Religion

'...Frei im christlichen Glauben...'

Autor: Alfred R. van Wijk
Übersetzung: Martje Postma 

Die Mennoniten kennen die Erwachsenentaufe, die auf ein selbst erstelltes Glaubensbekenntnis hin geschieht. Ihre Glaubenserziehung erfolgt also über einen längeren Zeitraum. Diese ist sowohl auf Vorschulkinder wie auch auf junge Erwachsene gerichtet, die sich auf ihre Taufe vorbereiten wollen.

 

Keine feste Glaubenslehre

Heutzutage wird in vielen Gemeinden am Sonntagmorgen Vorschulkindern eine Themenfeier mit eigenem Ritual angeboten, wobei Bilderbücher von hoher Qualität dem Thema Inhalt geben. Diese Feiern sind in der von Corien van Ark entwickelten Methode 'Komm in den Kreis'- 'Kom in de kring', begründet. Für die Vorbereitung von Täuflingen gibt es katechetische Stunden, die oft von dem Buch 'Berührt durch den Ewigen','Aangeraakt door de Eeuwige', Gebrauch machen, eine Methode, die unter der Redaktion von Gerke van Hiele geschrieben wurde. Dabei geht es nicht darum, eine fest umschriebene Glaubenslehre zu übertragen. Für jedes Zusammenkommen werden in einem Rahmentext Bibeltexte, Lieder, Gesprächspunkte, Formen kreativer Bearbeitung und zusammenfassende Fragen angeboten, die gemeinsam bearbeitet werden können. Daneben ist dies für Menschen über 18 die Möglichkeit, an einem kurzen Kurs teilzunehmen, der junge Erwachsene darauf vorbereitet, als Laienprediger einer Gemeinde das Wort zu verkündigen.

 

Persönlich erlebtes Glaubensbekenntnis

Sowohl 'Kom in de kring' als 'Aangeraakt door de Eeuwige' richten sich auf die Bildung eines persönlich erlebten Glaubens. Hierzu wurde schon seit den Nachkriegsjahren durch zumeist weibliche Glaubenserziehende Material zusammengetragen, in Gestalt eines Plans für Sonntagschularbeit, Kinderbücher mit Schlüssel- und Spiegelgeschichten und eines Ratgebers für Eltern.

 

Von Wissensübertragung zur Glaubensbildung

In der Rückschau auf die geschichtliche Entwicklung der täuferischen Glaubenserziehung hat diese Glaubensbildung allmählich die Wissensübertragung ersetzt. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde auf Bitten von Eltern die Glaubenserziehung durch die Gemeinde angegangen. Davor wurde diese als Aufgabe der Eltern angesehen. In dem Lehrmaterial war neben dem Nachdruck auf ein tugendhaftes Leben und Bibelkenntnis eine auswendig zu lernende Glaubenslehre enthalten. Die Erlösung des Menschen, die Christologie, die Taufe und das Abendmahl erhielten einen immer größeren Stellenwert. Im achtzehnten Jahrhundert erhielt die gemäßigte Aufklärung mehr und mehr Bedeutung in der Glaubenserziehung. Die Täufer hatten dabei eine Vorreiterrolle, insofern als sie in ihren Lehrbüchern den Zusammenhang zwischen den Naturwissenschaften und dem Kennen von Gott aufnahmen. In dem darauf folgenden Jahrhundert sollte unter Einfluss der akademischen Bibelkritik der Modernismus entstehen, der auch die Katechese in liberalere Gewässer leitete. Diese Freisinnigkeit, die ein persönliches Glaubenserleben und einen individuellen Glaubensinhalt förderte, bestimmt bis zum heutigen Tage die Erziehung im Glauben.

 

Quelle: Gerke van Hiele, Encoutering the Eternal One: quide for Mennonite Churches (Pandora Press, Canada).

 

 

Wissenschaftliche Theologie und Friedensbildung

Autor: Fernando Enns

Im Jahr 2006 wurde mit der ‘Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen‘ an der Universität Hamburg (ATF) ein erstes wissenschaftliches Institut für mennonitische Theologie eingerichtet. Bis dahin mussten mennonitische Theologiestudierende, die sich auf Pastoren- oder Lehramt vorbereiteten, auf mennonitische Institute in den Niederlanden oder den USA ausweichen, wenn sie ihre Studien durch Geschichte und Theologie aus mennonitischer Perspektive ergänzen wollten.

