Polen

 

Sprache: Polnisch

Religionen: Römisch-Katholisch 87%, Orthodox 1.3%, Protestantisch 0.4% (hauptsächlich evangelisch nach Augsburger Bekenntnis  – Lutherisch - und Pfingstgemeinden)
Bevölkerung: 38 Million

Hauptstadt: Warschau

Keine erfassten getaufte Mennoniten

Ein Besuch in Polen?

Mennonitischer Radweg

Ein Teil der  9000 km langen Migrations Route führt durch diese Gegend.

Bauherr und Künstler

Autor: Paul F. Thimm
Übersetzung: Martje Postma 

In Danzig finden sich Spuren einer mennonitischen Familie der Baumeister und Künstler entstammten, der Familie van den Blocke. Die Hansestadt Danzig (Gdansk) war eine der reichsten und schönsten Städte in Nordeuropa.

 

Willem war der Sohn des Bildhauers François van den Blocke, aus Mechelen in Belgien. Zusammen mit seinem Bruder Egidius zog Willem nach Danzig, wo fähige Handwerker gesucht wurden, die den Stolz der Stadt in Bauwerke umsetzen konnten. Sein hervorragendster Auftrag war das Hohe Tor, der Anfang des 'Königlichen Weges' durch die Innenstadt. Er verzierte dieses in Stein, mit den Wappen von Polen, Preußen und dem Wappen der Stadt. In Oliva erbaute er die Grabstätte der Familie Kos. In Königsberg gibt es eine weitere von ihm erstellte Grabstätte.

 

Willems Sohn Abraham, Architekt und Steinmetz war an dem Bau des Artushofes und des Neptunbrunnens beteiligt, und er war der Baumeiste der Marmorgrabstätte für den Marquis Bonifacio in der Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit. Er entwarf ebenfalls die Baupläne für das Goldene Haus des Bürgermeisters Speimann und das Goldene Tor. Willems zweiter Sohn, Isaac, malte Gemälde in St. Katharinen und im Rathaus, und Darstellungen auf dem Altar und der Kanzel in St. Marien. Zusammen mit einem weiteren Sohn, Jacob, Zimmermann, arbeiteten sie an den Triumphbogen für König Sigismund.

 

Neuankömmlinge in Danzig, wie Egidius und Willems Söhne Abraham, Jacob und David, erlangten die Bürgerrechte, indem sie den Eid auf die Stadt ablegten. Das könnte sehr gut der Grund dafür sein, dass sie Lutheraner wurden, denn Mennoniten dürfen keine Eide schwören.

 

Vermutlich blieben Willem und sein Sohn Isaac Mennoniten. Ein Anzeichen dafür ist, dass Willem seine drei Söhne nach den Erzvätern benannte. Seine 'Vermeulen-Bibel' ist ebenfalls ein Zeichen dafür, denn was den Text angeht, kommt dieser überein mit der mennonitischen 'Biestkens-Bibel'. Der Danziger Kaufmann Krijn Vermeulen ließ diese Bibeln für seine niederländisch-sprachigen Glaubensgenossen drucken. Auf Willems Ausgabe sind sein Name und das Jahr 1607 eingedruckt.

 

Isaac ersuchte darum, sein Handwerk ausüben zu dürfen, ohne den Eid ablegen zu müssen. Sein Täufertum kann ebenfalls auf seinem Gemälde im Rathaus abgelesen werden. Gott ist darin nicht abgebildet, sondern nur angedeutet, mit einem Arm, der aus dem Himmel kommt, und dem Tetragrammaton.

 

Quellen:

Horst Penner, 'Niederländische Täufer formen als Baumeister, Bildhauer und Maler mit an Danzigs unverwechselbarem Gesicht', in: Mennonitische Geschichtsblätter (MGB), 26.Jg. 1969, S. 12 – 26.

Horst Penner 'Kunst und Religion bei Wilhelm und Isaac von dem Block', in:MGB 27.Jg. 1970, S. 48 – 50.

Rainer Kolbe, 'Wie mennonitisch war die Danziger Künstlerfamilie von Block?', in: MBG 66. Jg. 2009, S. 71 – 84.

