Die Schweiz

Sprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch, Retoromanisch

Religionen: Römisch-katholisch 40%, Protestantisch 25%, Moslem 5%.

Einwohnerzahl: 8 Million

Capital: Bern

Mennoniten in der SCHWEIZ

Anzahl Mennonitengemeinden: 14

Gemeinden befinden sich hauptsächlich im Nordwesten.

Vom ‘Armengut‘ der Juratäufer zur Schweizerischen Mennonitischen Mission (SMM)

Autor: Pierre Zürcher

Parallel zur Entstehung einer Mennonitengemeinde wurde eine Armengutskasse errichtet, um bei Notsituationen und Bedürftigkeit lindernd einzugreifen. Gespiesen wurde diese Kasse durch freiwillige Beiträge, Legate oder Erbschaften von Einzelpersonen oder kinderlosen Ehepaaren. Der Bischof des damaligen Fürstbistums hatte zwar das gesetzliche Recht, das „Droit d’Aubaine“, um diese Erbschaften einzukassieren. Oft verzichtete er aber auf sein Recht, weil er wohlwollend anerkannte, dass die Mennoniten für ihre Bedürftigen selbst besorgt waren.

Im Archiv der Konferenz der Mennoniten der Schweiz (KMS) sind zahlreiche von Hand geschriebene Kassenbücher von 11 Mennonitengemeinden aufbewahrt, die älteste Eintragung datiert aus dem Jahr 1715.

 

Mennonitische und nicht-mennonitische Empfänger

Die Unterstützung durch Armengut erstreckte sich über den gesamten Jura bis in das Gebiet von Basel und über die französische Grenze hinaus. Vereinzelt konnten sogar auch Nichtmennoniten auf Unterstützung zählen.

 

Nachfolgend einige interessante typische Beispiele aus Kassenbüchern im Archiv der KMS. Armenpfleger Christen Tschantz notiert 1768, dass er aus Bürkis Hinterlassenschaft 300 Kronen erhalten hat für das Armengut der Gemeinde. Ein anderer Kassenführer schreibt 1859: „Am 11. September hab ich erhalten 91 Fr von U. Lehmann vor seinem Absterben für die Armen.“ Interessant ist die Beobachtung, dass alleinstehende ältere Personen ihren Lebensabend oft bei einer Mennonitenfamilie verbringen konnten, die dafür Kostgeld erhielt aus der Armengutskasse.

 

Die Schweizerische Mennonitische Mission (SMM)

Die  ‘Armengutkasse‘ beweist die Wichtigkeit von Nachbarschaftshilfe in schweizerischen Täufergemeinden – lange vor der Einführung staatlicher Sozialfürsorge. Es überrascht darum nicht, dass bisweilen der Verdacht aufkam, dass Menschen sich ’nur‘ darum Täufergemeinden anschlossen, weil hier auch materiell für sie gesorgt wurde.

Nach dem zweiten Weltkrieg gründeten die Schweizer Mennoniten eigene Organisationen für Mission (SMEK) und Hilfswerke (SMO), seit 1998 vereinigt in der Schweizerischen Mennonitischen Mission. Wiederholt organisierte man umfangreiche Hilfsaktionen, beispielsweise 1974 eine grosse Lieferung von 50 Tonnen Trockenmilch in das Hungergebiet des Tschad. Jahr für Jahr folgten weitere Aktionen, oft in Zusammenarbeit mit dem Hilfswerk der nordamerikanischen Mennoniten, dem Mennonite Central Committee (MCC).

 

 

Gelebter Glaube in Mennoniten-Familien damals und heute

Autorin: Nelly Gerber-Geiser

‘Für Spys und Trank, für d’s täglich Brot, mir danke dir, o Gott‘. Das Essen ist auf dem Tisch, die Dreigenerationen-Familie wieder einmal vereint und hungrig – es ist Sonntag, anfangs November im Jahre 2013. Dabei wird den Grosskindern etwas mitgegeben vom Glauben, der den Grosseltern wichtig ist. Es wird ein Lied angestimmt, das zwar nicht alle kennen, jedoch von allen respektiert wird. Einige der Familienmitglieder waren am Vormittag im Gottesdienst, ein Grosskind in der Sonntagschule. Glauben säen und wachsen lassen:

 

…damit die künftige Generation ihn kenne… damit sie aufstünden und es ihren Kindern erzählten und diese auf Gott ihr Vertrauen setzten, seine Taten nicht vergässen und seine Gebote bewahrten – Psalm 78:6-7.

