Belgien / die Niederlande

Sprachen: Niederländisch und Friesisch

Religionen: Römisch-Katholisch 30%, Protestant 20%, Moslem 6%

Bevölkerungszahl: 17 Million

Hauptstadt: Amsterdam (Regierungssitz Den Haag)

Mennoniten in den Niederlanden

Anzahl Mennonitengemeinden : 110

Anzahl getaufter Mennoniten: 7,700 = mehr als 12%  der europäischen Mennoniten. Ansässig hauptsächlich im Westen und Norden.

Ein Besuch an die Niederlande?

 Ein Teil der 9000 km langen  Migrations Route führt durch diese Gegend.

Ein bescheidener Mann, der viele seiner Ideale in die Tat umsetzen konnte.

Autor: Marius Romijn
Übersetzung: Martje Postma 

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nahm der Einfluss des liberalen Protestantismus in den Niederlanden ab, während die protestantische Orthodoxie und der Katholizismus stabil blieben. Viele junge Pastoren hatten ihre Schwierigkeiten mit den Konzepten 'Sünde und Vergebung'. Sie wurden von den Quäkern in England inspiriert, besonders von den Treffen in Woodbrooke, wo Christus und die Gebetsfrömmigkeit den Mittelpunkt bildeten. Laien konnten in geistigen Dingen und praktischen Angelegenheiten Leitung geben.

 

Tjeerd war als Student der Theologie von dieser nicht klerikalen Frömmigkeit, von der Laientätigkeit in der Kirche und durch das Friedenszeugnis angetan. Er nahm mit anderen Mennoniten Kontakte auf, um die Möglichkeiten für die Einführung dieses Gedankengutes in die Bruderschaft zu durchdenken. Dies war die Keimzelle für den 'Verein für Gemeindetage', Vereniging voor Gemeentedagen, eine Kombination aus nationalen und regionalen Treffen, Arbeitsgruppen und nach und nach ebenfalls für die Konferenzgebäude und Unterbringungsmöglichkeiten für Besucher. Diese Möglichkeiten standen auch Frauen offen, und das belebte die Bruderschaft mit neuem Schwung. Hylkema, Prediger der Gemeinde Giethoorn seit 1912, war zehn Jahre lang der Vorsitzende dieser Bewegung. Das Zentralkomitee der Mennoniten (Algemene Doopsgezinde Sociëteit) zeigte sich zunehmend beunruhigt, aufgrund ihrer sozialistischen, feministischen, pietistischen und orthodoxen Züge. Die erste Ausgabe des Organs für den 'Verein für Gemeindetage' 'Briefe', brieven, erschien 1918. Es gab Ausschüsse, die sich auf Bibelstudien richteten, andere auf die Organisation von Sommerlagern für junge Leute, den Pazifismus, und andere Angelegenheiten.

 

In Giethoorn gründete Hylkema eine Korbflechterschule. Er war auch der Initiator für die Hilfe für die Russland-Mennoniten, die nach der Revolution von 1917 unter schweren Verfolgungen litten. Eine von ihm verfasste Schrift zu diesem Thema erlebte mehrere Neuauflagen, und erschien auch auf Deutsch. Er war eine große Hilfe bei der Emigration von hunderten Mennoniten nach Nord- und Südamerika, aus Rotterdam. Nach der Wirtschaftskrise von 1929 bekamen auch verarmte niederländische Familien Hilfe. Während des Zweiten Weltkrieges organisierte er einen Transport nach London für jüdische Kinder, und Unterstützung für Flüchtlingslager in den Niederlanden.

 

Nachdem er der Gemeinde Giethoorn als Prediger gedient hatte, wurde er zu diesem Amt nach Amersfoort und Amsterdam berufen. Er diente der niederländischen mennonitischen Friedensorganisation als Präsident, und arbeitete für die Bibliothek des Friedenspalastes in Den Haag. Er schrieb für die 'Brieven', veröffentlichte mehrere Bücher, und war einer der Redakteure für das Mennonitische Gesangbuch (1944). Seine Arbeit für die 'Gemeentedagbeweging' festigte die internationalen Beziehungen, und lieferte einen Beitrag zur Erweiterung des Aufgabenbereichs der  ADS, 'Algemene Doopsgezinde Sociëteit'.

 

Er verhalf zu einer 'Stärkung der Gottesdienste' (hauptsächlich durch die Unterstützung des Seminars) und Unterstützung der materiellen, ethischen und religiösen Interessen der Mennoniten, und deren Vertretung.

 

Tjeerd Hylkema war ein bescheidener Mann, der trotz seines schwachen Gesundheitszustandes viele seiner Ideale in die Tat umsetzen konnte. Er war eine große Hilfe für die niederländischen Mennoniten, auf ihrem Weg in das zwanzigste Jahrhundert.   

