Deutschland Landesmitte / Russlanddeutsche

 Sprachen: Deutsch  / ’Plautdietsch’

Religionen: Protestantisch 34%, Römisch-Katholisch 34%, Moslem 3.7%

Bevölkerung: 81 Million

Hauptstadt: Berlin

Mennoniten  in Süddeutschland und Landesmitte:

BTG ; AMBD ; AMG ;

 

Anzahl 

Mennonitengemeinden:  60

Russlanddeutsche Gemeinden: 182

Anzahl getaufter Mennoniten: 
5,723 = 9,51%  der europäischen Mennoniten.

Russlanddeutsche: 40,344 = 67.02%  der europäischen Mennoniten

Ein Besuch an Deutschland?

Ein Teil der  9000 km langen Migrations Route führt durch diese Gegend.

Ein mennonitischer Märtyrer

Autor: Hermann Heidebrecht

Schon bald nach der Machtergreifung 1917 bekämpften die Bolschewiken jegliche Religionsausübung, da sie die Religion und vor allem die Geistlichkeit als ein großes Hindernis beim Aufbau einer neuen kommunistischen Gesellschaft sahen. So kam es Ende der 1920er Jahre zu der schlimmsten Christenverfolgung des 20. Jahrhunderts in Europa.

 

Verfolgungen

Erst nach 1987 wurde das ganze Ausmaß der Verfolgungen in der Sowjetunion bekannt. Eine Regierungskommission nannte Anfang 1990er Jahre folgende Zahlen: etwa 200.000 Geistliche (Priester, Pastoren, Gemeindeälteste, Prediger, Diakone) wurden ermordet. Weitere 300.000 Geistliche wurden in Gefängnissen und Lagern eingesperrt. Auch viele einfache Christen erlitten ein ähnliches Schicksal. Insgesamt wurden ca. 40.000 Kirchen zerstört. In den mennonitischen Dörfern wurden bis 1935 alle Kirchen geschlossen. Zunächst wurden die Gemeinden mit sehr hohen Steuern belastet. Als sie dann die Steuerschuld nicht bezahlen konnten, wurden die Kirchen beschlagnahmt und zu Kinos, Getreidespeicher, Werkstätten o. ä. umgewandelt. Die meisten Älteste und Prediger wurden verhaftet.

 

Haft

So erging es auch dem Ältesten Jakob A. Rempel aus Grünfeld (1883-1941). Dank eines großzügigen Stipendiums hatte er in den Jahren 1906-1912 an der Predigerschule und der Universität in Basel, Schweiz, Theologie, Philologie und Philosophie studiert. Zurück in Russland wurde Rempel Schullehrer und dann Universitätsdozent. Die Berufung zum Professor an der Universität Moskau konnte er nicht annehmen, da er zum Gemeindeältesten in Neu-Chortiza gewählt wurde. In den 1920er Jahren leitete Rempel die mennonitische Bruderschaft und verhandelte mit der Regierung in Moskau um den Erhalt der Gemeinden. Im September 1929 musste Rempel aus Grünfeld fliehen. Sein Vermögen wurde beschlagnahmt und seine Familie vertrieben. Im November 1929 wurde er in Moskau festgenommen, sieben Monate lang gefoltert und anschließend zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt.

 

Rempels letzter Brief

Nach einigen Jahren gelang ihm die Flucht, doch schon bald danach wurde er erneut verhaftet. Er blieb in Haft, bis er am 11. September 1941 im Gefängnis der Stadt Orel auf persönlichen Befehl Stalins zusammen mit 156 anderen Gefangenen erschossen wurde. In einem seiner letzten Briefe schrieb er:

 

Man kann mich in Ketten legen, schlagen, mir den Kopf abtrennen, aber niemand kann mir meinen Glauben, meine Kenntnisse, die Geschichte meines Leben nehmen. Vom Stallknecht zum Professor, noch höher in der gesellschaftlichen Arbeit, und jetzt bin ich auf dem Gipfel meines Lebens. Ich will mich hiermit nicht brüsten und ich schrecke auch nicht zurück vor der Wahl dieses Weges, aber tief beuge ich mich vor dem, der mir diesen Weg vorgeschrieben hat.