 

Sonntagsvorbereitung

‘Wir können am Morgen nicht mehr miteinander die Bibel und die Losungen lesen, alle gehen zu einer anderen Zeit aus dem Haus. Das ist heute so‘. So die Aussage einer Mutter in den 1960er Jahren

Weiter meint sie: ‚Auf dem Bauernhof zur Zeit meiner Kindheit war das nicht denkbar, dass man sich am Morgen nicht um den Tisch getroffen hätte zum Gebet. Gleicherweise am Abend, da waren alle da, wir waren viele, immer 12 und mehr, die andächtig dem Vater, der in der Familienbibel las, zuhörten und sich verneigten zum Gebet. Dass der Glaube weitergegeben wurde, in der Familie, in der Schule und in der Gemeinde, war den Eltern wichtig.

 

Als älteste einer grossen Familie musste ich beim Vorbereiten des Sonntags tüchtig mithelfen: ganze Reihen von Schuhen standen bereit zum Putzen und Wichsen, Kleider mussten noch gebürstet, Böden gescheuert, die Umgebung in Ordnung gebracht werden, kleine Geschwister warteten auf das Bad im Zuber in der Küche, der Teig für den Kuchen war auch noch nicht bereit. Bald roch es nach Seife, Wichse, Zopf, Kuchen und Suppe. Soviel wie möglich wollten wir für den Sonntag vorbereitet haben, so dass wir Zeit und Ruhe fanden für den Gottesdienstbesuch (nach dem Mittagessen) und  für Begegnungen mit Verwandten und Glaubensgeschwistern. Fast jeden Sonntag bekamen am Familientisch auch Gäste Speis und Trank‘.

 

Gastfreundschaft

Auf täuferischen Bauernhöfen wurde Gastfreundschaft gepflegt, sonntags und werktags. Kam ein Hausierer vorbei oder ein Arbeitsuchender, was etwa vorkam, bekamen diese eine kräftige Mahlzeit. Oft lebte für einige Zeit ein obdachloser Alkoholiker im Haus und bekam gegen Arbeit Essen und Bett. Ihnen wurde bald warm an Leib und Seele am Familientisch und beim Zuhören der vielstimmigen Lieder, die zum Harmoniumspiel erklangen.

 

 

 

Trends, Einflüsse und Ausdrucksformen des Glaubens

Autor: Lukas Amstutz

Wer die derzeit 14 Gemeinden besucht, lernt schnell: Mennoniten sind verschieden. Frömmigkeitsstile und theologische Überzeugungen variieren nicht nur zwischen einzelnen Gemeinden, sondern finden sich auch innerhalb der Lokalgemeinden. Diese Vielfalt ermöglicht einerseits jene ausgeprägte Gemeindeautonomie, die einer Lokalgemeinde in Lehre und Praxis weitgehende Eigenständigkeit zugesteht. Theologische Stellungnahmen, die im Rahmen der Konferenz erarbeitet werden, haben daher meist nur empfehlenden Charakter. Andererseits ist die Verschiedenartigkeit durch unterschiedliche geistliche Impulse in Geschichte und Gegenwart zu erklären.

 

Erweckungsbewegungen

Im 19. Jahrhundert wurden viele Gemeinden von der Heiligungs- und Erweckungsbewegung erfasst. An dem in dieser Zeit auf St. Chrischona bei Basel gegründeten pietistischen Predigerseminar, liessen sich auch führende mennonitische Gemeindeälteste ausbilden. In vielen Gemeinden gibt es daher eine pietistisch-erweckliche Tradition, die persönliche Bekehrung, tägliches Gebet und Bibellektüre (Stille Zeit) sowie moralische Integrität betont. Evangelisation und (Ausland)Mission geniessen hier einen ebenso hohen Stellenwert, wie die Zusammenarbeit mit der evangelischen Allianz. Weniger stark gewichtet wird dagegen die Wehrdienstverweigerung, die vielerorts zugunsten einer obrigkeitskonformeren Haltung aufgegeben wurde.