 

 

Reformer

Autor: Marius Romijn
Übersetzung: Martje Postma 

Menno wurde in den frühen Jahren der Reformation zum Priester geweiht, als die Sakramentisten ebenfalls Zulauf bekamen (diese lehnten die Messe als Opfer ab). Als  Geistlicher in Pingjum zweifelte er an dem Wunder der Eucharistie, und begann selber die Bibel zu erforschen. In jener Zeit erreichte die Bewegung der Anabaptisten die Niederlande. Nachdem Sicke Freerks, der sich aufs Neue hatte taufen lassen, geköpft worden war, begann Menno Simons ebenfalls an der Kindertaufe zu zweifeln. Dennoch wurde er am Ende des Jahres 1532 Priester in Witmarsum – in dieser Zeit erlangte er Bekanntheit als 'Prediger des Evangeliums'.

 

Die schnellwachsende Bewegung der Anabaptisten vertrat mit Nachdruck die kurz bevorstehende Zweite Erscheinung des Herrn – die wahren Gläubigen sollten ein reines Leben führen, ohne Gewalt, in einer Gemeinde frei von Sünden. Eine stetig wachsende Gruppe von Wiedertäufern unter Anführung von Jan Matthijs – später von dessen Nachfolger von Jan van Leyden – versuchte das 'Neue Jerusalem' in der Domstadt Münster zu errichten. Es gelang ihnen, den Rat der Stadt zu entmachten, und alle Einwohner sollten sich bewaffnen, gegen den Fürstbischof. Dieser stellte ein Heer auf, um die Stadt zurückzuerobern.

 

Nach einem Jahr ging dieses kleine Wiedertäuferreich zugrunde in Gewalt. Einige der Menschen um Menno waren an der wiedertäuferischen Gewalt in Friesland beteiligt. Die Wiedertäufer gerieten in Chaos, und wurden schärfstens verfolgt. Menno Simons führte noch ein genügsames Leben, doch empfand das als ein 'Leben in Ägypten'. Im Jahre 1536 verließ er die katholische Kirche, und musste im Versteck leben. Nach langen Überlegungen und vielen Gesprächen ließ er sich taufen.

 

1537 kam Menno Simons einer Bitte nach, Ältester zu werden. Nach und nach wurde er zum Anführer der niederländischen Wiedertäufer, und der Einfluss seines Rivalen David Joris nahm ab. Die Herrschenden boten Geld für seine Gefangennahme. Mehrere Menschen, die Menno Unterschlupf geboten hatten, wurden getötet. Er hatte damit begonnen, Bücher und Pamphlete zu schreiben, die alle als wider das Gesetz gesehen wurden. Er musste dauernd auf Reisen sein, und lebte am Ende seines Lebens als ein Verbannter in Holstein, mit seiner Frau Geertruyd und ihren Kindern.

 

Die reine Gemeinde war ein Kerngedanke für die Wiedertäufer, um diese zu erhalten  machten sie Gebrauch vom Bannspruch und von der Meidung. Das sollte die Sünder zur Buße und Umkehr bewegen. In Emden tat der einflussreiche Ältester den Ehemann von Swaan Rutgers in den Bann. Das bedeutete, das sie jeglichen Kontakt mit ihm vermeiden sollte. Sie weigerte sich, das zu tun, denn wenn sie es täte, würde sie ihr Ehegelübde brechen. Menno wollte vermittelnd auftreten, doch Lenaert drohte, ihn ehemals in den Bann zu tun, und Menno gab nach. Dies wurde der Grund für die liberale Gruppe der Waterländer Mennoniten, sich loszusagen. Auf seinem Sterbebett äußerte Menno sein Bedauern darüber, dass er 'ein Diener der Menschen' gewesen sei, anstatt eines Dieners Gottes'.   

 

Menno war ein Reformator der zweiten Generation. Er war kein Gelehrter, wie Luther, Zwingli und Calvin. Als ein praktisch eingestellter Anführer gelang ihm die Aufgabe, die friedliebenden niederländischen Täufer in schwierigen Zeiten zusammenzuführen. Jedoch brach diese Einheit am Ende seines Lebens auseinander.

 

Quelle Bild: Piet Visser, Sporen van Menno. Het veranderende beeld van Menno Simons en de Nederlandse mennisten (in Zusammenarbeit mit den Niederlanden, Kanada, Deutschland und den Vereinigten Staaten, 1996).

 

'Der Mennisten-Papst'

Autorin: Annelies Vugts-Verbeek
Übersetzung: Martje Postma 

Müller wird heutzutage als einer der einflussreichsten akademischen Lehrer am Taufgesinnten Seminar in der Geschichte der niederländischen Mennoniten gesehen. Zu seiner Zeit wurde er spöttisch als 'Mennisten-Papst' oder 'Haupt der Kirche' bezeichnet. Seine wachsende Autorität und sein wachsender Einfluss stand in einem Spannungsverhältnis zu der autonomen und anti-autoritären 'Eigen-Art' der Mennoniten. In der Hinsicht war er eher ein Repräsentant des neunzehnten Jahrhunderts als jene liberalen Mennoniten, die sich in dem Gedankengut des aufgeklärten achtzehnten Jahrhunderts zuhause fühlten.

