Deutschland Nord

  

Sprache: Deutsch

Religionen: Protestantisch 34%, Römisch-Katholisch  34%, Moslem 3.7%

Bevölkerung: 81 Million

Hauptstadt: Berlin

Mennoniten in Deutschland?

AMG ; AMBD ; BTG ;

 

‘Gleiche Rechte - gleiche Pflichten‘

Autor: Ulrich Hettinger

Hermann von Beckerath entstammte einer mennonitischen Weberfamilie. Sein Vater Peter war Bandweber und später Gerichtsvollzieher in Krefeld. 1815 begann Beckerath eine Banklehre im Bankhaus der Gebrüder Molenaar, wo er binnen weniger Jahre in leitende Funktion aufstieg. Getrieben von einem rigorosen Arbeitsethos und von autodidaktischem Ehrgeiz gelang es ihm innerhalb zweier Jahrzehnte an die Spitze des Krefelder Großbürgertums aufzusteigen. Mit seinem Schwiegervater gründete er ein eigenes Bankhaus, wirkte als Mitglied des Krefelder Stadtrats, wurde Präsident der Handelskammer und avancierte nach 1840 zu einem der führenden Liberalen der Preußischen Rheinprovinz.

 

Von 1843 bis 1845, in der Phase zunehmender politischer Konflikte zwischen Bürgertum und preußischer Obrigkeit, war von Beckerath Mitglied des Rheinischen Provinziallandtags. Er tat sich hier mit Äußerungen zu Zoll- und Handelsfragen, den Forderungen nach rechtlicher Emanzipation der Juden und Dissidenten sowie nach liberalen Staatsreformen für Preußen hervor. Populär wurde er besonders durch seine Debattenbeiträge während des Ersten Vereinigten Preußischen Landtags von 1847, in dem er vehement den Antrag seines Mitstreiters Ludolf Camphausen nach einer konstitutionellen Verfassung für ganz Preußen unterstützte. ‘Meine Wiege stand am Webstuhl meines Vaters‘, mit diesem berühmt gewordenen Ausspruch trat der stolze und selbstbewusste Selfmademan den preußischen Edelleuten im Parlament entgegen. In den hitzigen Debatten dieser Zeit ging es vor allem darum, wer künftig in Preußen das Sagen haben sollte: der Adel und die autoritären Staatsbeamten oder das Bürgertum, das mehr Freiheit und Mitbestimmung verlangte. Wie die anderen Vertreter des rheinischen Liberalismus stand von Beckerath für eine liberale Umgestaltung der preußischen Monarchie auf der Basis freiheitlicher Grundrechte. Anknüpfend an die Taten Friedrichs des Großen und der preußischen Reformer sollte Preußen durch die politische Modernisierung seinen Führungsanspruch im künftigen deutschen Nationalstaat untermauern.

 

Infolge der revolutionären Ereignisse des März’ 1848 wurde von Beckerath in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt und außerdem als Reichsfinanzminister in das Kabinett der provisorischen Zentralregierung berufen. In den folgenden Monaten setze er sich für die Errichtung einer gesamtdeutschen demokratischen Republik, ohne Österreich, unter preußischer Führung ein. Als der preußische König die ihm angetragene Kaiserkrone schließlich ablehnte, legte von Beckerath tief enttäuscht im Mai 1849 sein Abgeordnetenmandat nieder. Nach der Revolution gehörte von Beckerath noch bis 1852 dem Preußischen Abgeordnetenhaus (zweite Kammer des Preußischen Landtags) an. Er zog sich in der Folgezeit weitgehend aus der preußischen Politik zurück und widmete sich vorwiegend der Wirtschafts- und Lokalpolitik. Im Mai 1870, kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges, starb Hermann von Beckerath.

 

In seinem Denken und Handeln mischten sich mennonitisch geprägte Frömmigkeit, eine liberal-konstitutionelle Grundhaltung sowie ein stark ausgeprägter, historisch begründeter Patriotismus. Am deutlichsten spiegelt sich diese eigentümliche Verbindung in seinem Bekenntnis zur preußischen Monarchie, seinen wortgewaltigen Plädoyers für die rechtliche Gleichstellung aller Glaubensbekenntnisse, aber auch im vehementen Eintreten für die allgemeine Wehrpflicht - die er als unverzichtbares Gegenstück liberaler Freiheitsrechte sah und wiederholt auch gegen den Widerstand seiner ‘orthodoxen‘ Glaubensbrüder verteidigte. Der liberalen Maxime ‘gleiche Rechte - gleiche Pflichten‘ gab er in den religions- und verfassungspolitischen Debatten seiner Zeit stets den Vorrang gegenüber dem Prinzip der uneingeschränkten Religionsfreiheit.