 

 

Reiseprediger

Autor: Johannes Dyck

Johannes Fast, ein Reiseprediger in der Mennoniten-Brüdergemeinde, gehörte zu den Schlüsselpersönlichkeiten im Wiederaufbau der Gemeinden nach dem II. Weltkrieg an neuen Orten mit neuen Menschen. Er kam 1886 in Mariental in der Kolonie Alt-Samara in Russland zur Welt und starb 1981 in Dschetyssaj in Kasachstan. Der zukünftige Prediger wurde in eine große Familie hineingeboren. Seine Eltern, beide zuvor verwitwet, gründeten eine zusammengesetzte Familie mit dreizehn Kindern. Durch ihre gemeinsamen Kinder wuchs die Zahl der Kinder auf zweiundzwanzig.

 

Berufung und theologische Ausbildung

Nach dem Abschluss der Dorfschule ging Johannes in die Lehre zu seinem älteren Bruder, einem Tischler. Im Jahr 1908 musste er für drei Jahre für den Militärersatzdienst in die Försterei Groß-Anadol in Südrussland. Hier erlebte er am 4. Mai 1908 eine Bekehrung und predigte im Jahr 1910 zum ersten Mal. Von 1911 bis 1913 lernte er in der Bibelschule St. Chrischona in der Schweiz. Nach der Rückkehr in die Heimat wurde er Prediger in der Mennoniten-Brüdergemeinde in Alexandertal, leitete den Chor, gründete 1920 einen Jugendverein und setzte sich als Reiseprediger ein. 1913 heiratete er Agathe Driedger, die schon 1926 verstarb. 1927 heiratete er Wilhelmine Enns, die Ehe mit ihr dauerte bis 1976.

 

Dienst unter Bedrängnis

Im März 1931 wurde Fast zusammen mit seiner Familie in den Fernen Osten deportiert, wo er die nächsten Jahrzehnte bis 1954 verbrachte. Ein Jahr darauf siedelte er nach Temirtau in Kasachstan um, von wo er viele zerstreute Gläubige in Zentralasien, Sibirien und am Ural besuchte, dort predigte, taufte, ordinierte und neue Gemeinden gründete. Als die Verfolgungen 1958 härter wurden, setzten die Behörden ihm nach, aber der inzwischen Siebzigjährige wurde von der Haft verschont.

 

Predigten: Fasts Vermächtnis

Seit 1967 lebte Fast in Dshetyssaj in Südkasachstan. Hier schloss er sich einer Gemeinde an, die überwiegend aus Deutschen bestand, und predigte trotz fortschreitender Blindheit weiter. Im Jahr 1970 begann er Predigten für Witwen zu Papier zu bringen, die dann von den Leserinnen abgeschrieben und auf diese Art vervielfältigt wurden. Der fast erblindete hoch betagte Mann setzte mit dem Schreiben fort und verfasste zwei Andachtsbücher mit Predigten für jeden Tag sowie einen Band Gelegenheitspredigten. Seine Schriften enthalten die umfangreichste Sammlung von Predigten aus der Feder eines Mennoniten in der UdSSR nach dem II. Weltkrieg.

 

Mehr über Johannes Fast gibt es in dem Deutschen Mennonitischen Lexikon Online (http://www.mennlex.de/doku.php?id=art:fast_johannes).

 

 

Beginn eines langen Leidensweges

Autor: Hermann Heidebrecht

Die schwerste Zeit für die Mennoniten in Russland kam nach der Oktoberrevolution 1917, als die Bolschewiken die Macht an sich rissen. In Russland entbrannte ein schwerer Bürgerkrieg (1917 - 1922/23). Es gab mehrere Gruppierungen, die sich gegenseitig bekämpften. Besonders die anarchistischen Terrorbanden von Nestor Machno wurden in diesen Jahren zum Schrecken vieler Mennoniten. Sie überfielen regelmäßig die mennonitischen Dörfer. So wurden in einem Dorf Eichenfeld in einer Nacht 77 Männer und 4 Frauen ermordet. Noch mehr Opfer forderte der Flecktyphus, der auch durch die Machnowzen in die Dörfer geschleppt wurde. Ganze Familien starben aus. Im Dorf Schönhorst starben 132 von den 350 Bewohnern, in Chortiza 180 von 676. Über 10 % der Bevölkerung in den Dörfern starb durch die Epidemie.