 

Von Krefeld nach Amsterdam

Der Deutsche Müller kam mit einem Stipendium aus Krefeld nach Amsterdam (1801), um zum mennonitischen Prediger ausgebildet zu werden. Die Feinheiten des Amts lernte er in der Kleinstadt Zutphen (1806). Danach amtierte er als Prediger in den weit angeseheneren Gemeinden Zaandam-Oostzijde (1809) und Amsterdam (1814). In 1827 wurde er zum akademischen Lehrer am Taufgesinnten Seminar ernannt, wo er mehr als 30 Jahre lehrte. Dort war er schon eine Weile im Vorstand tätig gewesen.

 

Emanzipation

Unter seiner Leitung wurde das Taufgesinnte Seminar zunehmend zu einer professionellen Einrichtung. Am Ende diese Prozesses hatte das Seminar ein gleich hohes Ansehen wie die Ausbildung der Niederländisch Reformierten Theologen an dem Vorläufer der Universität Amsterdam. Die Mennoniten selbst verfügten immer über einen höheren Bildungsstand, sie spielten eine anerkannte Rolle in der Gesellschaft und im Kulturleben, zum Beispiel in Verbänden und Verlagen. Daher brauchten sie gut ausgebildete Prediger, die lehrreich und stimulierend predigen und an den maßgebenden kulturellen Netzwerken teilnehmen konnten. Diese Mennoniten wollten sich in die Gesellschaft eingliedern. Von den Reformierten unterschieden sie sich in ihrem Anti-Dogmatismus und dem Nachdruck auf die Bibel als einzige Autorität.

 

Kritik

Viele seiner Schüler waren treibende Kräfte für diese mennonitische Emanzipation. Dennoch wurde auch Kritik am 'Mennonitsein' Müllers laut. Kollegen wie Joost Hiddes Halberstma (1789) vermisste den alten Liberalismus und die mennonitischen Eigenheiten (Folklore), und Jan de Liefde (1814-1869) war stärker orthodox und pietistisch eingestellt. De Liefde verließ die Mennoniten. Andere, wie ein Teil der Gemeinde Balk, siedelten ins Ausland über, um dort ihren Glauben zu leben.

 

Erben

Man könnte sagen, dass die heutigen niederländischen Mennoniten eher die Erben von Müller als von Menno Simons sind. Mit Müller betraten die Mennoniten ein neues Zeitalter, das sie auf den Modernismus vorbereiten sollte. Das war eine theologische Strömung, die sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gegen alle Dogmen richtete, sogar den Glauben an Gott. Müller, fast neunzig Jahre alt, war schockiert von dieser neuen Strömung, er, der er doch selbst unwissentlich die Türe geöffnet hatte.

 

Quelle: Annelies Verbeek, 'Menniste Paus', Samuel Müller (1785-1875) und seine Netzwerke, Hilversum 2005.

 

 

Zeugen sein von Gottes Königreich 

Autor: Fulco Y. Van Hulst
Übersetzung: Martje Postma 

Was ist die Eigenheit der niederländischen täuferischen Ethik – und wie wird sie sichtbar? Es war der geliebte Bibeltext des niederländischen Reformators Menno Simons (1496 – 1561), der die Täuferbewegung anführte:1. Kor. 3:11 ‘Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus‘. Noch immer ist Jesus der Richtungweisende für die Ethik in täuferischer Perspektive.

 

Die Bergpredigt

Die täuferische Ethik lässt sich am besten als ‘Bergpredigt-Ethik‘ kennzeichnen, oder als Ethik der Nachfolge Christi, als Vorbild für ein Leben, wie Gott es gemeint hat, so hat sie bei Mennoniten einen zentralen Ort. Und das sind dann ganz besonders die Ermahnungen Jesu in der Bergpredigt und seine Lehren in den Gleichnissen, Worte, die Jesus gesprochen hat, um damit die Aufmerksamkeit auf die Fürsorge für den Nächsten zu lenken, ganz besonders den verletzlichen Nächsten, auf die Liebe zu Gott in dem oder der Anderen, und auf die Überwindung des Bösen und der Gewalt in der Feindesliebe. Diese Leitlinien werden als Richtlinie für ‘ein gutes Leben‘ erfahren. Speziell die Friedensethik ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der niederländischen mennonitischen Ethik. Ein gutes Beispiel für die Art und Weise, wie die Mennoniten in der jüngsten Vergangenheit die Friedensethik praktizierten, ist die aktive Unterstützung von Menschen, die sich aufgrund ihrer Überzeugung dem Militärdienst verweigerten.

 

In der Welt

Das niederländische Täufertum hat sich größtenteils in einer städtischen Umgebung in den Wechselbeziehungen mit der soziokulturellen Oberschicht der Gesellschaft entwickelt. Diese Wechselwirkung mit der umringenden Kultur war viel stärker als zum Beispiel andernorts in Europa, wo die Mennoniten in einer selbstgewählten Isolierung und oft auch in einer Situation der Verfolgung lebten. Niederländische Mennoniten haben auf diese Weise die Botschaft der Gerechtigkeit und des Friedens  immer aktiv und häufig auf praktische Art in die Gesellschaft austragen können.