 

 

Mennoniten schließen sich zusammen

Autoren: Corinna Schmidt, Joel Driedger

In einigen Städten Norddeutschlands gibt es heute mennonitische Kirchengemeinden. Die meisten Mennoniten leben in oder in der Nähe von Krefeld und Hamburg, aber es gibt auch Gemeinden in Berlin, Neuwied, Bielefeld und anderswo. Vierzehn norddeutsche Mennonitengemeinden mit ca. 2.100 Mitgliedern sind seit 1886 in der ‘Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden K.d.ö.R.‘ (VDM) zusammengeschlossen.

 

Besonderheiten akzeptieren, Beziehungen pflegen

Die VDM bringt die Mennoniten in Norddeutschland miteinander in Kontakt. Beispielsweise treffen sich die Pastorinnen und Pastoren, um sich über Theologie zu unterhalten und konkrete Probleme zu besprechen. Einige Mitarbeiter der VDM kümmern sich nur um Jugendliche (Mennonitische Jugend Norddeutschland. MJN). Sie organisieren Freizeiten und besondere Veranstaltungen für Kinder, Teens und junge Erwachsene. Auch für Frauen gibt es eine eigene Einrichtung (Mennonitische Frauenarbeit in Norddeutschland). Außerdem unterstützt die VDM ehrenamtliche Mitarbeiter durch regelmäßige Weiterbildungen.

 

Zusammenarbeit mit anderen Kirchen

Einige Vertreter der VDM waren 1948 in Amsterdam, als der Ökumenische Rat der Kirchen ins Leben gerufen wurde. Nach dem fürchterlichen Zweiten Weltkrieg wollten die Mennoniten die Einheit der Christen fördern und gründeten deshalb zusammen mit vielen anderen Kirchen den Ökumenischen Rat. Bis heute sind die Mennoniten davon überzeugt, dass Christen sich versöhnen sollten, um Konflikte ohne Gewalt zu lösen und gemeinsam die Welt friedlicher zu machen. Zum Ökumenischen Rat der Kirchen gehören heute weltweit 350 Kirchen mit ca. 550 Millionen Mitgliedern. Die Mennoniten sind mit anderen Christen auf der ganzen Welt verbunden und genauso mit unterschiedlichsten Christen in Deutschland. Alle Gemeinden der VDM sind Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), die es in jeder größeren deutschen Stadt gibt. Mennoniten sind davon überzeugt, dass sie von anderen Kirchen etwas lernen können, und die anderen Kirchen denken, dass die Mennoniten etwas Wichtiges zu sagen haben.

 

Glauben und Frieden

Die VDM will zeigen, dass die Botschaft von Jesus Christus eine gute Nachricht für alle Menschen ist. Für die Mennoniten hat der Glaube an Jesus Christus ganz viel mit Offenheit, Toleranz, gesellschaftlichem Engagement und Frieden zu tun. Der Glaube spornt dazu an, anderen Menschen zu helfen. In Berlin hat die VDM deshalb das Mennonitische Friedenszentrum gegründet, das sich für Frieden im Kiez und für benachteiligte Menschen einsetzt. In mennonitischen Gemeinden ist Platz für alle Menschen. Wenn es Konflikte gibt, sollen diese friedlich geregelt werden. Die VDM spornt ihre Mitglieder dazu an, intensiv über den Glauben nachzudenken und sich gleichzeitig in der Gesellschaft zu engagieren.

 

 

Toleranz und Glaubensfreiheit

Autoren: Fernando Enns, Joel Driedger

In Deutschland dürfen Glaubensgemeinschaften ihre Religion frei und unabhängig von staatlicher Kontrolle ausüben, solange sie nicht gegen das Grundgesetz verstoßen. Das bedeutet, dass auch Mennoniten ohne Einschränkung ihren Glauben ausüben können und keine Angst vor staatlicher Verfolgung haben müssen. Das war nicht immer so.