 

Hunger

Nach all den Jahren erbitterter Kämpfe lag die Wirtschaft in den mennonitischen Dörfern völlig am Boden. Die sogenannten Beschaffungstrupps der neuen sowjetischen Regierung beschlagnahmten die landwirtschaftlichen Produkte. So wurde den Bauern auch das letzte Getreide genommen. Eine schreckliche Hungersnot brach aus. Nach schwierigen Verhandlungen mit den Bolschewiken ist es amerikanischen und holländischen Mennoniten gelungen, Nahrungsmittel und Kleider ihren leidenden Glaubensbrüdern zu überbringen.

 

Verbot der Auswanderung

Mennonitische Delegierte erkundigten sich in Amerika über Auswanderungsmöglichkeiten dorthin. Sie fanden viel Hilfsbereitschaft. Die kanadischen Mennoniten bemühten sich bei der Regierung um die Einreiseerlaubnis, besorgten Kredite für die Überfahrt, außerdem mussten sie versprechen, dass die Neueinwanderer dem Staat nicht zur Last fallen würden. Zwischen 1923 und 1928 gelang den mennonitischen Hilfsorganisationen ca. 23.000 russländische Mennoniten über Deutschland nach Kanada zu bringen. 1928 stoppte die sowjetische Regierung diese Auswanderung.

 

Die Auswirkungen der Kollektivierung

Ab 1929 begann in Russland die Kollektivierung. Die Privatwirtschaft sollte durch die Kollektivwirtschaft ersetzt werden. Dadurch kam es erneut zu einer schweren Hungersnot, die allein in den Jahren 1932 - 33 ca. 10 Millionen Menschen in der Sowjetunion hinraffte. Unter den Enteigneten und Verbannten waren viele Mennoniten. Ihnen wurde das Land, das Vieh, die landwirtschaftlichen Maschinen abgenommen. Viele wurden ausgesiedelt, so dass sie ihre Dörfer und Häuser verlassen mussten. Viele sind in den Verbannungsgebieten verhungert oder an Krankheiten gestorben. Ein Teil der bedrängten Mennoniten ging in dieser Situation in die Städte, wo sie dann Arbeit und Brot gesucht haben. So wurde die Auflösung der mennonitischen Kolonien herbeigeführt.

 

Mehr über Mennoniten in Russland gibt es in Englisch in der Mennonite Encyclopedia Online (http://www.gameo.org).

 

Organisatorische Vielfalt der Russlandmennoniten

Autor: Hermann Heidebrecht

Unter den etwa 2,5 Millionen Russlanddeutschen, die seit den 1970er Jahren in die Bundesrepublik Deutschland gekommen sind, haben etwa 200.000 Menschen einen mennonitischen Hintergrund. Viele Menschen mit mennonitischem Hintergrund haben bei ihrer Einreise nach Deutschland zwar ihre Konfessionszugehörigkeit mit ‘Mennonitisch‘ angegeben, aber ein Großteil von ihnen lebte in der ehemaligen Sowjetunion in Gegenden, wo es nach dem 2. Weltkrieg keine Mennonitengemeinden gab, sie waren folglich nicht getauft und somit nie Mitglieder einer Mennoniten- oder Mennoniten-Brüdergemeinde gewesen (in der Sowjetunion gab es seit 1860 überwiegend diese zwei Gemeinderichtungen). In den vergangenen Jahrzehnten haben viele von diesen ‘Entwurzelten‘ den Weg zurück in die Glaubensgemeinschaft gefunden. Insgesamt zählen die mehr als 100 Gemeinden der Russlandmennoniten in Deutschland etwa 35.000 bis 40.000 Mitglieder.

 

Bruderschaften und Verbände

Die Mennonitengemeinden (MG) mit etwa 35 Versammlungsorten haben sich fast alle in der Arbeitsgemeinschaft zur geistlichen Unterstützung der Mennonitengemeinden (AGUM) zusammengeschlossen. Die Mennoniten- Brüdergemeinden (MBG) dagegen haben sich in mehreren Verbänden organisiert. Ein Großteil der MBG hat sich in zwei Verbänden wiedergefunden, die sie zusammen mit russlanddeutschen Evangeliums-Christen-Baptisten gegründet haben: 25 Gemeinden (einschließlich Filialen) in der Bruderschaft der Christengemeinden in Deutschland (BCD) und 7 Mennoniten-Brüdergemeinden im Bund Taufgesinnter Gemeinden (BTG). Eine weitere große Gruppe der MBG mit etwa 23 Versammlungsorten gehören zu dem so genannten Frankentaler Kreis, einer informellen Bruderschaft der Mennoniten-Brüdergemeinden. Eine MBG hat sich der Bruderschaft der Evangeliums-Christen-Baptisten angeschlossen und einige weitere Gemeinden gehören zu keinem Verband. Eine gewisse Anzahl an Russlandmennoniten findet sich auch in anderen Gemeindeverbänden (AMBD, VMBB, WEBB).