 

Zusammenfassend können wir sagen, dass der Nachdruck in der Situation in den Niederlanden auf der sozialen Ethik liegt: die Gemeinde als Vorbotin vom Königreich Gottes aus Gerechtigkeit und Frieden. Einerseits versuchen die Gemeinden Verantwortung zu übernehmen in der Gesellschaft und für die Gesellschaft, z.B. durch diakonische Projekte, oder indem sie sich aktiv als Friedensgemeinde profilieren. Andererseits positioniert sich die Gemeinde auch immer wieder als ‘Gegenüber’: sie versucht der Welt den Spiegel vorzuhalten, indem sie die Realität von Gottes Königreich sichtbar macht, durch ihr aktives Zeugnis von Gottes Frieden, in Worten und in Taten.

 

Die Kirchenskulptur in Witmarsum

Autor: Gerke van Hiele
Übersetzung: Martje Postma 

Am Denkmal für Menno Simons (1878) an der Straße It Fliet in Witmarsum ist eine Kirchenskulptur errichtet worden (2008). Der Architekt ist Joute de Graaf, zu dem Zeitpunkt der Vorsitzende der Stiftung für Mennonitische Denkmäler, 'Stichting Doopsgezinde Monumenten', in Friesland. Es ist eine Wiedergabe der Umrisse der alten Predigtstätte, 'Minne Siemens oud preeckhuis', die ursprüngliche 'Ermahnung' ( in den Niederlanden gebräuchliche Bezeichnung für mennonitische Kirchen) wurde in 1879 abgebrochen. Es wurde darauf Wert gelegt, dass es keine umschlossene Kirche geworden ist, sondern vielmehr ein offener Raum, in dem Licht, Wind und Regen offenes Spiel haben. Neben einer Pilgerstätte ist Witmarsum jetzt noch mehr zu einem offenen Ort der Besinnung und Begeisterung in der Weite der friesischen Landschaft geworden.

 

Spiritualität

Für viele ist diese Kirchenskulptur eine gute Anregung, über die Bedeutung der mennonitischen Tradition nachzudenken. Die Kirche ist eine Station eines Meditationsweges in Mennos Herkunftsland, der drei zentrale Momente seines Lebens berührt. Der Weg beginnt bei der Domkirche in Witmarsum, es ist der Ort wo Menno damals, im Jahr 1536 die Tür hinter sich verschloss. Dieser Augenblick kennzeichnet die täuferische Bewegung als eine Bewegung der Erneuerung. Darauf folgt die alte kleine versteckte Kirche in Pingjum, der Ausdruck einer Geschichte der Verfolgung und der Zerrissenheit. Die Täufer wurden zu den 'Stillen im Lande'. Zum Schluss erinnert die offene und vielfarbige Kirchenskulptur uns an unseren Auftrag, uns auf die Suche zu machen nach einer zeitgemäßen Gestaltung unseres Gemeindelebens, wo immer wir wohnen auf der Welt.

 

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Früher kamen ausländische Besucher voller Erwartung an diesen Ort, doch verließen ihn ein wenig enttäuscht. Neben dem Denkmal steht dort jetzt diese kleine, stilvolle und offene Kirche, als Hinweis auf die täuferische Art und Weise, Kirche und Gemeinde zu sein. Das Gerippe steht da. Für uns kommt es darauf an, voller Vertrauen weiterzubauen an einer authentischen Glaubens- und Lebenspraxis.

 

Täuferische Merkmale

Selbstverständlich kann man bei diesen täuferischen Konturen zunächst einmal an die   Shared Convictions, die gemeinsamen Grundlagen (MWC 2009), denken, doch ebenso an die verschiedenen Strukturelemente unserer Tradition, wie Taufe und Abendmahl, Jüngerschaft, selbständige Gemeinden, Friedensarbeit usw. Daneben könnten wir auch an die sieben von Augsburger genannten Glaubenspraktiken denken: radikale Verbundenheit, feste Treue, stetige 'Gelassenheit', gelebte Demut, robuste Gewaltlosigkeit, konkrete Dienste, ein authentisches Zeugnis.

 

Referenzen: David Augsburger, Dissident discipleship, A spirituality of self-surrender, love of God and love of neighbor, (Grand Rapids 2006). F.Stark, E.J.Tillema (Hrsg.)

Kracht van een minderheid (Zoetermeer 2011). G.J.J. Van Hiele, 'De zevensprong. Over doperse spiritualiteit', in Doopsgezinde Bijdragen 34 (2008), 127-152.

 

 

Sich widmen

Autorin: Lydia Penner
Übersetzung: Martje Postma 

Niederländische Mennoniten sind sehr aktiv, wie in den Niederlanden allgemein üblich. Sie sind überzeugt davon, dass sie Verantwortung übernehmen müssen, für sich selbst, und für die Gesellschaft in der sie leben.

 

Sich bekennen

Es gibt kaum einen Beruf oder eine Sparte, in der keine Mennoniten tätig sind. An ihrem Arbeitsplatz sprechen sie über ihre Werte. Ihre Kinder besuchen zumeist staatliche Schulen, da deren Eltern ihnen lieber die eigene christliche Lebensform vermitteln wollen. Oft sind sie die einzigen Kinder in ihrer Klasse, die im Christentum beheimatet sind. Dies führt dazu, dass sie schon mal nach ihrer Kirche und ihrem Glauben gefragt werden.