 

Neue Einflüsse

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es nordamerikanische Mennoniten, die neue Impulse setzten. Inspiriert vom Täufertum des 16. Jahrhunderts, betonten sie die Bedeutung der folgenden Aspekte für das Wesen und den Auftrag der Gemeinde: Nachfolge Jesu, solidarische Gemeinschaft und Gewaltverzicht. Um die biblisch-theologischen und historischen Wurzeln dieser Kernpunkte in den Gemeinden zu verankern, wurde 1950 die Europäische Mennonitische Bibelschule gegründet, die heute als Theologisches Seminar auf dem Bienenberg bei Liestal ansässig ist.

 

Von diesem täuferischen Erbe geprägt, engagierten sich Mennoniten in der Folge jahrelang für den erst 1992 eingeführten Zivildienst. Darüber hinaus wuchs das Bewusstsein, dass sich das Friedenzeugnis nicht auf die Militärfrage reduzieren lässt. Konkrete Nothilfe in Krisengebieten sind daher ebenso Teil dieser friedenskirchlichen Tradition, wie das Ringen um soziale Gerechtigkeit oder das Fördern von Konflikttransformation. Dies geschieht häufig in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern in  Kirchen und Gesellschaft.

 

Ausdrucksformen des Glaubens

Mancherorts ist in neuerer Zeit eine zunehmende Offenheit für charismatische Glaubensformen gewachsen. Anbetungszeiten mit modernem Liedgut, das stärker eine emotionale Gottesliebe betont, haben sich in vielen Gottesdiensten etabliert. Die Hinwendung zu den Menschen geschieht dabei im Vertrauen auf Gottes Geist, der Menschen neben Worten und Werken auch durch Wunder heilsam anspricht und berührt.

 

Diese unterschiedlichen Glaubenstraditionen sind heute allesamt Teil der mennonitischen Vielfalt. Inwiefern es sich dabei um zusammenhangslose Glaubensäusserungen handelt, die einander bloss konkurrieren, oder ob sie sich gegenseitig befruchten und zu einer Einheit in der Vielfalt führen, wird sich immer wieder neu weisen müssen.

 

 

 

 

Historischer Überblick

Autor: Hanspeter Jecker

 ‘Widertöüffer‘ - Für manche Zeitgenossen waren sie fromme Spinner, für die offizielle Kirche gefährliche Ketzer, für die Obrigkeiten aufrührerische Rebellen. Europaweit wurden sie deswegen diskriminiert und verfolgt, inhaftiert und gefoltert, enterbt und enteignet, ausgeschafft und hingerichtet. Eine Minderheit jedoch achtete sie als Menschen, die mit Ernst Christen sein wollten, und schätzte sie als Nachbarn, auf die man sich verlassen konnte, weil sie das zu leben versuchten, was sie glaubten.

Wer waren diese ‘Anabaptisten‘, die sich weigerten, den offiziellen Gottesdienst zu besuchen, Eide zu schwören und Kriegsdienst zu leisten – und dafür oft einen hohen Preis bezahlten?

 

Die Anfänge der Täuferbewegung liegen in der Reformationszeit im 16. Jahrhundert. Anders als das mit Zwang durchgesetzte Modell der Volkskirche schwebte den Taufgesinnten eine auf freiwilliger Mitgliedschaft basierende, obrigkeitsunabhängige Gemeinde vor. 1525 begannen ehemalige Mitarbeiter Zwinglis in Zürich mit der Taufe von Erwachsenen, welche damit freiwillig ihren Glauben bezeugten. Etwa gleichzeitig entstanden auch andernorts in Europa ähnliche Bewegungen.