Rainer Kolbe, 'Die Vermeulen-Bibel des Wilhelm von den Blocke von 1607', in: MGB 67. Jg.2010, S. 69 – 75. Nachtrag zu dem Artikel „Wie mennonitisch war die Danziger Familie von Block?“, in:MGB 66 (2009).

 

'Einer für Alle und Alle für Einen'

Autor: Michal Targowski
Übersetzung: Martje Postma 

Das Motto der Drei Musketiere war den Mennoniten, die in Polen lebten, wohl bekannt. Sie waren berühmt für ihre gegenseitige Unterstützung und Solidarität innerhalb ihrer Gemeinschaften.

 

Solidarität und Vertrauenswürdigkeit

Die Mennoniten in Polen waren Nachfahren niederländischer Einwanderer. Anders als die meisten polnischen Bauern waren sie freie Menschen, keine Leibeigene. Ihr Verhältnis zu Landeignern und Bischöfen war in Langzeitverträgen festgelegt, in der die Regel unterschrieben von einer kleinen Gruppe aus Bauern, die in einer gleichen Gegend siedelten. Zugleich mit dem Recht, das Land zu bearbeiten, erhielten sie Privilegien und Verpflichtungen.

 

Dieses führte dazu, dass im 16. Jahrhundert im Weichseldelta landwirtschaftliche mennonitische Siedlungen entstanden, mit weitgehender Autonomie und einer weit entwickelten Selbstverwaltung. In den Verträgen war oft festgelegt, dass alle Mitglieder der Gemeinde ihren Pflichten nachzukommen hatten und 'Einer für Alle' und 'Alle Für Einen' verantwortlich sein sollten. Dies ist eine gute Beschreibung der Gepflogenheiten, die das Leben in den mennonitischen Dörfern in Polen regelten.

 

'Willkürs'

Die Regeln, nach denen das Leben in den Siedlungen ablief, waren in den sogenannten 'Willkürs' aufgeschrieben: Listen von Artikeln, gestaltet als lange Dokumente in Schönschrift, die über Generationen in dafür angefertigten Kästen der Gemeinde aufbewahrt wurden. Die wichtigsten Abschnitte daraus betrafen die Regeln für die Selbstverwaltung. Das Haupt der Gemeinde war der 'Schultz', mit den Ratsmitgliedern, alle gewählt von den örtlichen Bauern. Diese hatten ihr Amt für ein Jahr inne, und mussten nach Ablauf des Jahres der Gemeinde einen Bericht erstatten, über das Geld, das sie ausgegeben hatten und die von ihnen ausgeführten Tätigkeiten.

 

Alle Nachbarn bezahlten einen festgelegten Betrag für den Unterhalt der Schule, der Lehrer und den Friedhof. Ein besonderes Augenmerk wurde auf das Bestimmen der bestmöglichen Vormundschaft für Waisenkinder gelegt. Jene, die den wichtigsten Verpflichtungen wie Steuern zahlen, Deiche und Gräben erhalten, Grenzen zu achten oder den Feuerschutz nicht nachkamen, wurden von der Gemeinschaft strengstens bestraft, mit Strafzahlungen oder sogar Verbannung aus der Gemeinde.

 

Opfer von Übeltaten bestrafen

Es war ebenfalls üblich, die Opfer von Diebstahl zu unterstützen. Wenn nur ein Pferd oder eine Kuh gestohlen worden war, hatte jede Familie die Pflicht, ein Familienmitglied zu schicken, um Jagd auf den Dieb zu machen. Die Nachbarn waren ebenso verpflichtet, den Opfern von Feuersbrunst mit finanziellen und materiellen Mitteln zur Seite zu stehen. Es wurden auch selbstverwaltete Organisationen für den Deichschutz und das Säubern der Gräben ins Leben gerufen. Diese erhielten sich bis ins 19te Jahrhundert, und stellten ebenfalls eine Verbin

 

Mennonitische Architektur in Polen

Autoren: Wojciech Marchlewski, Michał Targowski
Übersetzung: Martje Postma 

Die Mennoniten in Polen unterschieden sich von ihren Nachbarn nicht nur in ihrer Religion und ethnischer Herkunft, sondern ebenso in ihrem Baustil.