 

Geburtstage

Mennonitische Kinder sind aktiv in Sport und Musik und beim Theaterspielen, bei Aktivitäten, die ihre persönliche Entwicklung fördern. Viele von ihnen sind ebenfalls außerdem aktiv in ihrer Sonntagsschule. Um einen Beitrag zu leisten bei einer Organisation, die Geburtstagspakete für Familien mit geringem Einkommen gestaltet, backten Kinder in Den Haag Gebäck, das sie nach dem Gottesdienst verkauften. In den Niederlanden wird großer Wert auf eine Geburtstagsfeier gelegt, was unter anderem bedeutet, das Kinder etwas Leckeres für ihre Klassenkameraden mitbringen. Mit diesen Paketen können Kinder aus armen Familien ihren Geburtstag so feiern wie alle anderen Kinder auch.

 

Fahrradfahren

Mennoniten aller Altersgruppen sind begeisterte Fahrradfahrer. Mit dem Fahrrad unterwegs zu sein ist ja auch die schnellste und billigste Art, sich in einem dicht bevölkerten Land fortzubewegen, es ist gesund und besser für die Umwelt. In Joure, einer kleinen Stadt in Friesland, hat die Jugend eine Radtour auf den Spuren von Menno Simons organisiert, von seinem Geburtsort Witmarsum nach Bad Oldesloe, wo er gestorben ist. Mit der Unterstützung von Sponsoren sammelten sie Geld für eine Behindertenwerkstatt in einem nahegelegenen Dorf.

 

Ehrenamtlicher Einsatz

Wie Christen aus anderen Kirchen auch übernehmen mennonitische Eltern, Senioren und Alleinstehende aller Altersgruppen viele ehrenamtliche Aufgaben, nicht nur in ihrer eigenen Gemeinde, sondern auch an ihren Wohnorten. Sie sind z.B. als Gastgeber in Museen tätig, sie besorgen Blumen für Krankenhäuser und Altenwohnheime, und bringen Patienten zu gemeinsamen Aktivitäten. Sie besuchen Menschen, die wenig Kontakte haben, machen Besorgungen und erledigen Handwerkliches für Menschen in ihrer Nachbarschaft, die ihre Wohnung nicht verlassen können, und stehen Verwandten und Nachbarn bei, wenn diese in Not sind – eine Vielzahl an Aufgaben. Einige Gemeinden, wie Zaandam, Surhuisterveen, Rottevalle und Drachten, engagieren sich bei der Flüchtlingsarbeit im Lande.

 

Die Gemeinschaft und das Allgemeinwohl

Autor: Alle G. Hoekema
Übersetzung: Martje Postma 

In den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden von der Gruppierung der Gemeindetagsbewegung, 'Gemeentedagbeweging',  einer  Gruppierung die nach geistiger Erneuerung der Bruderschaft strebte, verschiedene 'Bruderschaftshäuser' erbaut. Diese spielen eine wichtige Rolle, auch im Hinblick auf die Gesellschaft als solche, und sie stellen einen wichtigen Teil der mennonitischen Identität dar. Vor kurzem wurde in Mennorode (Elspeet) eine neue, unter ökologischen Gesichtspunkten geplante Kapelle gebaut. Eine andere Form der Gemeinschaft bilden die sogenannten 'Freiraumhäuser', 'inloophuizen', wo Obdachlose und Flüchtlinge ohne Identitätspapiere hereingehen und aufatmen können.

 

Waisenhäuser, 'Höfchen' und Schulen

Im siebzehnten Jahrhundert stifteten die niederländischen Mennoniten Waisenhäuser, und bauten 'Höfchen', zuammenhängende Wohnanlagen mit kleinen Wohnungen. Auch fanden sie andere Formen, arme und marginalisierte Menschen zu unterstützen. Vor allem die großen Gemeinden wurden auf diesen Gebieten aktiv. Da die mennonitischen Waisenhäuser relativ klein waren, war eine individuelle  Betreuung der Waisen gut möglich. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der Staat diese Einrichtungen. Mancherorts sind die Stiftungen erhalten geblieben, diese unterstützen notleidende Kinder und Jugendliche und fördern sie, auch ganz allgemein. Nur eine Gemeinde, die Gemeinde in Haarlem, hatte fast zwei Jahrhunderte lang zwei mennonitische Grundschulen – zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren diese bekannt aufgrund ihrer modernen Unterrichtsmethoden. Sie wurden1958 geschlossen.

 

Altersheime

Manche Gemeinden besitzen noch ein oder mehrere Höfchen. Außerdem wurden seit den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts moderne Altersheime errichtet. All diese Einrichtungen müssen sich heute nach staatlichen Regeln und Finanzmitteln richten – das bedeutet ebenfalls einen Verlust an mennonitischer Identität.