 

Die täuferische Kritik am engen Filz von Obrigkeit und Kirche provozierte den Zorn der Mächtigen. Trotz rasch einsetzender Verfolgung verbreitete sich die nach einem ihrer Leiter – dem Niederländer Menno Simons (1496-1561) – zunehmend auch als ‘Mennoniten‘ bezeichnete Bewegung rasch quer durch Europa. Systematisch verschärfte Repression trieb das Täufertum aber immer mehr in die Isolation. Dies half mit, den Boden zu bereiten für wachsende gesellschaftliche Absonderung und teils schmerzhafte theologische Engführungen. Inner-täuferische Konflikte führten 1693 zur Entstehung der Amischen.

 

Intensive Verfolgung hat in der Schweiz das Täufertum bis 1700 fast völlig ausgemerzt. Nur im Bernbiet konnten sich Gemeinden trotz Diskriminierung bis in die Gegenwart halten. Spuren täuferischen Glaubens mit schweizerischen Wurzeln ziehen sich aber via Auswanderung und Flucht u.a. in den Jura, ins Elsass, in die Pfalz und nach Nordamerika.

 

Erst mit Aufklärung und Französischer Revolution begann auch in der Schweiz der äussere Druck nachzulassen. Einflüsse aus Pietismus und Erweckungsbewegungen im 18. und 19. Jahrhundert liessen die mennonitischen Gemeinden anwachsen und zu neuem Leben finden. Jetzt entstanden neue, dem älteren Täufertum verwandte Kirchen, welche sich seit den 1830er Jahren ausbreiteten, etwa die Evangelischen Täufer-Gemeinden (‘Neutäufer‘).

 

Ein geschwisterliches Miteinander von Landes- und Freikirchen war allerdings auch jetzt noch lange nicht der Normalfall. Erst allmählich hat das Gegeneinander einem Nebeneinander oder gar einem Miteinander Platz gemacht. Wichtige Schritte der Versöhnung waren in letzter Zeit das Täuferjahr 2007 und der nationale reformiert-mennonitische Dialog (2006-2009).

Heute gibt es in der Schweiz 14 Mennonitengemeinden mit 2300 Mitgliedern.

 

 

 

Täufertour durch die Schweiz

Autor: Hanspeter Jecker

Die täufergeschichtliche Rundreise durch die Schweiz beginnen wir in Basel. Hier hat 1516 Erasmus von Rotterdam die griechische Edition des Neuen Testamentes publiziert. Sie bildete die Grundlage für die Bibelübersetzungen sowohl von Luther als auch von Zwingli. Und die Bibel war bekanntlich das Rückgrat der gesamten Reformation.

 

Zürich

Zentrum dieser europaweiten Erneuerungsbewegung für Kirche und Gesellschaft war in der Schweiz die Stadt Zürich. Hier wirkte seit 1519 der Theologe Ulrich Zwingli. Schon bald begannen die Diskussionen darüber, wie umfassend, wie schnell und unter wessen Leitung diese Reformen durchzuführen seien. Es waren einzelne seiner engsten Mitarbeiter, die seit 1523 zunehmend Kritik an ihrem Lehrmeister formulierten und mit dem Vollzug der Erwachsenentaufe am 21. Januar 1525 den definitiven Bruch vollzogen. 1527 kam es mit der Ertränkung von Felix Mantz in der Limmat zur ersten Hinrichtung eines Zürcher Täufers, welcher weitere folgten.

 

Täuferhöhle

Die rasch einsetzende Verfolgung zwang die Täuferbewegung zum Rückzug ins Hinterland. Gottesdienstliche Treffpunkte waren fortan abgelegene Winkel. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die ‘Täuferhöhle‘ am Bachtel bei Hinwil im Zürcher Oberland.