 

Statement der Aussöhnung

Im Rahmen der Feierlichkeiten anlässlich der 150 Jahre des Bestehens der Mennoniten-Brüdergemeinde im Jahr 2010 haben einige Mennoniten-Brüdergemeinden, die zu dem Bund Taufgesinnter Gemeinden (BTG), zur Arbeitsgemeinschaft mennonitischer Brüdergemeinden (AMBD) und zum Verband der Evangelischen Freikirchen Mennonitischer Brüdergemeinden in Bayern (VMBB) gehören, ein Statement der Aussöhnung veröffentlicht, in dem sie für das Fehlverhalten der Mennoniten-Brüdergemeinde im Laufe ihrer Geschichte anderen Mennonitengemeinden gegenüber um Vergebung baten und ihren Wunsch zum Ausdruck brachten, dass das zukünftige Miteinander von brüderlicher Liebe und gegenseitiger Wertschätzung bestimmt sein soll. Obwohl die meisten russlanddeutschen Mennoniten-Brüdergemeinden sich diesem Statement nicht angeschlossen hatten, kann man das Verhältnis der Gemeinden beider Richtungen schon seit vielen Jahren als brüderlich und in vielen Fällen auch herzlich bezeichnen.

 

 

Mennoniten in ihrer neuen russischen Heimat

Autor: Johannes Dyck

Ein beachtlicher Teil der gegenwärtigen mennonitischen Glaubensgemeinschaft in Deutschland besteht aus Menschen, die einen Teil ihres Lebens in Russland verbracht haben. Die meisten von ihnen siedelten nach Deutschland innerhalb der letzten Jahrzehnte um. Ihre Namen klingen friesisch oder flämisch. Im stürmischen 16. Jahrhundert wurden sie zu Mennoniten und ergriffen die Flucht in die Gegend um Danzig herum, das sich damals unter polnischer Herrschaft befand. Später, als dieses Gebiet unter die Oberhoheit von Preußen fiel und die Mennoniten aufgrund ihres Glaubens wieder unterdrückt wurden, suchten sie nach einem neuen Wohnort in Russland.

 

Gute Aufnahme

Im Jahr 1789 nahm Russland die erste Gruppe von Mennoniten auf. Die Regierung des Zarenreichs gelobte ihnen freie Ausübung des Glaubens, sowie Befreiung vom Militärdienst und siedelte sie in autonomen selbstverwalteten Siedlungen an, die man Kolonien nannte. Die erste von ihnen hieß Chortitza und lag an dem Fluss Dnepr. Auf einen mennonitischen Sonderantrag hin war die Regierung sogar bereit, ihnen doppelt so viel Land geben wie sonst anderen Siedlern aus Deutschland. Im Jahr 1804 siedelte eine zweite große Gruppe von Mennoniten aus Preußen nach Südrussland um und gründete die Kolonie Molotschna. Ihnen folgten einige kleinere Gruppen. Die letzte größere Übersiedlung fand 1859 statt.

 

Fleißige Siedler

Die fleißigen und hart arbeitenden Mennoniten verwandelten das Neuland in der Steppe in eine blühende Landschaft. Ihre harte Arbeit machte Südrussland, wo sie nun lebten, zur Kornkammer Europas. Die von ihnen gegründeten kleinen Werkstätten entwickelten sich im Laufe von Jahrzehnten und Generationen zu einer prosperierenden Wirtschaft mit guten Positionen auf dem russischen Binnenmarkt. Mit der Zeit wurden die Muttersiedlungen zu klein für die wachsende mennonitische Bevölkerung. Die mennonitische Gemeinschaft hatte genug Ressourcen, um sich in den Osten auszubreiten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es große Kolonien sogar in Sibirien, dem asiatischen Teil Russlands. Die nachfolgenden Generationen haben weder die harte Arbeit verlernt noch die Bereitschaft verloren, sich in neuen ungastlichen Gegenden niederzulassen, um sie lebenswürdig zu machen.