 

Mennoniten unter Druck

Vor ungefähr 500 Jahren kritisierten die ersten Täufer die damals existierende Kirche scharf, vor allem ihre enge Verbindung mit der politischen Herrschaft. Viele Täufer weigerten sich, an Kriegen teilzunehmen oder den Eid zu schwören. Auch die Erwachsenentaufe sollte dazu führen, dass die wahre Kirche ausschließlich aus überzeugten Christinnen und Christen besteht. Für die Gegner der Täufer wirkten solche Einstellungen wie eine große Gefahr für das gesellschaftliche Gefüge. Auf die Taufe von Erwachsenen stand daher im 16. Jahrhundert die Todesstrafe.

Im Laufe der Jahrzehnte entspannte sich die Lage etwas. Mennoniten wurden nicht mehr in allen Teilen des Deutschen Reiches verfolgt, durften aber nur in privaten Räumen ihre Gottesdienste feiern. Sie genossen noch lange nicht die gleichen Rechte wie Andere und zogen daher in jene Gebiete, in denen sie toleriert wurden – wenn auch unter strengen Auflagen von den politisch Herrschenden.

 

Gleiche Rechte für alle

Nicht zuletzt aufgrund der eigenen leidvollen Erfahrung setzten Mennoniten sich früh für religiöse Toleranz und Glaubensfreiheit ein. Das liberale Gedankengut ist für viele Gemeinden im norddeutschen Raum bis heute prägend. Ein bekannter Mennonit, der diese Werte auch in der Politik vertrat, war Hermann von Beckerath (1801-1870) aus Krefeld. Er beteiligte sich an der demokratischen Bewegung in Deutschland. Im Jahr 1848 wurde er Abgeordneter in der ersten deutschen Nationalversammlung in Frankfurt und für kurze Zeit sogar Finanzminister. Er setzte sich dafür ein, dass Mennoniten ihren Glauben ebenso frei leben dürfen wie andere Christen. Sie sollten endlich das gleiche Bürgerrecht bekommen, das ihnen bis dahin verwehrt wurde. Von seinen Glaubensgeschwistern forderte er im Gegenzug, Kriegsdienst zu leisten wie andere Bürger auch. Für Glaubensfreiheit und Bürgerrechte war von Beckerath bereit, Gewaltfreiheit als Prinzip (Kriegsdienstverweigerung) aufzugeben.

 

Freiheit ohne Gewalt

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges dauerte es noch viele Jahre bis Mennoniten in Norddeutschland zur Gewaltfreiheit zurück fanden. Im Jahr 2009 verabschiedete die VDM eine „Erklärung zum Gerechten Frieden“. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Mennoniten einst für sich einklagten, gestehen sie heute selbstverständlich ihren eigenen Gemeindegliedern zu. Sie fordern eine solche Toleranz auch gegenüber allen anderen Religionen und Glaubensgemeinschaften.

 

Pax-Boys – Die Friedensengel

Autorin: Isabell Mans

‘Sie waren Engel für die Menschen‘, sagte Ruth Wedel, eine Zeitzeugin. Die Friedensengel waren junge Männer, die in den USA Kriegsdienst verweigert hatten und nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland neue Häuser bauten. Sie absolvierten ihren Friedensdienst mit der Hilfsorganisation Mennonite Central Comittee (MCC).

 

Liebe als Lebensphilosophie

Der Amerikaner Roger Hochstetler kam 1951 nach Deutschland, um den Deutschen seine Solidarität zu zeigen. Obwohl die Deutschen den Krieg angefangen hatten und viel Leid bei Amerikanern und anderen Völkern verursacht hatten, fühlte sich Hochstetler mit seinen christlichen Geschwistern in Deutschland verbunden. Viele Amerikaner hatten Vorbehalte gegenüber Deutschen, aber Hochstetler sagte: ‘Liebe war schon immer meine Lebensphilosophie. Wir bauten in Deutschland Häuser, um Opfern des grausamen Krieges zu helfen.‘

Die Pax-Boys bauten in ganz Deutschland Siedlungen für mennonitische Flüchtlinge aus West- und Ostpreußen oder der ehemaligen UDSSR, z.B. in Neuwied, Wedel oder Lübeck. Innerhalb dieser Siedlungen entstanden neue mennonitische Gemeinden.