Am Anfang bildete das Täufertum ein Sammelbecken für frustrierte Zeitgenossen, die von der Reformation enttäuscht waren. Die Bewegung musste sich rasch entscheiden, wohin die Reise gehen sollte. Darum versammelten sich 1527 in Schleitheim bei Schaffhausen führende Täufer zu einer Besprechung. Hier verpflichtete man sich als ‘Schweizer Brüder‘ auf einen gewaltlosen und freiwilligkeitskirchlichen Kurs. Eine Ausstellung im Ortsmuseum dokumentiert deren Geschichte.

Nachhaltig Fuss fassen konnte die Täuferbewegung in der Schweiz namentlich in Bern. Im Emmental, aber auch im Oberaargau und im Raum Thun (v.a. Steffisburg, Oberhofen, Spiez, Frutigen) war das Täufertum phasenweise recht zahlreich. Bewegende Zeugen der obrigkeitlichen Repression sind hier besonders das Täuferversteck im Hüttengraben in Trub (inkl. Museum) sowie Schloss Trachselwald mit seinen Gefängniszellen.

 

Vom Zufluchtsort zur Heimat

Auf ihrer Flucht ins Ausland bot der Jura mit seinen abgelegenen Bergbauernhöfen für viele Taufgesinnte eine vorübergehende Zuflucht. Eindrücklich ist der versteckte Gottesdienstort in der Höhle ‘Geisskirchli‘ bei Souboz. Für viele wurde der provisorische Zufluchtsort allerdings bleibend zur Heimat, wie die Versammlungshäuser etwa in Les Bulles, Moron, Les Mottes oder Jeangui (Ausstellung!) beweisen.

 

Zurück in Basel erinnern wir uns daran, dass hier 1925 die erste Mennonitische Weltkonferenz stattfand und dass hier 1950 die Europäische Mennonitische Bibelschule eröffnet wurde. Seit dem Umzug auf den nahegelegenen Bienenberg bei Liestal (1957) dient sie als ‘Ausbildungs- und Tagungszentrum‘ weit über mennonitische Kreise hinaus als Ort der Schulung, Erholung und Begegnung.

 

 

Schweizer Mennoniten sind solide Bauern

Autor: Jürg Rindlisbacher

Die Landwirtschaft ist noch sehr präsent in den heutigen Schweizer Mennonitengemeinden: In nur gerade zwei der 14 Gemeinden gibt es keine aktiven Bauern mehr. Und in manchen Jura-Gemeinden wie Kleintal, Sonnenberg oder La Chaux-d’Abel leben noch eine Mehrheit der Mitglieder auf dem Bauernhof oder sind auf einem solchen aufgewachsen. Die mennonitischen Bauernfamilien leben vorwiegend von der Viehzucht in der Hügel- und Bergzone, mit Milch-, Käse-, Fleisch- und Eierproduktion. Getreide und Kartoffeln sowie Obst und Gemüse werden primär zur Selbstversorgung, teilweise auch für den Markt angebaut. In den Regionen Basel und Neuenburg gibt es zudem zwei Rebbaubetriebe.

 

Von der Landwirtschaft zu Industrie und Sozialarbeit

Über mehr als vier Jahrhunderte liess sich „Schweizer Mennonit“ fast mit „Bauer“ gleichsetzen. Die Schweizer Täufer urbanisierten und bewirtschafteten als tüchtige und verlässliche Bauern ihr eigenes oder gepachtetes Land im Emmental oder im Jura. Als christliche Gemeinschaft trafen sie sich zu ihren Versammlungen auf den Bauernhöfen. Und ihre Ältesten und Prediger waren Bauern und kümmerten sich als gute Hirten gleichzeitig um das Vieh im Stall und das Wohl der Gemeinde. Ab den 1950er Jahren wechselten mehr und mehr Schweizer Mennoniten von der Landwirtschaft in die Industrie oder soziale Berufe, damit oft auch vom Land in die Stadt, dort entstanden neue Gemeinden wie Biel und Bern. Dies wiederspiegelt die Entwicklung der Schweizer Landwirtschaft insgesamt: Zwischen 1965 und 2011 nahm die Zahl der Bauernbetriebe um zwei Drittel ab, die verbleibenden Betriebe wurden grösser, die Familien und die Zahl der auf dem Hof Beschäftigten kleiner. Grund dafür waren die Mechanisierung und die immer stärkere Globalisierung der Märkte.

