölkerungszahlen zu erhöhen, um die Wirtschaftskraft des russischen Reiches zu vergrößern. Im den von der Kaiserin geschriebenen Manifesten wurden den neuen Siedlern zusätzliche Anreize versprochen. Die aktive Emigrationspolitik für die Mennoniten eröffnete ihnen großartige wirtschaftliche Perspektiven. 'Die Mennonitischen Privilegien' wurden von der Zarin im Jahre 1788 ausgefertigt. Interessanterweise wurden anderen ethnischen Gruppen und der russischen Bevölkerung diese Privilegien nicht zuteil.

 

Moral

Paul I (1796 – 1801), Alexander I (1801 – 1825) und Nikolaus I (1825 – 1855) unterstützten die Mennoniten ebenfalls. Paul I übergab den Mennoniten eine 'Charta der Privilegien', in Anbetracht ihrer moralischen Gesinnung als Beispiel für andere Gesellschaftsgruppen. Alexander I legte neue Kolonisierungsregeln fest, in der Erwartung wohlhabender Einwanderer. Er befahl, all die früher erlassenen Gesetze in  'Statuten für die Kolonien' festzulegen. Der Monarch finanzierte den Bau von Kirchen in den Dörfern Orloff und Rudnerweide. Die Siedlung Alexanderwohl wurde benannt zu Ehren von Alexander, der Steinbach und Tiege besuchte. Die Prinzipien von Nikolaus II waren in seinem Wahlspruch 'Orthodoxie, Autokratie und Nationalität' enthalten. Auch wenn die Mennoniten Protestanten waren, unterschrieben sie den Gedanken eines 'Monarchen als Vater'. Sie bezeugten ihre Treue an die Monarchie. Noch in 1917 sprach sich Nikolaus II ebenfalls für die 'Privilegien' aus.

 

Änderung des Status

Die Modernisierung und der Prozess der Einigung, die Alexander II in die Wege leitete, war der Beginn eines neuen Kapitels in der Geschichte der Kolonien. In der Zeit von 1871 – 1847 verloren die Mennoniten ihren Status als 'Kolonisten', und wurden zum alternativen Wehrdienst herangezogen. Dennoch brachten die Reformen die Entwicklung in den Kolonien nicht zum Erliegen, vor allem, weil Alexander II die Nationalisten nicht unterstützte. Die Mennoniten behielten ihre Vorstellung von einem 'ökonomischen Messianismus' bei, die ihre Beziehung zur Monarchie bestimmte. Eine neue Siedlung wurde Alexander zu Ehren nach ihm benannt.

 

Von Monarchisten zu Demokraten

Alexander III (1881 – 1894) und Nikolaus I (1894 – 1917) wurden von nationalistischen Gefühlen beeinflusst. Unter dem Einfluß der Ideologie des Nationalismus, stellten sie die russische Nation mit der Orthodoxie gleich, und waren gegen die Protestanten. Nikolaus II unterstützte die anti-deutsche Gesetzgebung der Jahre 1914 – 1918. Lange Zeit unterstützten die Mennoniten die Monarchie. Doch brachten demokratische Prozesse in den Siedlungen die Mennoniten in einen Dialog mit der Regierung. Diese Prozesses waren in der Revolution von 1905 – 1907 begründet, und im russischen Nationalismus. Der Wandel der Haltung der Mennoniten von Unterstützern der Monarchie zu Anhängern der Demokratie und des parlamentarischen Systems nahm von dort seinen Anfang.