 

Friedenstheologie

Der besondere Beitrag der Mennoniten zum internationalen ökumenischen Gespräch ist ihre Friedenstheologie, die auf Gewaltfreiheit basiert. Wie einige Täufer bereits im 16. Jahrhundert herausstellten, zeichnet sich christlicher Glaube durch eine Lebensgestaltung aus, die vom aktiven Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung geprägt ist. Das hat Auswirkungen auf die Art und Weise des Theologietreibens wie auch auf die Inhalte der Theologie selbst. Als Friedenstheologie findet sie ganz selbstverständlich im Horizont der ökumenischen Beziehungen zu anderen Kirchen, Traditionen und Kulturen statt und bemüht sich um interreligiösen Dialog. Daher arbeitet die ATF eng mit der Missionsakademie und der Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg zusammen.

 

Friedensbildung im weitesten Sinne

Friedenstheologie kann sich nicht auf das innertheologische Gespräch beschränken. Wenn Gewalt umfassend verstanden wird als direkte (von einzelnen Personen), indirekte (von politischen und wirtschaftlichen Systemen) und kulturelle Gewalt (Diskriminierungen unterschiedlichster Art), dann ist auch die Suche nach einer Befreiung von solcher Gewalt umfassend anzulegen. Die ATF hat früh einen ‘Interdisziplinären Arbeitskreis Peacebuilding‘ (mit)gegründet, in dem Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen zusammenarbeiten. Wir erarbeiteten ein eigenes Curriculum zu Friedensbildung für Studierende aus allen Fächern, in dem die Relevanz von Theologie und Religion deutlich wird. Seit 2011 wird außerdem eine studienbegleitende Mediationsausbildung angeboten. Im regelmäßig stattfindenden mennoFORUM wurde zudem – in Zusammenarbeit mit der Mennonitengemeinde Hamburg – eine  öffentliche Plattform geschaffen, um aktuelle Themen mit Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Religion zu debattieren. In mehreren Publikationen, die inzwischen aus der Forschungsarbeit der ATF hervorgegangen sind, wird zudem sichtbar, wie sich Friedenstheologie und Friedensbildung als kompetente Gesprächspartner in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs einbringen.

 

 

Sonntagsschule, Pfadfindergruppen, Glaubenskurse und Seminare für Kinder

Autorin: Beate Zipperer

Kinder

Das Weitererzählen der biblischen Geschichten für Kinder ist nicht nur in den Familien üblich, sondern findet auch regelmäßig am Sonntag statt. Während die Erwachsenen Gottesdienst feiern, sind in vielen Gemeinden die Kinder mit einem oder mehreren Mitarbeitern im Kindergottesdienst. In manchen Gemeinden heißt diese Zeit immer noch ’Sonntagsschule’, obwohl es hier nicht wie in der Schule zugeht. Es gibt weder Noten noch werden die Kinder nach ihrem Wissen beurteilt, sondern lernen Jesus Christus kennen und üben miteinander ein, wie man als Jesusnachfolger leben kann und sollte. Die Kinder tauschen Gedanken und Gefühle über das Gehörte aus, stellen Fragen, sind miteinander im Gespräch. Sie beten und singen miteinander und sie basteln und spielen.

In unserer Gemeinde, Evangelische Freikirche Mennonitengemeinde Ingolstadt e.V. sind die Kinder am Beginn des Gottesdienstes mit den Erwachsenen zusammen und gehen dann zu ihrem eigenen Programm. Sie treffen sich in vier verschiedenen Altersgruppen, um miteinander dem Alter entsprechend die Geschichten aus der Bibel zu hören und/oder glaubensrelevante Themen zu diskutieren.

Auch Kinderbibelwochen werden in einigen Gemeinden angeboten. Kinderbibelwochen sind sehr beliebt bei den Kindern und bieten die Möglichkeit, das eigene biblische Wissen zu vertiefen und um Freunde aus der Schule und dem Bekanntenkreis einzuladen, um mit ihnen über den Glauben an Jesus ins Gespräch zu kommen. In manchen Gemeinden ist auch die Arbeit der Royal Rangers, christliche Pfadfinder gut eingebunden.

 

Für Jugendliche und junge Erwachsene

Der sogenannte Taufunterricht ist mittlerweile in vielen Gemeinden mit Glaubensunterweisung oder Gemeindeunterricht oder Biblischer Unterricht überschrieben. Dieses Angebot für Jugendliche führt nicht automatisch zur Taufe, sondern ist eine Möglichkeit, sich intensiv mit den theologischen Grundlagen christlichen Glaubens auseinanderzusetzen und auch die geschichtlichen Hintergründe der Täuferbewegung zu beleuchten, aber auch sich mit der eigenen Glaubenspraxis auseinanderzusetzen.

In Jugendgruppen und/oder speziell auf Jugendliche zugeschnittenen Gottesdienste besteht die Möglichkeit, Gemeinschaft zu erfahren und theologische Themen zu besprechen.

Zusätzlich zu den Bildungsangeboten in den Gemeinden gibt es in Süddeutschland das Jugendwerk süddeutscher Mennoniten e.V., juwe, das Freizeiten, Schulungen, Glaubenskurse und Weiterbildungsangebote speziell für Kinder und Jugendliche organisiert und durchführt.