 

Täuferische Spuren in Ackerbau und Viehzucht

Die Mennoniten hinterlassen bemerkenswerte Spuren in der Schweizer Landwirtschaft: Die tüchtigen Emmentaler Bauern verwandelten in den vorangegangenen Jahrhunderten die waldigen Hügel des Juras in Kulturland. Oder sie waren massgeblich an der Zucht von Tierrassen wie der Montbéliard-Kuh oder dem Freiberger Pferd beteiligt. Diese Spuren könnten allerdings bald verbleichen: Die Bewirtschaftung der Hügelregionen macht wirtschaftlich immer weniger Sinn, es droht die Vergandung. Und der Freiberger ist als gutes Arbeitspferd nicht mehr gefragt. Aber die verbleibenden Mennonitischen Bauern bleiben mit Leidenschaft im Beruf: Im November 2013 wurde ein mennonitischer Bauer zum Vorsitzenden von Swissherdbook, des grössten Schweizer Rindviehzuchtverbands gewählt.

 

Musik und Gesang 

Autorin: Margrit Ramseier

2013: ‘Gott lebet noch‘. Der Chor der ältesten Täufergemeinde der Schweiz, Langnau im Emmental, feiert sein 125jähriges Bestehen mit einem Gesangsgottesdienst.

 

2008: ‘Ehre sei Gott in der Höhe‘. Kräftig und vierstimmig erklingt es aus mehreren hundert Mündern bei einer Beerdigung. Aus vielen Schweizer Gemeinden sind die Menschen gekommen, und sie singen mit, sie kennen das Lied, viele gar auswendig – die Orgel ist wird überflüssig und auswärtige Gäste trauen ihren Ohren kaum.

 

1965: ‘Halleluia, denn Gott der Herr regieret allmächtig‘. Ich sitze mit meiner Familie in den ehrwürdigen Holzstühlen der Französischen Kirche in Bern und höre den ‘Messias‘ von Händel – aufgeführt von der Chorgemeinschaftschor der Mennoniten mit über 100 Sängerinnen und Sängern – ein Schlüsselerlebnis!

 

Mehrstimmiges gemeinsames Singen ist in den meisten Gemeinden ein wichtiges Element des Gottesdienstes. Es wird als besonderes Merkmal der Schweizer Mennoniten erlebt, auf das sie stolz sind und dessen Verlust sie befürchten.

Doch nicht immer haben die Täufer der Schweiz mehrstimmig gesungen. Die frühen Täufer verfassten und sangen einstimmige Märtyrerlieder, und lange war der Ausbund das wichtigste Gesangbuch. Als die reformierten Kirchen der Schweiz zum vierstimmigen Gesang übergingen, lehnten die Täufer das mehrstimmige Singen als weltlich und sündig ab.

 

Erweckungslieder  und ‘Alte Meister‘

Im 19. Jahrhundert gelangten Erweckungslieder in die Mennonitischen Gemeinden. Kapellen wurden gebaut, man wurde nicht mehr verfolgt, da liess sich gut zusammen singen. Das Harmonium hielt Einzug in viele Wohnzimmer und Kapellen. Chöre wurden gegründet und die Chorprobe war bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts eine der wenigen erlaubten Unterhaltungen.

 

Die gut ausgebildeten Lehrkräfte der Täuferschulen waren oft auch Chorleiter und Prediger und konnten im Schulzimmer ihren Nachwuchs frühzeitig fördern. So war eine kontinuierliche musikalische Erziehung gewährleistet. Die ‘Alten Meister‘ wurden entdeckt, mit Begeisterung veranstaltete man Gesangsfeste und führte grössere Werke auf. Vierstimmiges Singen war eine Selbstverständlichkeit.  Die Folge: Beachtlich viele Musikerinnen und Musiker der Schweiz haben einen täuferischen Hintergrund.