In jenen Gegenden, wo die Mennoniten lebten, gibt es hunderte von Gebäuden, deren Architektur von Bauweisen abgeleitet ist, die im 16. Jahrhundert von niederländischen Mennoniten mitgebracht wurden. Die meisten davon sind alte Bauernhöfe aus Holz, die sich in Żuławy (Werder), und in den zentralen Niederungen an der Weichsel befinden. Sie sind leicht zu erkennen: das Wohngebäude und die Scheune sind in langer, gerader Linie gebaut, alles unter einem Dach. Sie sind sehr groß, oft länger als 40 Meter.

 

Die Mennoniten, die in sumpfigen Gebieten lebten, bauten ihre Häuser auf künstlichen Hügeln, die Warften genannt werden. Das Fundament war aus Eichenholz, die Seitenwände aus Fichten oder einem anderen weichen Holz. Eine Holzkonstruktion bedeutete Schutz gegen die Elemente, und ermöglichte es, das Haus wieder auseinander nehmen zu können, um es an einem anderen Ort wieder aufzubauen. Der Dachboden wurde für als Speicher für Heu und die Ernte benutzt, doch bei hohen Wasserständen wurde er auch zum Zufluchtsort für die Familie und ihren Besitz, einschließlich der Tiere.

 

In den ersten beiden Jahrhunderten, in denen die Mennoniten in Polen lebten, wurden ihre Bauernhöfe auch als Gebetshäuser genutzt. Im 16. und 17. Jahrhundert gab es hier nur einige wenige mennonitische Kirchen. Erst im 18. Jahrhundert bekamen die ersten mennonitischen Gemeinschaften die Erlaubnis, ihre Kirchen an anderen Orten in Żuławy  (Werder) und dem Weichseldelta zu bauen. Diese Kirchen waren aus Holz, langgestreckte Vierecke mit einem einfachen hohen Dach, wodurch sie eher Scheunen oder Kornscheunen als einem Gotteshaus ähnelten.

 

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die alten Kirchen in Żuławy durch neue Gebäude ersetzt, die sehr häufig den Baustil der Kirchen anderer Konfessionen übernahmen. Aus Backstein gebaut, im neogotischen oder eklektischen Stil, dennoch waren sie einfach zu erkennen, weil sie keinen Turm hatten. Jedoch wurde die Tradition der Kirchen aus Holz länger beibehalten in den Gebieten an der Weichsel in der Nähe von Thorn, Plock und Warschau, wo im späten 19. Jahrhundert neue Kirchen von Mennoniten im gebaut wurden. Insgesamt bauten in Mennoniten in Polen mehr als 40 Kirchen an 30 Orten, und sie benutzten die meisten davon bis zu der großen Migration in den letzten Monaten des zweiten Weltkrieges. Heute sind  nur noch 9 ehemalige mennonitische Kirchen erhalten geblieben, einige davon werden von anderen Religionsgemeinschaften als Gotteshäuser genutzt.   

 

 

Mennonitische Friedhöfe

Autor: Łukasz Kȩpski
Übersetzung: Martje Postma 

Obwohl in vielen Gebieten Polens fast vierhundert Jahre lang Mennoniten gelebt haben, finden sich nur einige wenige Überbleibsel ihrer Anwesenheit, die bis heute erhalten geblieben sind. Ein Teil dieses Erbes sind alte, und oft auch vergessene Friedhöfe. Die ältesten mennonitischen Friedhöfe in Polen wurden von den ersten Einwanderern angelegt, die sich im Weichseldelta und der Niederung im 16. Jahrhundert niederließen. Unterhalten von allen Mitgliedern der örtlichen Gemeinschaft waren die Friedhöfe oft in der Nähe der Siedlungen zu finden, auf dazu  ausgesuchten natürlichen oder von Menschen gemachten höher gelegenen Landstrichen, zum Schutz gegen die gefährlichen Überströmungen der Flüsse.