 

Die Gesellschaft für das Allgemeinwohl

Niederländische Mennoniten waren auch auf dem Gebiet der Volkserziehung tätig, und ebenso in den ärmeren Großstadtvierteln auf dem Gebiet der Volksgesundheit. Die 'Gesellschaft für das Allgemeinwohl', 'Maatschappij tot Nut van't Algemeen', wurde 1784 von einigen Mennoniten und anderen ins Leben gerufen. In Übereinstimmung mit den Idealen der Aufklärung setzten sich deren örtliche Abteilungen für Volkserziehung und Literaturverbreitung ein. Heutzutage ist der mennonitische Beitrag gering. Im neunzehnten Jahrhundert waren etliche wohlhabende Mennoniten in Amsterdam am Bau der öffentlichen Badeanstalten und den Wohnungsbauprojekten für Minderbemittelte beteiligt. Als die Niederlande nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Versorgungsstaat wurden, verringerte sich der Einfluss der Kirchen schnell. Es ist möglich, dass diese Rolle auf sozialem Gebiet in naher Zukunft wieder eine größere Bedeutung erhalten muß.  

 

Die Fußwaschung

Autorin: Geja Laan
Übersetzung: Martje Postma 

In den Mennonitengemeinden, denen ich dienen durfte, ist es nie zu einer Fußwaschung gekommen, obwohl mir durchaus bewusst ist, dass dieses Ritual in der weltweiten Glaubensgemeinschaft gepflegt wird. Es ist auch, wie ich weiß, jahrhundertelang Bestandteil des Glaubens- und Gemeindelebens verschiedener Mennoniten gewesen. Der Gedanke an eine Fußwaschung ist vielen in den Niederlanden befremdlich, so erfuhr ich in Gesprächen mit einigen Brüdern und Schwestern.

 

Berührend

Dennoch lese ich in jedem Jahr am Gründonnerstag, wenn wir Abendmahl feiern, aus dem Neuen Testament die Textstelle Johannes 13: 1-20 vor, in der berichtet wird, wie Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht, bei seinem letzten Abendmahl mit ihnen. Der Text rührt und inspiriert mich jedes Mal erneut, weil er in meiner Wahrnehmung zutiefst spüren lässt, worum es Gott und Jesus geht: um eine liebevolle Lebenshaltung, die aus dienen und nicht aus herrschen besteht.

 

'Wie neu'

Wenn der Evangelist Johannes berichtet, dass Jesus bei der Mahlzeit seine Kleidung ablegt, legt Jesus in meinem Verständnis gleichzeitig auch seinen möglichen äußerlichen Status ab. Für Jesus geht es nicht um äußeres Gehabe, sondern um das, was ein anderer wirklich gut macht. Er schlägt sich ein schlichtes Leintuch um und setzt sich einfach zu Füßen seiner Jünger hin, um ihnen die Füße sauber zu waschen. Um jeden Schmutz, der an ihnen klebt, wörtlich, doch auch im übertragenen Sinne, wie ich es verstehe, wegzuwaschen. Er setzt alles daran, sie zu erfrischen, und sie so wieder 'wie neu' auf die Beine zu stellen.

Er hat, aus seinem eigenen Willen heraus, Gutes mit ihnen vor.

 

Dienen aus freiem Willen

Wer gezwungen wird, jemandem die Füße zu waschen, für den ist es Sklavenarbeit. Allzu häufig sind besonders Frauen dazu gezwungen, in einem Muster der Dienstbarkeit vielerlei Tätigkeiten zu leisten, was eine unangenehme Situation ist, und schwierig, sich darin zu behaupten. Ist es jedoch eine eigene Wahl, in dienender Funktion tätig zu sein, dann ist das eine andere Geschichte. Dann ist es eine Form der Liebe, die göttliche Schönheit und Frieden ausstrahlt. Ein Glanz und eine Schönheit, die die Herrschenden der Welt auf unserer Erde niemals erreichen.

 

'...Frei im christlichen Glauben...'

Autor: Alfred R. van Wijk
Übersetzung: Martje Postma 

Die Mennoniten kennen die Erwachsenentaufe, die auf ein selbst erstelltes Glaubensbekenntnis hin geschieht. Ihre Glaubenserziehung erfolgt also über einen längeren Zeitraum. Diese ist sowohl auf Vorschulkinder wie auch auf junge Erwachsene gerichtet, die sich auf ihre Taufe vorbereiten wollen.

 

Keine feste Glaubenslehre

Heutzutage wird in vielen Gemeinden am Sonntagmorgen Vorschulkindern eine Themenfeier mit eigenem Ritual angeboten, wobei Bilderbücher von hoher Qualität dem Thema Inhalt geben. Diese Feiern sind in der von Corien van Ark entwickelten Methode 'Komm in den Kreis'- 'Kom in de kring', begründet. Für die Vorbereitung von Täuflingen gibt es katechetische Stunden, die oft von dem Buch 'Berührt durch den Ewigen','Aangeraakt door de Eeuwige', Gebrauch machen, eine Methode, die unter der Redaktion von Gerke van Hiele geschrieben wurde. Dabei geht es nicht darum, eine fest umschriebene Glaubenslehre zu übertragen. Für jedes Zusammenkommen werden in einem Rahmentext Bibeltexte, Lieder, Gesprächspunkte, Formen kreativer Bearbeitung und zusammenfassende Fragen angeboten, die gemeinsam bearbeitet werden können. Daneben ist dies für Menschen über 18 die Möglichkeit, an einem kurzen Kurs teilzunehmen, der junge Erwachsene darauf vorbereitet, als Laienprediger einer Gemeinde das Wort zu verkündigen.