 

Botschafter im Namen Christi

‘Im Namen Christi‘ (so das Motto des MCC) kamen die Pax-Boys Anfang der 1950er nach Deutschland. Sie wollten „Botschafter des Friedens“ sein: Die jungen Männer lebten in Deutschland in einfachsten Unterkünften, verzichteten auf ihren Lohn und bezahlten selbst noch 75 Dollar pro Monat, um Teil des Projektes sein zu dürfen.

Dwight Wiebe schreibt:

 

Frieden bedeutet eine Zeit für Heilung, Zuwendung und Wiederherstellung. … Ich kam im Februar 1954 in Europa an. Hier traf ich 30 junge Männer zwischen 18 und 22, die nach Deutschland gekommen waren, um ihren christlichen Glauben in die Tat umzusetzen. Alle waren bereit, Botschafter des Friedens zu werden.

 

Ohne Anleitung oder professionelle Unterstützung gruben sie Keller und Fundamente und errichteten Häuser mit den einfachsten Mitteln. Selbst lokale Reporter staunten, warum hier Menschen in der Kälte ohne Gehalt für fremde Menschen – ehemalige Feinde – Häuser bauen.

 

Frieden zum Anfassen

Für den Bau des mennonitischen Gemeindehauses in Krefeld leisteten acht Pax-Boys innerhalb von fünf Monaten 5771,5 Arbeitsstunden. Mit ihrer Hilfe war der Bau wesentlich günstiger und das Gemeindehaus konnte zügig fertig gestellt werden. In Wedel bei Hamburg wurden zwischen 1954 und 1958 neben einem Gemeindehaus noch elf Doppelhäuser gebaut. Ende der 1950er wohnten dort ca. 120 Personen, einschließlich Kinder. Hier gestalteten die Pax-Boys die Kinder- und Jugendarbeit mit und trugen auch auf diese Weise zum Gemeindeaufbau bei. Die Pax-Boys waren sichtbare Zeichen des Friedens in einer vom Krieg zerstörten Welt.

 

Frieden in Berlin

Autoren: Martina Basso, Marius van Hoogstraten

Für Mennoniten gehört Frieden in den Mittelpunkt christlicher Theologie. Aber Frieden kann an verschiedenen Orten und Zeiten Unterschiedliches bedeuten. Deshalb überlegte die VDM, was Frieden heute heißt, und verabschiedete eine ‘Erklärung zum Gerechten Frieden‘. Dieses Dokument zeigt theologische Grundlagen für Frieden auf und beschreibt im zweiten Teil auch praktische Bewährungsfelder für Frieden und Gewaltfreiheit. Ein erster Schritt war die Gründung des Mennonitischen Friedenszentrums in Berlin.

 

Kultur des Friedens

Unsere Arbeit baut auf der Erklärung der VDM auf. Unsere Projekte und Arbeitsschwerpunkte sollen exemplarisch zeigen, wie eine ‘Kultur des Friedens‘ entstehen kann. Wie sieht eine Friedenskirche in einer multikulturellen Großstadt wie Berlin aus? In der Erklärung schrieb die VDM: ‘Der Friedensauftrag beschränkt sich nicht auf das Beenden von Gewalt, sondern will Strukturen schaffen, die zu einem gerechten und nachhaltigen Frieden beitragen‘.

 

Was bedeutet Frieden konkret?

Wir engagieren uns für Frieden in verschiedener Weise: Ein besonderer Schwerpunkt ist Gewaltprävention durch Netzwerkarbeit. Wir machen Stadtteilarbeit im sozialen Brennpunkt, unterstützen Gewaltprävention durch Sport (Karateunterricht für Mädchen), und schaffen Raum für interkulturelle und interreligiöse Begegnungen. Wir kooperieren mit Mennoniten in Simbabwe, um über die politische Lage in Simbabwe zu informieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Wir verleihen dem Friedenszeugnis Gehör auf gesellschaftlichen und politischen Ebenen. Unter anderem beteiligen wir uns an kommunalen Prozessen und begleiten die Arbeit des freikirchlichen Beauftragten am Sitz der Bundesregierung. Gleichzeitig bleiben wir der Spiritualität des gerechten Friedens auf der Spur. Wir stehen mennonitischen Gemeinden und Werken als Gesprächspartner zur Verfügung und suchen das ökumenische Gespräch.