 

Kulturkonflikt

Und heute? Es wird immer noch kräftig und mit Freude gesungen. Und doch - das vierstimmige Singen ist nicht mehr selbstverständlich, die Anzahl der Chöre hat abgenommen, neue Formen des Gotteslobs werden ausprobiert. Durch die Vielfalt des Liedguts hat sich der Grundstock gemeinsamer Lieder verkleinert. Viele Gemeinden erleben eine Art Kulturkonflikt zwischen den Menschen, denen die Tradition der Vierstimmigkeit Heimat und Identität bedeutet, und denjenigen, die eine angelsächsische geprägte ‘Worship‘ – Musik bevorzugen. Hier gemeinsame Wege zu finden, ist eine stete Herausforderung an die Liebe. 

Militärdienst und Zivildienst 

Autor: Hans Ulrich Gerber

Die heutigen Schweizer Mennoniten sind nicht mehr die “Stillen im Lande”, wie sie dies im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren. Bis in die 60er Jahre eine kulturell und religiös abgesonderte Gruppe, ist die Mennonitische Gemeinschaft in der Schweiz heute denselben soziologischen Entwicklungen unterworfen wie andere Kirchen. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte ihnen vermehrt Diversität, gesellschaftliches Engagement und Anerkennung. Die Freuden und Herausforderungen einer sehr unterschiedlich gewordenen Gemeinschaft im post-christlichen Übergang treffen auf die Mennoniten genauso zu wie auf andere christliche Kirchen. Das lässt sich am Beispiel des Militärdienstes, bzw. des Zivildienstes und anderen Widerstandsbewegungen verdeutlichen.

Waffenloser Militärdienst
Nachdem im 19. Jahrhundert der Militärdienst in der Schweiz für alle Männer obligatorisch geworden war, und es bis heute bleibt, verliessen viele Täufer ihr Land und gingen nach Nordamerika, wo ihnen die Glaubens- und Gewissensfreiheit intakt erschien. Später erlaubten die Behörden den Mennoniten den waffenlosen Militärdienst. Den jungen Männern wurde dies von ihrer Gemeindeleitung als akzeptabel empfohlen. Allerdings stellten die von der Armee angebotenen Pferde und Jeeps für viele bescheidenen Landwirte einen grossen Anreiz dar, trotzdem waffentragender Soldat zu werden. Das pazifistische Gedankengut war der Erweckung zu Beginn des 20. Jahrhunderts fremd und so ging die Verpflichtung zur Verweigerung des Waffendienstes weitgehend verloren.

Militärdienstverweigerung
In den 70er und 80er Jahren entschied eine Anzahl junger Schweizer Mennoniten, den Militärdienst zu verweigern, was sie bis Mitte 90er Jahre gezwungenermassen ins Gefängnis brachte. Dieses Bewusstsein war weitgehend von der Wiederentdeckung der täuferischen Vision in Nordamerika beeinflusst, und traf  mit einer neuen gesellschaftlichen Sensibilität zusammen. Solches Engagement fand jedoch nicht immer Zustimmung in der Gemeinde. Die Debatte um Unterordnung im Staat nach Römer 13 und dem Widerstand gegen das Töten nach der Bergpredigt war oft hitzig.

Das Schweizerische Mennonitische Friedenskomitee schloss sich in den 1980er Jahren der wachsenden politischen Bewegung für einen Zivildienst an. Die Forderung lautete auf freie Wahl zwischen Militär- und Zivildienst, ohne Gewissensprüfung. Der Zivildienst - mit Gewissensprüfung - wurde schliesslich aufgrund einer Volksinitiative 1996 eingeführt.

Soziale Gerechtigkeit
Es geht jedoch klar um mehr als um Militärdienst und dessen Verweigerung. Da sind die Herausforderungen um soziale Gerechtigkeit und gerechten Handel. Noch umstrittener ist der Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Militarismus, gegen Staatsgewalt, wie sie z.B. gegenüber aus zu schaffenden Flüchtlingen zum Ausdruck kommt. Mennoniten sind möglicherweise ebenso unterschiedlicher Meinung in diesen Belangen wie die Gesellschaft, in der sie leben.