 

Symbole

Mennonitische Friedhöfe enthielten viele wichtige Symbole, die noch heute auf bewahrt gebliebenen Grabsteinen zu finden sind. Zerbrochene Bäume und Schmetterlinge symbolisieren die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des Menschenlebens, Mohnblumen werden als Symbole für ewigen Schlaf genutzt. Schädel, oft auf dem unteren Teil eines Grabsteins gesetzt, richten unsere Gedanken auf den unvermeidlichen Tod – das Ende der verschlungenen Lebenswege, die häufig in dekorativen Umrandungen symbolisiert werden. Andere interessante Kennzeichen sind die gmerken – die Familienwappen, die auf den Grabsteinen angebracht wurden, zusammen mit den Initialen der Verstorbenen.

 

Relikte

Nach dem Zweiten Weltkrieg traf viele der Mennonitenfriedhöfe, wie auch die von anderen Protestanten und Juden, ein tragisches Schicksal, als sie als Ergebnis der zwangsweisen Migration der Mennoniten aus Polen 1945 schutzlos zurückblieben. Als Spuren der feindlichen deutschen Kultur gesehen, wurden alte Grabsteine häufig zerstört oder von den neuen Einwohnern der Gegend entfernt. Viele Friedhöfe verschwanden. Jedoch blieben einige erhalten, besonders jene, die weit entfernt von den Ortschaften angelegt waren, als mehr und mehr in Vergessenheit geratende Überbleibsel der früheren Gemeinschaften, die dort gelebt hatten. 

 

Restaurierung

Heute hat sich die Situation grundlegend geändert. An vielen Orten in Polen werden alte Friedhöfe sorgfältig restauriert, von verschiedenen Organisationen und Institutionen. Häufig geschieht dies mit der Unterstützung von Mennoniten aus den Niederlanden, Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Es gibt viele gute Besipiele für solche Aktivitäten, einschließlich der Restaurierung des Friedhofs in Stogi Malborskie (Heubuden), oder ein Lapidarium mit dem Namen '11 Dörfer Friedhof', das ein Teil des Museums (Muzeum Żuławy) in Nowy Dwór Gdański ist. Heutzutage sind diese ganz besonderen Orte weit mehr als nur Orte des Gedenkens für Nachfahren von ehemaligen Mitgliedern mennonitischer Gemeinden. Sie bieten ebenfalls Raum für Bildungsaktivitäten und den interkulturellen Dialog, ebenso wie für ein ewiges Gedenken an die Mennoniten, die früheren Einwohner dieser Gegend.

 

 

 

Erinnerungen an die Mennoniten im heutigen Polen

Autor: Michał Targowski
Übersetzung: Martje Postma 

Die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges zwang die Mennoniten Polen zu verlassen, das mehr als 400 Jahre ihre Heimat gewesen war. Ihr zurückgebliebenes Erbe wird in unseren Tagen wiederentdeckt, und fasziniert neue Generationen von Polen und Gäste aus anderen Ländern.

 

Respekt

Die von den Mennoniten aus Polen verlassenen Bauernhöfe und Häuser wurden eingenommen von polnischen Familien die aus den von der UdSSR annektierten Gebieten in Ostpolen vertrieben worden waren. Die Haltung der neuen Bewohner ihren Vorgängern gegenüber war durch die schmerzlichen Erfahrungen des Krieges und polnisch-deutsche Feindseligkeiten negativ beeinflusst. Doch hatten diese den größten Respekt vor ihnen, wegen der von ihnen zurückgelassenen Gebäude, Geräte und Systeme, die es möglich machten, Bauernwirtschaft in den Sumpfgebieten zu betreiben.

 

Austausch in Bildung und Kultur

Die Zeiten des Kalten Krieges machten es den Mennoniten unmöglich, in ihr Heimatland zurückzukehren. Eingedenk ihrer Wurzeln gelang es ihnen viele Male, substantielle Hilfen für Polen zu organisieren, ganz besonders in den ersten Nachkriegsjahren. Erst in den siebziger Jahren erhielten einige wenige Mennoniten die Erlaubnis, ihre ehemaligen Kirchen und Wohnorte zum ersten Mal zu besuchen, ein Ergebnis der Normalisierung einiger polnischer Auslandsbeziehungen. So begann  ebenfalls ein Austausch auf der Ebene Bildung und Kultur, organisiert vom MCC. Diese Kontakte entwickelten sich weiter und führten zu einer engeren, wenn auch informellen, Zusammenarbeit mit dem Ergebnis der Restaurierung vergessener Friedhöfe, historischen Nachforschungen zu den Mennoniten in Polen, und materieller Unterstützung für polnische Menschen in schwierigen Zeiten.