 

Mennonitische Wanderungen in Preußen, Polen und Russland

Autor: Peter Klassen
Übersetzung aus dem Englisch: Joel Driedger 

Als die täuferisch-mennonitische Bewegung im 16. Jahrhundert aufkam, wurde sie bald darauf verfolgt, vor allem aufgrund der Glaubenstaufe und ihrer Friedensethik. In Polen fanden die Mennoniten einen Ort, an dem sie bleiben konnten, denn gute Bauern und Kaufleute waren willkommen. Es entstand eine große Zahl von mennonitischen Gemeinden, besonders im Weichsel-Delta. Diese Region war erstaunlich tolerant in einem Zeitalter religiöser Intoleranz. Hier legten die mennonitischen Bauern, die ursprünglich aus den Niederlanden kamen, durch Deiche und Kanäle das Land trocken und steigerten den landwirtschaftlichen Ertrag beträchtlich. Eher kaufmännisch begabte Mennoniten ließen sich in den Randbezirken von Gdansk (Danzig) und anderen größeren Städten nieder.

 

Wahre Gläubige oder Häretiker?

Es überrascht nicht, dass den mennonitischen Nonkonformisten zuweilen vorgeworfen wurde, einen falschen Glauben zu vertreten. In einer dramatischen Szene in Gdansk wurden Mennoniten aufgefordert, diesen Vorwurf zu widerlegen. Im Jahre 1678 mussten mehrere Mennoniten vor einen theologischen Untersuchungsausschuss unter dem Vorsitz des katholischen Bischofs von Wloclawek (Leslau) treten, um über ihre theologischen Standpunkte Rechenschaft abzulegen. Als die Anhörung vorbei war, wurden die Mennoniten von allen Verdächtigungen frei gesprochen, wie Georg Hansen, ein Geistlicher der Flämischen Kirche in Gdansk, notierte. Zur selben Zeit versuchten einige religiöse Autoritäten, die Ansiedlung von Mennoniten zu verhindern. Doch Polen blieb bei seiner toleranten Haltung.

Die Mennoniten brachten vor allem Fachwissen über Deichbau mit. Das war wichtig, damit das Flußwasser kontrolliert werden konnte und das Land nicht mehr geflutet wurde. Sie folgten der Einladung des Landesherrn von Nowy Dwór (Tiegenhof) und gründeten eine Reihe von mennonitischen Siedlungen im Weichsel-Delta. Die Mennoniten hatten den Ruf, tüchtige Bauern zu sein, die ein sumpfiges Gebiet trocken legen können. Dadurch wurde vielen weiteren Siedlungen die Tür geöffnet.

 

Neue Gewissenskonflikte

Als Preußen die Kontrolle über das Weichsel-Delta übernahm, entstanden neue Herausforderungen. Die neuen Herrscher hatten wenig Verständnis für das mennonitische Prinzip der Gewaltfreiheit. Die Mennoniten wurden gedrängt, in der Armee zu dienen, was zu Glaubenskonflikten in den Gemeinden führte. Einige Leiter in den westpreußischen Mennonitengemeinden schlugen vor, die mennonitische Friedensposition aufzugeben. Es entstand schrittweise eine Trennung. Ende des 18. Jahrhunderts zogen mehrere Hundert mennonitische Familien nach Russland, wo Katharina II. Glaubensfreiheit versprach. Eine andere Gruppe von Mennoniten emigrierte nach Amerika. Unter den Mennoniten, die im expandierenden deutschen Staat verblieben, gaben immer mehr die Friedensposition auf. Später, nach der Niederlage von Deutschland 1945, flohen viele Mennoniten nach Westdeutschland. Einige starben auf der Flucht, andere fanden eine neue Heimat. Die bereits bestehenden Gemeinden nahmen die Flüchtlinge auf oder halfen ihnen, weiter nach Nord- und Südamerika zu fliehen. Nur wenige kehrten zu ihren ursprünglichen Heimatorten zurück.