 

Mutterland Deutschland

An dem Vorabend des 1. Weltkrieges und der russischen Revolution von 1917 gehörten die Mennoniten Russlands zu einem der fortschrittlichsten Teile der weltweiten mennonitischen Familie. Immer noch in Kolonien lebend, die längst zu deutschen Inseln im Russischen Vielvölkerimperium wurden, hielten sie eine lebenswichtige Verbindung zu ihrem Mutterland Deutschland aufrecht.

 

Viel mehr über Mennoniten in Russland gibt es in Englisch in der Mennonite Encyclopedia Online (http://www.gameo.org)

 

Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Autor: Johannes Dyck

In Deutschland wird der Großteil der geistlichen Arbeit mit Kindern von jungen Gemeindegliedern gemacht, die sich dadurch im Gemeindeleben einsetzen. In der Sowjetunion war Arbeit mit Kindern hingegen ein gefährliches Unterfangen.

 

Seit 1929 verbot das Gesetz jede Art von Spezialversammlungen, darunter Frauen-, Kinder- und Jugendstunden. Als die nach 1955 neu gegründeten Gemeinden sich um Legalisierung bemühten, forderten die Behörden strikte Einhaltung dieses Gesetzes. Darüber hinaus verboten sie oftmals sogar die Anwesenheit von Kindern in gewöhnlichen Versammlungen. Von Zeit zu Zeit wurden Sonntagsversammlungen von Beamten und Lehrern gestört, die Listen von anwesenden Kindern aufstellten. Gewöhnlich wurden die aufgeschriebenen Kinder dann am nächsten Tag zur Schulleitung zitiert und vor den Schülern in der Klasse ausgelacht. Sowohl für die jungen Gemeinden als auch für die jungen Eltern waren die Jahre 1958 bis 1966 mit Kampf um die Kinder gefüllt. Letztendlich gewannen die Eltern die Schlacht, und die Kinder durften die Versammlungen in der Gemeinde besuchen.

 

Siege trotz hoher Risiken

Kurz nach diesem wichtigen Sieg begann man in vielen Gemeinden mit kleinen Sonntagsschulen in privaten Wohnungen. In den Städten konnte diese Arbeit besser verheimlicht werden als auf dem Lande. Für diese Arbeit wurden einige Personen, darunter junge Frauen, zu Haftstrafen verurteilt. Trotzdem wurde diese gefährliche Arbeit bis zur Ausreise nach Deutschland durchgeführt, oftmals durch junge Frauen.

 

Junge Menschen übernehmen Verantwortung

Auch Jugendarbeit gehörte zur Grauzone der Legalität, oftmals toleriert durch die Behörden. Gewöhnlich trafen sich Jugendliche für geistliche Gemeinschaft und Bibelstudium in kleinen Gruppen in privaten Häusern, häufig zwei Mal in der Woche. Dieser Teil der Gemeindearbeit wies großes Potential auf und versorgte Gemeinden mit jungen Menschen, die bereit waren, Verantwortung und Dienst zu übernehmen. Ins Leben wurden auch Jugendchöre gerufen, die einen wichtigen Anziehungspunkt für Jungen und Mädchen bildeten. Deren seltene Auftritte wurden zu Festtagen in den Gemeinden.

 

Gute Perspektiven

Dinge, die von der kommunistischen Regierung unter Verbot gesetzt wurden, bekamen eine besondere Anziehungskraft in der neuen Freiheit in Deutschland. Wohlwissend um die Wichtigkeit von Kinder- und Jugendarbeit für die Zukunft haben mennonitische Gemeinden eine blühende Kinder- und Jugendarbeit aufgebaut, die Kinder in den Gemeinden halten. Wenn man an die oftmals kinderreichen mennonitischen Familien in Deutschland denkt, trägt diese Arbeit viel zum Wachstum der Glaubensfamilie bei.

 

Gemeindeleben

Autor: Johannes Dyck

Das Gemeindeleben der russlanddeutschen Mennoniten in Deutschland ist in vielen Hinsichten dem traditionellen Weg ähnlich, den man vor der Verfolgungszeit in der Sowjetunion beschritt. Die Gemeinde kommt jeden Sonntag zu einem oder zwei Versammlungen zusammen. Die Gestaltung einer gewöhnlichen Versammlung ist einfach – ein bis drei (kurze) Predigten im Wechsel mit Chor- und Gemeindegesang. Die Prediger sind von unterschiedlichem Alter und geistlicher Erfahrung. Die Zahl der Verkündiger in einer Gemeinde kann in die Dutzende gehen.