 

Das Museum Zuławskie

Im heutigen unabhängigen Polen ist ein wachsendes Interesse an den Mennoniten zu beobachten. Überreste ihrer Anwesenheit werden als wertvolle Elemente des umfangreichen und vielfältigen Erbes der polnischen Gebiete gesehen. Es gibt viele Organisationen und Verbände, die sich um das Gedenken an die Mennoniten kümmern, in Form von Ausstellungen, kulturellen Ereignissen, Restaurierung von Friedhöfen, und dem Bewahren mennonitischer Gebäude. Seit 1993 wird die Internationale Mennonitische Konferenz vom Klub Nowodworski in Nowy Dwór Gdański organisiert. Dieser Verband hat das Museum Zuławskie eröffnet, mit einer ausführlichen Darstellung und Beschreibung der Geschichte der dort ansässigen Mennoniten. Deren Erbe wird in offiziellen Touristenrouten (Szlak Mennonitów) präsentiert, und ebenso an dem Wochenende der Mennoniten in Chrystkowo in der Nähe von Chełmno (Culm). In nächster Zeit soll das Olęderski Park Etnograficzny (Freiluftmuseum Niederländischer Siedlungen) in der Nähe von Torún (Thorn) eröffnet werden, wo Originalbauten und Kunstgegenstände von mennonitischen Siedlern  aus dem Weichseldelta zu sehen sein werden. Last but not least wurde in 2007 die Mennonitische Agape Gemeinschaft in Mińsk Mazowiecky gegründet, als eine Gemeinschaft von Christen, die im Glauben und in den Traditionen polnischer Mennoniten leben wollen.  

 

Schlüsselmomente in der Geschichte der polnischen Mennoniten

Autor: Michał Targowski
Übersetzung: Martje Postma 

Von dem hoffnungsfrohen Augenblick ihrer Ankunft im 16. Jahrhundert bis zu dem traurigen Moment ihres Auszugs im Jahre 1945 waren die Mennoniten ein wichtiger Teil der mühevollen Geschichte Polens, das einstmals Heimat der größten mennonitischen Bevölkerungsgruppe der Welt war.

 

Willkommen geheißen und gefürchtet

In der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts ließen sich die ersten Mennoniten in Polen nieder. Ihre Übersiedlung aus den Niederlanden an die Ufer der Weichsel rief bei der örtlichen Bevölkerung unterschiedliche Reaktionen hervor. Einerseits wurden sie als Bedrohung angesehen, für die katholische Kirche und für andere protestantische Kirchen, und in den Städten als gefährliche Konkurrenten für Händler und Handwerker. Andererseits wurden sie willkommen geheißen, aufgrund ihrer Fähigkeiten als Ackerbauer in sumpfigen Gebieten. Von Zeit zu Zeit wünschten Städte, Bischöfe und der Adel den Wegzug der Mennoniten, doch sie blieben in Polen, unterstützt von Königen, Großgrundbesitzern und Gutsverwaltern.

 

Im Gegensatz zu anderen Staaten in den frühen Zeiten der Moderne, war Polen berühmt für seine Gewährleistung religiöser Toleranz. 1642 erhielten die polnischen Mennoniten ein Sonderprivileg, das ihnen Glaubensfreiheit und Schutz gegen Verfolgung versprach. Doch dies schützte sie nicht vor den Nördlichen Kriegen, die in jenen Gegenden im 17. und 18. Jahrhundert stattfanden, und die zu einer Dezimierung oder sogar gänzlichen Auslöschung vieler mennonitischen Siedlungen führten, zerstört zurückgelassen von marodierenden Truppen und Epidemien.