 

Das Versteck von Menno Simons

Autor: Hans-Jürgen Goertz

Am nördlichen Ortsausgang von Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein steht in der Feldmark unter einer mächtigen Linde eine reetgedeckte, weiß getünchte Kate: die Menno-Kate. Sie erinnert an die letzten Jahre von Menno Simons (1496-1561), den Namenspatron der Mennoniten. Er war 1544 aus Wismar ausgewiesen worden und hatte im Gutsdorf Wüstenfelde Unterschlupf gefunden. Hier konnte er in aller Ruhe an seinen Schriften arbeiten, brieflichen Kontakt mit seinen Gemeinden halten und sich mit seinen Mitältesten über strittige Fragen der Kirchenzucht beraten.

 

Die geheime Druckerei

Menno Simons lebte auf dem Gut Fresenburg mit einer Gruppe von Täufern zusammen, die dort schon seit 1543 siedeln durften. Das Dorf Wüstenfelde wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Ungewiss ist, ob die Kate eventuell an anderer Stelle oder dort, wo sie einst stand, wieder aufgebaut wurde. Sie könnte die Wirren des Krieges auch unversehrt überstanden haben. Möglicherweise hat Menno Simons hier gelegentlich gewohnt, um den Druck seiner Schriften zu überwachen. Die Druckerei soll ihm zwischen Frühjahr 1554 und spätestens Sommer 1556 zur Verfügung gestanden haben. Während dieses kurzen Zeitraums wurden trotz des allgemeinen Publikationsverbots täuferischer Literatur vier seiner Schriften gedruckt, u. a. die 2. Auflage seines berühmten Fundamentbuchs von 1539/40. Menno Simons blieb nach der Schließung der Druckerei in Wüstenfelde. Dort starb er am 13. Januar 1561 und  soll in einem Kohlgarten beerdigt worden sein – fünf Kilometer von der heutigen Kate entfernt. 

 

Vom Versteck zum Museum

An Menno Simons erinnert seit 1902 ein Gedenkstein und eine Bronzeplakette. Inzwischen steht die Kate unter Denkmalschutz. Sie wurde von der Vereinigung der deutschen Mennonitengemeinden gepachtet und wird von einem Ausschuss des Mennonitischen Geschichtsvereins verwaltet. In den frühen sechziger Jahren wurde damit begonnen, sie zu restaurieren und zu einem kleinen Museum auszubauen, in dem Bücher, Landkarten und Bildmaterial über die wechselvolle Geschichte der Mennoniten ausgestellt werden. Im Jahr 1986 wurde sie der Öffentlichkeit vorgestellt, seit Dezember 1999 ist sie in einem verbesserten Zustand Besuchern aus aller Welt zugänglich.

 

Zeichen der Versöhnung

Die alte Linde, die von Menno Simons gepflanzt worden sein soll, heißt im Volksmund ‘Menno-Linde’. Vor einigen Jahren haben Mennoniten sowohl in Wittenberg als auch neben  der Menno-Kate eine Buche gepflanzt. Beide Bäume bekräftigen die inzwischen erfolgte Aussöhnung zwischen den lutherischen Kirchen und den Gemeinden der Mennoniten.

 

 

Ökumene – für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung

Autor: Fernando Enns

Für die Mennoniten sind seit Beginn der Ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert gute Beziehungen zu anderen Kirchen wichtig. Sie waren an der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) beteiligt, der heute weltweit 350 Kirchen mit insgesamt ca. 550 Millionen Mitgliedern umfasst.

 

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein

Der ÖRK wurde aufgrund der schrecklichen Erfahrungen von zwei Weltkriegen gegründet. Die Kirchen erkannten ihr Versagen, und insbesondere die Kirchen in Deutschland bekannten ihre Schuld. Die Gründungsversammlung des ÖRK hielt als einen der entscheidenden Sätze fest: ‘Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein‘. Seither setzen sich die Kirchen in der Ökumene gemeinsam für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ein. Von Anfang an hatten die anderen Kirchen großes Interesse an der Theologie der ‘historischen Friedenskirchen‘. Im Laufe der Jahrzehnte haben Mennoniten ihre Positionen in vielen ökumenischen Dialogen erläutert und sind auf Offenheit, aber auch auf Skepsis gestoßen.