 

Für Erwachsene

Seminarangebote für alle Altersstufen (z.B. Seniorenfreizeiten, Familienfreizeiten, Glaubens-grundkurse und Fortsetzungskurse für alle) erweitern und bereichern das Bildungsangebot in mennonitischen Gemeinden im Süden Deutschlands. Diese werden entweder in den einzelnen Gemeinden oder überregional in verschiedenen Tagungshäusern durchgeführt. Eine gute und weithin bekannte Möglichkeit ist das Theologische Seminar Bienenberg in der Schweiz, an dem man auch studieren kann.

Die russischen Mennoniten und ihr Bildungssystem

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma  

Schule und Bildung hatten einen hohen Stellenwert im Leben der mennonitischen Kolonien. Bildung bedeutete Wissen, es war gleichzeitig aber auch ein Mittel, den Glauben zu wahren. Die Ältesten der Mennoniten waren zuständig für die Bildung. Für die Kinder bestand die Schulpflicht und die Gemeinden hatten die Schulaufsicht.

 

Lesen, Schreiben und Rechnen

Das mennonitische Schulsystem durchlief mehrere Entwicklungsphasen. Die erste Phase (späteres achtzehntes Jahrhundert bis in die zwanzigsten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts) war durch finanzielle Schwierigkeiten geprägt. Zur damaligen Zeit waren die einzigen Bildungsziele den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Die nächste Phase begann im zweiten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, diese war bestimmt durch den Einsatz von Johann Cornies. Cornies gründete in Orloff eine zentrale Lehrerbildungsstätte für die vierjährige Grundschule, danach jeweils noch eine in den Kolonien Halbstadt und Chortitza. 1843 wurde ihm die Gesamtleitung der mennonitischen Schulen anvertraut. Sein Ziel war es, das Übergewicht der Prediger in den Schulen zu verringern, er setzte sich für eine Schulreform ein und gewann finanzielle Unterstützung für die Schulen. Cornies führte auch Lehrerkonferenzen ein, und gründete den Leseclub Gnadenfeld und eine Bibliothek.

 

Russischunterricht: Russifizierung

Im Jahre 1866 führte das Komitee für die Schulaufsicht Russisch als Unterrichtssprache für die mennonitischen Schulen ein. Später wurden die ethnischen Schulen der Aufsicht des Ministeriums für Nationale Erziehung unterstellt, entsprechend der in 1890 – 1892 erlassenen Gesetze. Jede Schule bekam eine Lehrkraft für die Russische Sprache. Der Staat benutzte die Sprachpolitik als Mittel zur Russifizierung. Um mehr qualifizierte Russischlehrer zu erhalten, wurden 1889 in Chortitza 2-jährige Kurse für Lehrer eingerichtet.

 

Einflüsse in die Erziehung von außen

Im April 1905 wurde im Russischen Reich die Gewissensfreiheit verkündet. Einige mennonitische Schulen wurden umorganisiert, einige neue Zentralschulen wurden gegründet. Nach dem Bürgerkrieg (1920) währte der Prozess der ethnischen Neubesinnung an, doch sie hatte einen widersprüchlichen Charakter. Das Pädagogische Institut in Odessa zum Zweck der Ausbildung von Lehrern für ethnische Schulen wurde eingerichtet, einschließlich der mennonitischen Schulen. Jedoch wurde zugleich die antireligiöse Propaganda durch die Sowjetmacht intensiviert. Der atheistische Staat verbreitete seine Ideologie unter Studenten und Heranwachsenden.  Der kommunistischen Organisationen für Pioniere und der Komsomol wurden etabliert. Diese sollten Einfluss auf die junge Generation ausüben. Allerdings waren diese Organisationen unfähig, ihrem Auftrag zu entsprechen.

 

Als die Faschisten in Deutschland an die Macht kamen, erfuhren die mennonitischen deutschsprachigen Schulen Unterdrückung, durchgeführt durch das NKVD (Kommissariat für Nationale Angelegenheiten). Die Professoren und Studenten am Institut in Odessa wurden der Zusammenarbeit mit den Nazis beschuldigt. Einige von ihnen wurden erschossen oder ins Exil geschickt. Die deutsche Sprache wurde im Jahre 1938 aus den Schulen verbannt. Das Ende für die ethnischen mennonitischen Schulen war gekommen.

Die Fußwaschung

Autorin: Geja Laan
Übersetzung: Martje Postma 

In den Mennonitengemeinden, denen ich dienen durfte, ist es nie zu einer Fußwaschung gekommen, obwohl mir durchaus bewusst ist, dass dieses Ritual in der weltweiten Glaubensgemeinschaft gepflegt wird. Es ist auch, wie ich weiß, jahrhundertelang Bestandteil des Glaubens- und Gemeindelebens verschiedener Mennoniten gewesen. Der Gedanke an eine Fußwaschung ist vielen in den Niederlanden befremdlich, so erfuhr ich in Gesprächen mit einigen Brüdern und Schwestern.