 

Predigt

Die Tradition vieler Verkündiger kommt von den pietistischen Erweckungsversammlungen her, die in Russland in den 1840er Jahren ihren Anfang hatten, in denen mehrere Teilnehmer ihr Zeugnis brachten. In der frühen Mennoniten-Brüdergemeinde wurde die Vielzahl von Predigern schnell zu Tradition. Einsatz von vielen Brüdern machte sie alle zu aktiven Verkündigern des Wortes Gottes und gab zusätzliche Kraft der Verbreitung des Evangeliums. In der Erweckung der Nachkriegszeit, die in einer Verfolgungszeit stattfand, war eine große Verkündigerzahl die beste Überlebensstrategie – wenn die Leiter verbannt oder verhaftet wurden, gab es immer wieder Neue an deren Stelle.

 

Themen und Gesang

Folgend einer alten pietistischen Tradition besteht der Hauptinhalt einer Predigt aus Ermutigung im Glauben. Oft rufen Prediger zur Buße, Bekehrung und Wiedergeburt auf. Man predigt über Nachfolge, heiliges Leben und Trennung von der Welt. Diese Themen dominieren auch die wöchentlichen Gebets- und Bibelstunden. Ein wichtiger Teil der russlanddeutschen mennonitischen Frömmigkeit ist Gesang. In Zeiten der Verfolgung, als Mangel an Bibeln herrschte, konnten christliche Lieder einfacher auswendig gelernt und so weitergegeben werden. Oft waren sie der einzige Weg der Stärkung im Glauben und des Trostes sowohl für einzelne Personen als auch für kleine Gruppen. Für viele junge Menschen waren deutsche geistliche Lieder der Weg, um Deutsch zu lernen. Wichtig für das Gemeindeleben ist auch der Chorgesang.

 

Beziehungen und Begegnungen

Das Gemeindeleben beschränkt sich längst nicht auf Versammlungen. Es findet seinen Ausdruck auch in engen persönlichen Beziehungen unter den Gemeindegliedern. Dieses Modell der Nähe und Verbundenheit des Gemeindelebens entstand vor langer Zeit, durch Leben in der Kolonie in einer ländlichen Umgebung als Gemeindeglieder im selben Dorf lebten und Nachbarn waren. Wichtiger Teil des Gemeindelebens sind geschlossene Gemeindestunden. Hier berichten Taufkandidaten über ihren Glauben, hier wird Gemeindedisziplin ausgeübt, es wird über moralische Standards und Zeugnis vor der Welt gesprochen und wichtige Entscheidungen (hinsichtlich des Gemeindelebens) werden getroffen.

 

 

 

Religion: Glaubenspraxis – Mission und Diakonische Projekte

Verantwortung in der Gesellschaft und Welt
Autor: Hermann Heidebrecht, Johannes Dyck 

Die Russlandmennoniten hatten in der ehemaligen Sowjetunion keine Möglichkeit offiziell missionarische oder diakonische Projekte zu organisieren. Bald nach dem Neuanfang in der Bundesrepublik Deutschland haben viele Gemeinden der Russlandmennoniten ihre eigenen Missionsprojekte in Deutschland und in verschiedenen Ländern der Welt aufgebaut. Zum einem sind es Gemeindegründungsprojekte in Deutschland (in vielen Fällen in den östlichen Bundesländern), zum anderen sind es Projekte in den ehemaligen Herkunftsgebieten in Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Ukraine, Moldawien und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Dazu sind inzwischen zahlreiche Missionsprojekte in Süd- Ost-Europa (Rumänien, Bulgarien u. a.), in Lateinamerika (Brasilien, Bolivien, Mexiko u. a.), Afrika (Kenia, Äthiopien u. a.) und anderen Ländern der Welt hinzugekommen.

 

Neben der Gemeindegründungsarbeit unterstützen einige Gemeinden Schulen und Kinderheime. Die Missionsarbeit der Russlandmennoniten geschieht größtenteils

durch ihre eigene neugegründete Missionseinrichtungen. Einige Missionare werden durch andere deutsche und ausländische Missionsgesellschaften ausgesandt.