 

Persönlich erlebtes Glaubensbekenntnis

Sowohl 'Kom in de kring' als 'Aangeraakt door de Eeuwige' richten sich auf die Bildung eines persönlich erlebten Glaubens. Hierzu wurde schon seit den Nachkriegsjahren durch zumeist weibliche Glaubenserziehende Material zusammengetragen, in Gestalt eines Plans für Sonntagschularbeit, Kinderbücher mit Schlüssel- und Spiegelgeschichten und eines Ratgebers für Eltern.

 

Von Wissensübertragung zur Glaubensbildung

In der Rückschau auf die geschichtliche Entwicklung der täuferischen Glaubenserziehung hat diese Glaubensbildung allmählich die Wissensübertragung ersetzt. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde auf Bitten von Eltern die Glaubenserziehung durch die Gemeinde angegangen. Davor wurde diese als Aufgabe der Eltern angesehen. In dem Lehrmaterial war neben dem Nachdruck auf ein tugendhaftes Leben und Bibelkenntnis eine auswendig zu lernende Glaubenslehre enthalten. Die Erlösung des Menschen, die Christologie, die Taufe und das Abendmahl erhielten einen immer größeren Stellenwert. Im achtzehnten Jahrhundert erhielt die gemäßigte Aufklärung mehr und mehr Bedeutung in der Glaubenserziehung. Die Täufer hatten dabei eine Vorreiterrolle, insofern als sie in ihren Lehrbüchern den Zusammenhang zwischen den Naturwissenschaften und dem Kennen von Gott aufnahmen. In dem darauf folgenden Jahrhundert sollte unter Einfluss der akademischen Bibelkritik der Modernismus entstehen, der auch die Katechese in liberalere Gewässer leitete. Diese Freisinnigkeit, die ein persönliches Glaubenserleben und einen individuellen Glaubensinhalt förderte, bestimmt bis zum heutigen Tage die Erziehung im Glauben.

 

Quelle: Gerke van Hiele, Encoutering the Eternal One: quide for Mennonite Churches (Pandora Press, Canada).

 

 

Die niederländischen Mennoniten und die Politik

Autor: Gabe G. Hoekema
Übersetzung: Martje Postma 

Heutzutage fühlen viele Mennoniten sich angesprochen bei Fragen im Zusammenhang mit Gerechtigkeit, Entwicklungsarbeit und Armutsbekämpfung. Lange Zeit galt, dass sie Abstand hielten von der Gesellschaft und der Politik. Im allgemeinen galt als Leitsatz, dass die Gemeinde 'zwar in der Welt, aber nicht von der Welt ist'. An der Schwelle vom achtzehnten Jahrhundert zum neunzehnten nahmen dissidente und patriotische Mennoniten jedoch teil an militanten Freikorps, und waren sie Abgeordnete im ersten nationalen Parlament. Auch wenn sie sich gesellschaftlich im neunzehnten Jahrhundert assimilierten, blieb es bis ins zwanzigste Jahrhundert tabu, in der Gemeinde über Politik zu sprechen. Politik wurde als persönliche Angelegenheit betrachtet. In der Gemeinde sollte es um den Glauben gehen, und um Glaubensauffassungen in der Verbundenheit der Gemeindeglieder. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wurde dies am deutlichsten, als der zunehmende Nazismus in Deutschland auch in den Niederlanden seine Anhänger fand. Im landesweiten mennonitischen Wochenblatt, 'De Zondagsbode', war davon kaum die Rede. Auch dann nicht, als manche Gemeindeglieder und Prediger mit dem Nationalsozialismus sympathisierten, und Hitler aufgrund seiner sozialökonomischen Politik bewunderten.

 

Vietnam und die Kernwaffen

Seit den Jahren 1960 rückte die Politik mehr in den Vordergrund. Wie die Diskussion über und der Protest gegen den Krieg in Vietnam, und dann später gegen die Kernwaffen. Wichtig war die Frage, wie die Mennoniten eine Friedensgemeinde sein können.

 

Mennonitische Poldergespräche

Die Mennoniten leben in einem Lande, wo seit vielen Jahre Beratungsgespräche die Atmosphäre bestimmen. Keine einzelne politische oder kirchliche Strömung hat soviel Macht, dass sie ohne die anderen Strömungen regieren könnte. Da heißt es dann immer verhandeln und Kompromisse eingehen. In Gemeinden, wo die Politik thematisiert wird, wird gesucht nach dem, was verbindet. So gibt es bei manchen auch ein starkes Bewusstsein für die Ökumene.