 

Dekade zur Überwindung von Gewalt

Auf der 8. Vollversammlung des ÖRK in Zimbabwe (1998) initiierte ein mennonitischer Delegierter die ‘Dekade zur Überwindung von Gewalt. Kirchen für Frieden und Versöhnung‘. Der Vorschlag wurde von der Versammlung begeistert aufgenommen. Die Suche nach Möglichkeiten, um Gewalt zu überwinden, rückte ins Zentrum der Ökumenischen Bewegung – in theologisch-ethischen Überlegungen ebenso wie in praktischen Anwendungen. Die Mennoniten waren nun herausgefordert, ihre Haltung zu Frieden und Gewalt neu zu klären und den anderen Christinnen und Christen überzeugend darzulegen. Das Mennonitische Friedenszentrum Berlin wurde gegründet und eine umfassende ‘Erklärung zum Gerechten Frieden‘ erarbeitet.

 

Ein Pilgerweg des Gerechten Friedens

Ohne die Dekade zur Überwindung von Gewalt hätte die nächste Vollversammlung des ÖRK (Südkorea 2013) wohl kaum das neue, umfassende Programm für die kommenden Jahre beschlossen: einen ‘Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens’. Wieder waren Mennoniten maßgeblich beteiligt. Es geht darum, noch tiefer als bisher auch die spirituellen Wurzeln und Quellen des christlichen Glaubens für die Gestaltung einer gerechten und friedlichen Welt zu ergründen. Christen sollen Dimensionen ihres Glaubens eröffnet werden, die den aktiven Einsatz im politischen und gesellschaftlichen Leben formen und ausrichten. Solch eine gelebte Spiritualität führt nicht zur Flucht vor der Verantwortung in der Welt, sondern glaubt an die verändernde, transformative Kraft des Evangelium – mitten in Gewalt und Unrecht.

 

Wissenschaftliche Theologie und Friedensbildung

Autor: Fernando Enns

Im Jahr 2006 wurde mit der ‘Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen‘ an der Universität Hamburg (ATF) ein erstes wissenschaftliches Institut für mennonitische Theologie eingerichtet. Bis dahin mussten mennonitische Theologiestudierende, die sich auf Pastoren- oder Lehramt vorbereiteten, auf mennonitische Institute in den Niederlanden oder den USA ausweichen, wenn sie ihre Studien durch Geschichte und Theologie aus mennonitischer Perspektive ergänzen wollten.

 

Friedenstheologie

Der besondere Beitrag der Mennoniten zum internationalen ökumenischen Gespräch ist ihre Friedenstheologie, die auf Gewaltfreiheit basiert. Wie einige Täufer bereits im 16. Jahrhundert herausstellten, zeichnet sich christlicher Glaube durch eine Lebensgestaltung aus, die vom aktiven Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung geprägt ist. Das hat Auswirkungen auf die Art und Weise des Theologietreibens wie auch auf die Inhalte der Theologie selbst. Als Friedenstheologie findet sie ganz selbstverständlich im Horizont der ökumenischen Beziehungen zu anderen Kirchen, Traditionen und Kulturen statt und bemüht sich um interreligiösen Dialog. Daher arbeitet die ATF eng mit der Missionsakademie und der Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg zusammen.

 

Friedensbildung im weitesten Sinne

Friedenstheologie kann sich nicht auf das innertheologische Gespräch beschränken. Wenn Gewalt umfassend verstanden wird als direkte (von einzelnen Personen), indirekte (von politischen und wirtschaftlichen Systemen) und kulturelle Gewalt (Diskriminierungen unterschiedlichster Art), dann ist auch die Suche nach einer Befreiung von solcher Gewalt umfassend anzulegen. Die ATF hat früh einen ‘Interdisziplinären Arbeitskreis Peacebuilding‘ (mit)gegründet, in dem Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen zusammenarbeiten. Wir erarbeiteten ein eigenes Curriculum zu Friedensbildung für Studierende aus allen Fächern, in dem die Relevanz von Theologie und Religion deutlich wird. Seit 2011 wird außerdem eine studienbegleitende Mediationsausbildung angeboten. Im regelmäßig stattfindenden mennoFORUM wurde zudem – in Zusammenarbeit mit der Mennonitengemeinde Hamburg – eine  öffentliche Plattform geschaffen, um aktuelle Themen mit Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Religion zu debattieren. In mehreren Publikationen, die inzwischen aus der Forschungsarbeit der ATF hervorgegangen sind, wird zudem sichtbar, wie sich Friedenstheologie und Friedensbildung als kompetente Gesprächspartner in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs einbringen.