 

Schulen und diakonische (soziale) Projekte

Die Russlandmennoniten haben in den letzten Jahren einige private Bekenntnisschulen aufgebaut bzw. zusammen mit Christen anderer Konfessionen an deren Entstehung mitgearbeitet. Ein Beispiel dafür ist der Christlicher Schulverein Lippe, der mehrere Schulen in Detmold und Umgebung mit insgesamt mehr als 2.300 Schülern und etwa 200 Lehrern betreibt. Die Wichtigkeit derartiger Schulprojekte für die erfolgreiche Integration von Russlanddeutschen in die deutsche Kultur wurde von staatlichen Gremien verschiedener Ebene ausgezeichnet.

 

Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

Der ehemalige Physiklehrer aus Kirgisistan und Mitbegründer des Christlichen Schulvereins Lippe, Otto Hertel, hatte ein profundes Verständnis für die Rolle der Geschichte in der Etablierung von Identität. Seit den ersten Tagen der Schulexistenz bereitete er einige Ausstellungen über Deutsche aus Russland vor und hielt Vorträge über deren wichtigen Beitrag zu Russlands Kultur und Wissenschaft. 1996 wurde dafür ein Museum in einem kleinen Gebäude auf dem Schulgelände untergebracht. Außerdem stiftete Hertel seine Bücher dem Museum als Grundstock für eine Bibliothek mit Focus auf Deutsche und Mennoniten in Russland. Im Juli 2011 wurde das Museum in neuen repräsentativen Räumlichkeiten neu eröffnet. Es bietet eine beeindruckende Ausstellung über die Geschichte der Russlanddeutschen von ihrer Ankunft in Russland bis zur Rückkehr nach Deutschland und ihre Integration in die Gesellschaft.

 

Mehr über das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte finden Sie im Internet (www.russlanddeutsche.de).

 

 

 

 

Mennoniten verlassen die UdSSR in Richtung Deutschland

Autor: Hermann Heidebrecht 

Vor 1987 konnten nur einige Tausend Russlandmennoniten in die Bunderepublik Deutschland ausreisen. Ab diesem Jahr wurden die meisten Ausreiseanträge von Deutschen durch die sowjetischen Behörden genehmigt. Es kam dann zu einer Massenauswanderung, wie sie wohl in der Mennonitengeschichte noch nie stattgefunden hat. Es gab einige Gründe für die Ausreise fast aller Mennoniten aus der ehemaligen Sowjetunion.

 

Religiöse Unterdrückung in der Sowjetunion

Fast 70 Jahre dauerte nun schon die religiöse Unterdrückung. Die Christen wurden nicht nur bedrängt, sondern auch als rückständig und zurückgeblieben angesehen.

 

Nationale Unterdrückung in der Sowjetunion

Auch die nationale Unterdrückung der Russlanddeutschen, die von Hitlers Nationalsozialisten (in Russland nur Faschisten genannt) des II. Weltkriegs nicht unterschieden wurden, war auch für viele Mennoniten ein schwerwiegender Grund das Land zu verlassen. Zwar gab es in einigen Gebieten der Sowjetunion deutsche Schulen, deutsche Radiosendungen, deutsche Zeitschriften, aber dieses konnte den Zerfall der deutschen Identität nicht mehr aufhalten.

 

Politische und wirtschaftliche Gründe

Die meisten Mennoniten waren wohl nie mit der sowjetischen Politik einverstanden gewesen. Zu tief saß der Schmerz der Enteignungen, Verbannungen, Verhaftungen, Erschießungen und anderer Leiden der letzten Jahrzehnte. Es gab kaum eine mennonitische Familie, die keine Opfer zu beklagen hatte. Sie hatten kein Vertrauen in die sowjetische Regierungen und ihre Führer. Auch die wirtschaftlichen Gründe sprachen für die Auswanderung. Immer noch mangelte es den Menschen in den Städten und Dörfern der UdSSR an fast allem. Zwar hungerte keiner mehr, doch Brot, Butter, Milch, Zucker und andere Nahrungsmittel konnten in vielen Fällen, wenn sie nicht selbst hergestellt werden konnten, nur mit Mühe beschafft werden. Dasselbe galt für Kleidung, Möbel, Haushaltsgeräte und andere Waren.