 

Christliche Politik

Bis heute gibt es christliche politische Strömungen, doch die Mennoniten haben sich aufgrund ihres Glaubens nicht politisch organisiert. Sie identifizierten sich vielmehr mit dem liberalen oder dem sozialdemokratischen Gedankengut. Eine kleinere Gruppe befindet sich dazwischen oder ist etwas radikaler links. Umwelt und Nachhaltigkeit sind für viele Mennoniten wichtige Themenschwerpunkte. Wirklich politisch aktiv sind die Mennoniten also nicht, mit Ausnahme einiger Volksvertreter im Parlament. Einige wurden Minister, Staatssekretär oder Bürgermeister. Die bekanntesten Politiker auf der Schwelle zum zwanzigsten Jahrhundert sind: C. Lely (1854-1929), dessen Name mit dem Abschlussdeich verbunden ist, und S. van Houten (1857-1930), dieser verfasste das erste Gesetz zum Verbot von Kinderarbeit. In der jüngeren Geschichte sind das: D.K.J. Tommel (1942-) und Frau Jorritsma-Lebbink (1950-).

 

Referenzen: C. van Duin, ‘De doperse gemeente – een politiek relevante zaak’, in: Doopsgezinde Bijdragen 2 (Amsterdam 1976), 62-71; E.I.T. Brussee-van der Zee, ‘De Doopsgezinde Broederschap en het nationaalsocialisme, 1933-1940’, in: Doopsgezinde Bijdragen 11 (Amsterdam 1985), 118-130.

 

 

Wehrlosigkeit oder Verteidigung

Autoren: Marius Romijn, Pieter Post
Übersetzung: Martje Postma 

Taufgesinnte in den Niederlanden entscheiden sich selber, ob sie an der Staatsmacht mitwirken können. Zur Zeit des Menno Simons war das anders: die mennonitische Einstellung zu Gewalt hat sich seither stark weiter entwickelt.

 

Münster oder Menno?

Menno stand im Widerspruch zu den Münsteraner Täufern, die im Jahre 1534 die Herrschaft über die Stadt Münster ergriffen hatten. Als eine Wiedereroberung durch den Bischof drohte, machten sich einige tausend Taufgesinnte aus den Niederlanden bewaffnet auf den Weg, zur Verteidigung des 'Neuen Jerusalem'.  Die Münsteraner sahen sich in einer Zeit der Rache, in der die Gläubigen zu den Waffen greifen mussten, unter dem 'neuen David' (Jan van Leyden). Erst danach sollte das Friedensreich Christi gefestigt werden.

 

Wehrlose Mennoniten unterstützen manchmal ihre Obrigkeiten

Für Menno und seine Anhänger erfüllte die Obrigkeit eine gottgegebene Aufgabe: 'Schutz für die Schwachen und Verteidigung des Glaubens'. Selber waren sie wehrlos, doch Regierungen konnten innerhalb ihres Aufgabenbereichs Gewalt anwenden. Menno befürwortete die Bekleidung eines öffentlichen Amtes, solange es die Freiheit vom Blutvergießen zuließ.

In einer belagerten Stadt griffen Mennoniten nicht zu den Waffen, doch sie konnten Brände löschen und Schaden wieder herstellen. Im Jahre 1572 brachten Waterländer Taufgesinnte dem Fürsten Willem von Oranien Geld, zur Verteidigung gegen die Spanier. 1672 lieferten verschiedene mennonitische Gruppen einen Beitrag zur Verstärkung der Armee.

 

Trennung von Kirche und Staat

Ende des achtzehnten Jahrhunderts gerieten patriottische Taufgesinnte unter dem Einfluss der Französischen Revolution in aktive Teilnahme in den Kampf um gleiche Rechte. Zusammen mit Remonstranten und anderen aufgeklärten Theologen waren sie vertreten in dem ersten Nationalen Parlament, das die Trennung von Kirche und Staat vorbereitete. Der taufgesinnte Prediger Jacob Henrik Floh (1758-1830) war Sekretär der Ersten Kammer und sprach sich aus für gleiche Rechte für Juden, die zur niedrigsten sozialen Schicht gehörten. In der Praxis bedeutete die Trennung von Kirche und Staat (1848) allerdings unter Taufgesinnten keine Selbstverständlichkeit. Einige Theologiestudenten beteiligten sich an dem gewaltsamen Aufstand, der zu der Trennung zwischen Belgien und den Niederlanden führte (1830), während ein Teil der Gemeinde aus Balk in die Vereinigten Staaten auswanderte, aufgrund der gesetzlichen Wehrpflicht (1853).

 

Im zwanzigsten Jahrhundert wurde die Gewaltlosigkeit zu neuem Leben erweckt, durch die taufgesinnte 'Arbeitsgruppe gegen den Wehrdienst' (1925). Daraus entwickelte sich später die 'Taufgesinnte Friedensgruppe' (Doopsgezinde Vredesgroep), die Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen begleitete, mit einem eigenen Friedensbüro(1946). Das Gesetz zur Wehrdienstverweigerung (1923)  bot schon Freiraum für Gewissensbeschwerte, und zum heutigen Zeitpunkt ist die Wehrpflicht ausgesetzt (1997).

 

Referenzen: Alle G. Hoekema u.a., Dagboek Cor Inja. Geen cel ketent deze dromen 'Keine Zelle kettet diese Träume fest‘ (Hilversum 2001). Bild: S. Groenveld e.a.,  Wederdopers, menisten, doopsgezinden in Nederland 1530 -1980, 'Wiedertäufer, Mennisten, Taufgesinnte in den Niederlanden' (Zutphen 1980), 174.