 

Verlorene Freiheit

Mehr als zweihundert Jahre lang war der polnisch-litauische Staatenbund Ort der Geborgenheit für die Mennoniten, wo sie entsprechend ihres Glaubens und ihrer Traditionen leben konnten. Das änderte sich grundlegend mit den polnischen Teilungen 1772 und 1793, als ihre Wohngebiete ein Teil des Königreichs Preußen wurden. Die neue Königsherrschaft erlegte den Mennoniten neue Regeln auf, sie mussten jährlich hohe Geldbeträge zahlen, um der militärischen Dienstpflicht zu entgehen, ihnen wurde nicht gestattet, Bauernhöfe zu kaufen, die nicht vorher schon mennonitisches Eigentum gewesen waren. Dies führte zu einer neuen Wanderbewegung aus Żuławy und dem Gebiet der Weichselmündung, weiter nach Osten. Einige mennonitische Familien ließen sich nieder in Płock und Warschau, doch die meisten folgten der Einladung der Zarin Katharina der Großen, die russischen Steppen urbar zu machen. Die in Preußen verbliebenen Familien identifizierten sich mehr und mehr mit den Deutschen, und in 1870 unterlagen sie endgültig in ihren Bemühungen, der Wehrpflicht zu entgehen. Inzwischen begann für viele Mennoniten eine neue Migration aus Preußen, nach Nord- und Südamerika.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Mennoniten, die in Żuławy und in der Weichselniederung lebten, getrennt durch die neu gezogenen Grenzen der Republik Polen, Deutschland und die Freie Stadt Danzig. Als Deutsche betrachtet, und daher später als verantwortlich für die Katastrophen des Zweiten Weltkrieges, wurden sie Anfang 1945 gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Sie flohen, zumeist nach Deutschland oder in die Vereinigten Staaten. Auf diese Weise erlitt ihre mehr als 400jährige Existenz ein dramatisches und schmerzvolles Ende.

 

 

Mennonitische Siedlungen in Polen

Autor: Michal Targowski
Übersetzung: Martje Postma 

Die Mennoniten, die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts nach Polen auswanderten, waren überwiegend Bauern. Ihre ausgezeichneten Fähigkeiten sumpfige Landstriche zu kultivieren, ermöglichten es ihnen, sich in gering besiedelten Gebieten im Weichseldelta anzusiedeln.

 

Hauptsächlich Landwirtschaft

Obwohl es in Elbląg (Elbing) und in den Vorstädten von Danzig Niederlassungen  mennonitischer Handwerker und Kaufleute gab, zogen es die meisten Anhänger von Menno Simons vor, sich auf dem Lande anzusiedeln. Die ersten Siedlungen lagen im Delta und dem Tal der unteren Weichsel, einige wenige Mennoniten lebten an der Ostseeküste und in den Sümpfen des Flusses Noteć (Netze). Im frühen siebzehnten Jahrhundert legten die Niederländer ihre Kolonie auf eine jener Flussinseln an, die jetzt ein Teil von Warschau sind. Die Weiterentwicklung wurde von Kriegen behindert, bis in das späte achtzehnte Jahrhundert, als neue Generationen in Polen geborener Mennoniten  sich erneut aufmachten und neue Gebiete stromaufwärts an der Weichsel und ihren Nebenflüssen besiedelten.

 

Gegründet in unzugänglichen Gebieten, bedingt durch die hohe Wahrscheinlichkeit von Überflutungen, hatten die von Mennoniten angelegten Dörfer eine einzigartige Form und einen eigenen Charakter – hölzerne Wohnhäuser, meistens an einem Deich entlang gebaut, oder auf trockenen Streifen in der Nähe der Sümpfe, die Häuser in regelmäßigem Abstand voneinander. Die Grundstücke waren gleichmäßig unterteilt, senkrecht zum Deich oder zu einer Straße, von Gräben getrennt. Die so planmäßig geordneten Dörfer werden 'Reihendörfer' genannt. Ihre Anordnung, die sich an vielen Orten in Polen erhalten hat, ist eines der Teile von jenem Erbe, das diese Einwanderer hinterlassen haben.