 

Organisierte Betreuung von Umsiedlern

Die Mennonitische Umsiedlerbetreuung, die schon 1972 von den altansässigen Mennonitengemeinden gegründet wurde, hatte viele Jahre die Aufgabe den Neuankömmlingen bei ihrem Neuanfang zu helfen. Durch die Hilfe dieser Organisation konnten viele Ansiedlungsmöglichkeiten in Deutschland gefunden werden, an vielen Orten konnte mit den regelmäßigen kirchlichen Versammlungen begonnen werden und viele neue Kirchengemeinden konnten gegründet werden. Nachdem die Mennonitische Umsiedlerbetreuung 1994 ihre Arbeit eingestellt hatte, übernahm der von Aussiedlergemeinden gegründete Aussiedler-Betreuungsdienst diese Aufgaben. Beide Betreuungsdienste haben in diesen Jahren mehr als 100 000 Mennoniten oder Personen mennonitischer Herkunft schon in den Grenzdurchgangslagern und Landesaufnahmestellen begrüßt und beraten.

Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg

Autor: Johannes Dyck

In der Zeit der schweren Verfolgungen zu Stalins Zeiten haben die Mennoniten fast alle Kirchenältesten, Prediger und Versammlungshäuser verloren. Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurden alle Deutschen aus dem europäischen Teil gewaltsam nach Sibirien und Zentralasien deportiert und durften ihre Wohnorte nicht verlassen. Mennoniten waren Teil dieser Katastrophe. Dazu kam, dass zu Beginn des Jahres 1942 die deutschen Männer in die Arbeiterarmee mobilisiert wurden.

 

Gebetskreise unter Deportierten

Unter unerträglichen Bedingungen in der Arbeiterarmee, oft im Angesicht des Todes, haben die Männer begonnen, zu Gott zu schreien. Sie versammelten sich zu geheimen Gebetskreisen, oft ohne Rücksicht auf Konfessionszugehörigkeit. Einen dieser Gebetskreise rief Heinrich Voth, ehemaliger Kirchenältester in Nikolaifeld 1942 ins Leben. Gott erhörte sie. Eine Wiederbelebung des Glaubens setzte ein. In vielen Orten kamen geheime Gebetskreise zustande. Im Jahr 1945 wurden viele Mennoniten, die im Krieg nach Deutschland gelangten, zurück in die Sowjetunion repatriiert. Auch sie versammelten sich zum Gebet in ihren neuen Deportationsgebieten. Wo es möglich war, schlossen sich Mennoniten russischen Baptistengemeinden an, die während des Krieges wieder erlaubt wurden.

 

Nach Stalin

Nach dem Tod des Diktators Stalin im Jahr 1953 setzte politisches Tauwetter ein. Im Jahr 1956 kamen alle Deutschen aus der Verbannung frei. Die Unterdrückung des Glaubens gab etwas nach und in vielen Dörfern haben mutige Männer die in den früheren Jahren Bekehrten getauft. So entstanden in den ehemaligen Verbannungsorten kleine Dorfgemeinden. Befreit von der Verbannung zogen die Deutschen, unter ihnen auch die Mennoniten, in den Süden des Landes, vornehmlich nach Kasachstan und Kirgisistan, wo sie neue Gemeinden gründeten oder sich den bestehenden russischen Baptistengemeinden anschlossen. Die Letzten waren den Mennoniten-Brüdergemeinden sehr ähnlich. So bildete sich eine neue Gemeindegeographie heraus.

 

Wehrlosigkeit als Grund für Ablehnung

Das Tauwetter, zumindest in Bezug auf Religion, endete im Jahr 1958, und es setzte eine neue Verfolgungswelle ein. Aufgrund ihrer traditionellen Wehrlosigkeit wurden die Mennoniten als reaktionäre staatsfeindliche Sektierer abgestempelt. Ihre Gemeinden wurden in die Liste der offiziell zugelassenen Glaubensrichtungen nicht aufgenommen; sie hatten keine Chance, offizielle Anerkennung zu erlangen. Dieses änderte sich erst im Jahr 1966, was zur Legalisierung der ersten Mennoniten- und Mennoniten-Brüdergemeinden führte. Viele Menschen mit mennonitischen Hintergrund schlossen sich aber auch Baptistengemeinden an.

 

Quelle: And When They Shall Ask. A Docu-Drama of the Russian Mennonite Experience (1984/2010) dvd. www.mennonitemediasociety.com