 

 

Christliche Friedensstifter Teams Europa (CPT)

Autor: Marius van Hoogstraten
Übersetzung: Joel Driedger 

Weltweit leben Millionen von Menschen an Orten, an denen bewaffnete Gruppen, Soldaten oder Militär den Alltag bestimmen. Millionen von Menschen sind außerdem auf der Flucht. Wenn diese Nachrichten bekannt werden, reagieren viele Leute mit Gleichgültigkeit. Sie meinen, diesen Menschen kann nur geholfen werden, wenn man selbst eine Armee aussendet. Aber durch militärische Gewalt werden bestehende Konflikte meistens nur schlimmer.

 

Alternative Politik

Die Christlichen Friedensstifter Teams (englisch: Christian Peacemaker Teams, CPT) suchen nach alternativen Wegen in Konflikten. Wir gehen dahin, wo Gewalt herrscht, und setzen uns mit den Einheimischen für Frieden ein. Anstatt Waffen zu benutzen, machen wir Fotos und berichten von Konflikten und Ungerechtigkeiten. Soldaten und andere bewaffnete Gruppen können uns an unseren roten Mützen erkennen. Durch unseren Einsatz verringert sich die Gewalt, weil die gewalttätigen Leute wissen, dass sie beobachtet werden.

Früher dachten wir, dass unser gewaltfreies Engagement einzigartig ist. Nun wissen wir aber, dass es fast überall Menschen vor Ort gibt, die sich für Frieden einsetzen. Sie suchen kreative, einzigartige Wege, um der Gewalt zu widerstehen und Wirtschaftsunternehmen davon abzuhalten, Land und Leute auszubeuten. Durch Videos und Artikel wollen wir Menschen auf der ganzen Welt auf diese lokalen Friedensbewegungen aufmerksam machen. Gewaltfreier Widerstand kann vieles sein: Zum Beispiel, dass man eine Menschenkette zwischen einer unbewaffneten  protestierenden Menschenmenge und Soldaten bildet. Oder dass man Kinder zur Schule bringt, die mit Steinen beschmissen werden, oder Schafe auf die Weide bringt, wo es die Armee nicht zulassen will.

 

Gewaltfreier Widerstand

In Kanada wird das Land und Leben vieler Ureinwohner von großen Wirtschaftsunternehmen bedroht. Der gewaltfreie Protest der indigenen Einheimischen wird von CPT-Freiwilligen unterstützt. CPT ist beispielsweise dabei, wenn die Straße blockiert wird, so dass Abholzungsunternehmen ihre Transporter nicht mehr in den Wald schicken können. Die Leute von CPT informieren außerdem Kanadier ohne indigenen Hintergrund über die Situation der Ureinwohner.

In Europa ist CPT besorgt über die Flüchtlingssituation. Es gibt fast keinen sicheren Zugang nach Europa, weil alle Grenzen militärisch abgesichert sind. Viele Flüchtlinge müssen deshalb extrem gefährliche Wege nehmen. Dies führt dazu, dass in den letzten Jahren Tausende von Flüchtlingen umgekommen sind, vor allem im Mittelmeer an der Grenze von Griechenland und Türkei.

 

Die Geschichte der Christlichen Friedensstifter Teams begann 1984 auf der Mennonitischen Weltkonferenz. Ursprünglich bestand die Vision darin, Tausende von gewaltfreien Christinnen und Christen in Konfliktgebiete einzufliegen, um Frieden zu stiften. Diese Vorstellung ist aus heutiger Sicht ziemlich selbstbezogen – zum Glück können wir in einigen Fällen wenigstens ein bisschen helfen. Heute arbeiten nicht nur Christen für CPT. Die Kooperation mit lokalen Friedensgruppen bildet den Kern unserer Arbeit. Wir begleiten Graswurzelbewegungen in Kolumbien, Palästina, Irakisch-Kurdistan und Kanada.