 

Integrierte Gemeinschaften

Mennonitische Ansiedlungen bildeten lokale Gruppen, die eine Zusammenarbeit zwischen kleineren Ortschaften möglich machten. Sie organisierten gemeinsame Gebetstreffen und Gottesdienste, die von Einwohnern verschiedener Dörfer besucht wurden. Es wurde viel Mühe darauf verwandt, einen mennonitischen Bauernhof nicht in katholische oder lutherische Hände gelangen zu lassen. Daher bildeten die polnischen Mennoniten enge Gemeinschaften, denen es gelang, ihre Identität und Religion über lange Zeit zu erhalten, wenigstens bis zur Zeit der zunehmenden Germanisierung im 19. und 20. Jahrhundert, und manchmal sogar bis zu ihrer dramatischen Auswanderung aus Polen in 1945.

Diese jahrhundertealten mennonitischen Siedlungen finden sich in Dutzenden Dörfern in Zulawy und der unteren Weichselniederung, wie z.B. Nieszawka (Nessau), Sosnówka (Schonsee), Przechówko (Wintersdorf), Mątawka (Montau), Grupa (Gruppe), Bratwin, Jezioro (Thiensdorf), Kazuń Deutsch Kazun) und Wymyśle. An diesen Orten, wie an vielen anderen Stellen, sind immer noch Spuren der mennonitischen Geschichte zu finden, festgelegt in den Landschaften der Niederungen, in alten Beispielen der Holzarchitektur oder in schweigenden Friedhöfen.

 

Zulawy – der Neuanfang

Autor: Łukasz Kępski
Übersetzung: Martje Postma 

Zulawy, die fruchtbare grüne Niederung an der Mündung der Weichsel, mit seiner einmaligen traditionellen Architektur und dem unglaublich komplexen Abwasserungssystem, war eine Heimat für viele Generationen von Mennoniten, vom 16. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

 

Toleranz

Die ersten Mennoniten siedelten Mitte des 16. Jahrhunderts in Zulawy. Das Gebiet, auch Werder genannt, war damals ein Teil des königlichen Preußen, eine der von den polnischen Königen regierten Provinzen. In früheren Jahrhunderten hatte Polen verschiedenen Volksgruppen unterschiedlicher Religion Toleranz geboten: Juden, römisch-katholische und orthodoxe Christen lebten in diesem Königreich. Die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts, eine Zeit großer religiöser Konflikte im Westen Europas, führte in Polen zu einem friedlichen Sieg der Reformation in den großen Städten, insbesondere in den reichen Hafenstädten wie Danzig und Elbing, die durch   Schifffahrt  und Handel vielfältige Kontakte mit den Niederlanden unterhielten. Dieser Umstand gab den verfolgten niederländischen Mennoniten Hoffnung. Nach Polen umzusiedeln schien die Möglichkeit zu sein, ihre eigene Identität zu wahren.

 

Neue Zuwanderer nicht willkommen

Die Mennoniten erwartete in Danzig kein warmes Willkommen, wo lokale Kaufleute und Handwerker sich vor dem Wettbewerb mit den Neulingen fürchteten. Jedoch überzeugten ihre Fähigkeiten, sich im Marschland als Bauern zu behaupten, die Verwalter der sumpfigen Weichselniederung, die niederländischen Migranten als Siedler in diese ländlichen, manchmal sogar ganz unbesiedelten Gebiete in Zulawy einzuladen. Die Gegend wurde zum Siedlungsgebiet von Mennoniten, mit einem Netzwerk aus Niederlassungen, Kanälen und Deichen, die eine effektive landwirtschaftliche Entwicklung ermöglichten. Neuankömmlinge erhielten als Regel einen privilegierten Status, mit Langzeit-Pachtverträgen, emphyteusis genannt, die ihnen ihre religiöse Freiheit, Selbstverwaltung und ihre Sitten und Gebräuche zusicherten. Ab 1540 wuchs die mennonitische Bevölkerung in allen Teilen Zulawy's, in Zahlen und an Grundbesitz. Sie ließen sich in alten Dörfern nieder, und gründeten neue innerhalb der Stadt Danzig und im Umkreis, in Zulawy und in den Niederungen nahe der Marienburg.

 

Weiterwandern

Das friedliche Leben der Mennoniten in Zulawy wurde durch die Nördlichen Kriege in der Mitte des 17. Jahrhunderts und durch die Annektierung des Gebietes in das Königreich Preußen 1772 aufgerüttelt. Einschränkungen ihrer Freiheiten und ein wachsender  Druck, den pflichtmäßigen Wehrdienst zu leisten, auferlegt durch die neuen Herrscher, waren der Grund für eine erneute Migration, in die Steppen der Ukraine. Viele Mennoniten fanden dort eine neue Heimat, vergaßen jedoch ihre  Wurzeln nicht, und benannten einige neue Niederlassungen nach den Dörfern, die sie in Zulawy zurückgelassen hatten. Diejenigen, die an den Ufern der Weichsel verblieben, mussten ihre Heimat in zweiten Weltkrieg zurücklassen. Zurück blieben eine wunderschöne Landschaft und ein kulturelles Erbe, das sich in vierhundert Jahren mennonitischen Lebens in jenem Gebiet entwickelt hat.

 

Auf der Suche nach einem bleibenden Ort

Autor: Michał Targowski
Übersetzung: Friedhelm Janzen

Der Wunsch nach einem besseren Leben, in dem man den eigenen Regeln und dem eigenen Glauben folgen konnte, brachte im sechzehnten Jahrhundert die Mennoniten nach Polen. In den nachfolgenden Jahren führte derselbe Wunsch häufig zu einer Suche nach neuen Orten zum Leben, innerhalb Polens und darüber hinaus.

 

Zwischen wachsender Intoleranz und Religionsfreiheit

 Mennonitische Migrationen in Polen nahmen im späten achtzehnten Jahrhundert zu, überwiegend aus Gründen der Übervölkerung ihrer Siedlungen und wachsender Intoleranz bei einem Teil der polnischen Gesellschaft. Die Migranten zogen an der Weichsel weiter flussaufwärts oder verliessen das Land. An den neuen Siedlungsorten war es nicht immer einfach, für längere Zeit bleiben zu können. In den sechziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts (also nach 1760) gründeten Mennoniten aus den Gebieten um Schwetz, Thorn und Graudenz zwei wichtige Siedlungen zwischen Plock und Warschau – Deutsch-Kazun und Deutsch-Wymyschle. Sie blieben in dieser Region bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Eine weitere Gruppe von etwa 30 Familien zog in die feuchte Niederung der Netze bei Driesen, einem Teil von Brandenburg, wo sie die Siedlungen Brenkenhoffswalde und Franzthal gründeten. Im Jahr 1765 erhielten diese Siedler besondere Privilegien in Form von Religionsfreiheit und Freistellung vom Militärdienst, doch als die Preussischen Behörden 1834 Pläne ankündigten, diese Privilegien zu beenden, zogen die meisten Mennoniten erneut weiter.

 

Militärdienst

Die wichtigsten Ziele der mennonitischen Wanderungen waren die Gebiete rund um den Fluss Dnepr, die im achtzehnten Jahrhundert zu Russland gehörten (heute Ukraine). Auf Einladung von Katharina der Großen zog eine große Gruppe von Landwirten aus dem Weichselwerder in diese Gegend und gründete die erste Kolonie am Dnjepr, Chortitza. In den nachfolgenden Jahren folgten tausende weitere Mennoniten, die nicht bereit waren, Einschränkungen Ihrer Rechte durch den Preussischen Staat zu akzeptieren. Die Einführung des verpflichtenden Militärdienstes in Preussen in den 1860er Jahren verursachte eine weitere Welle von Abwanderungen, dieses Mal jedoch vorwiegend nach Nordamerika.

 

Mennoniten in Polen bis 1945

Trotz der massiven Abwanderungen im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert blieben auch weiterhin viele Mennoniten in Polen. 1945 mussten allerdings auch sie ihre Heimat als Ergebnis der Tragödie des Zweiten Weltkrieges verlassen. Konfrontiert mit der Not und dem Chaos am Ende und im Anschluss an den Krieg, beschlossen beinahe alle Mennoniten nach Westdeutschland, Uruguay, Paraguay, in die USA oder nach Kanada zu ziehen.