 

Berührend

Dennoch lese ich in jedem Jahr am Gründonnerstag, wenn wir Abendmahl feiern, aus dem Neuen Testament die Textstelle Johannes 13: 1-20 vor, in der berichtet wird, wie Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht, bei seinem letzten Abendmahl mit ihnen. Der Text rührt und inspiriert mich jedes Mal erneut, weil er in meiner Wahrnehmung zutiefst spüren lässt, worum es Gott und Jesus geht: um eine liebevolle Lebenshaltung, die aus dienen und nicht aus herrschen besteht.

 

'Wie neu'

Wenn der Evangelist Johannes berichtet, dass Jesus bei der Mahlzeit seine Kleidung ablegt, legt Jesus in meinem Verständnis gleichzeitig auch seinen möglichen äußerlichen Status ab. Für Jesus geht es nicht um äußeres Gehabe, sondern um das, was ein anderer wirklich gut macht. Er schlägt sich ein schlichtes Leintuch um und setzt sich einfach zu Füßen seiner Jünger hin, um ihnen die Füße sauber zu waschen. Um jeden Schmutz, der an ihnen klebt, wörtlich, doch auch im übertragenen Sinne, wie ich es verstehe, wegzuwaschen. Er setzt alles daran, sie zu erfrischen, und sie so wieder 'wie neu' auf die Beine zu stellen.

Er hat, aus seinem eigenen Willen heraus, Gutes mit ihnen vor.

 

Dienen aus freiem Willen

Wer gezwungen wird, jemandem die Füße zu waschen, für den ist es Sklavenarbeit. Allzu häufig sind besonders Frauen dazu gezwungen, in einem Muster der Dienstbarkeit vielerlei Tätigkeiten zu leisten, was eine unangenehme Situation ist, und schwierig, sich darin zu behaupten. Ist es jedoch eine eigene Wahl, in dienender Funktion tätig zu sein, dann ist das eine andere Geschichte. Dann ist es eine Form der Liebe, die göttliche Schönheit und Frieden ausstrahlt. Ein Glanz und eine Schönheit, die die Herrschenden der Welt auf unserer Erde niemals erreichen.

 

Ökumene – für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung

Autor: Fernando Enns

Für die Mennoniten sind seit Beginn der Ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert gute Beziehungen zu anderen Kirchen wichtig. Sie waren an der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) beteiligt, der heute weltweit 350 Kirchen mit insgesamt ca. 550 Millionen Mitgliedern umfasst.

 

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein

Der ÖRK wurde aufgrund der schrecklichen Erfahrungen von zwei Weltkriegen gegründet. Die Kirchen erkannten ihr Versagen, und insbesondere die Kirchen in Deutschland bekannten ihre Schuld. Die Gründungsversammlung des ÖRK hielt als einen der entscheidenden Sätze fest: ‘Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein‘. Seither setzen sich die Kirchen in der Ökumene gemeinsam für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ein. Von Anfang an hatten die anderen Kirchen großes Interesse an der Theologie der ‘historischen Friedenskirchen‘. Im Laufe der Jahrzehnte haben Mennoniten ihre Positionen in vielen ökumenischen Dialogen erläutert und sind auf Offenheit, aber auch auf Skepsis gestoßen.

 

Dekade zur Überwindung von Gewalt

Auf der 8. Vollversammlung des ÖRK in Zimbabwe (1998) initiierte ein mennonitischer Delegierter die ‘Dekade zur Überwindung von Gewalt. Kirchen für Frieden und Versöhnung‘. Der Vorschlag wurde von der Versammlung begeistert aufgenommen. Die Suche nach Möglichkeiten, um Gewalt zu überwinden, rückte ins Zentrum der Ökumenischen Bewegung – in theologisch-ethischen Überlegungen ebenso wie in praktischen Anwendungen. Die Mennoniten waren nun herausgefordert, ihre Haltung zu Frieden und Gewalt neu zu klären und den anderen Christinnen und Christen überzeugend darzulegen. Das Mennonitische Friedenszentrum Berlin wurde gegründet und eine umfassende ‘Erklärung zum Gerechten Frieden‘ erarbeitet.

 

Ein Pilgerweg des Gerechten Friedens

Ohne die Dekade zur Überwindung von Gewalt hätte die nächste Vollversammlung des ÖRK (Südkorea 2013) wohl kaum das neue, umfassende Programm für die kommenden Jahre beschlossen: einen ‘Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens’. Wieder waren Mennoniten maßgeblich beteiligt. Es geht darum, noch tiefer als bisher auch die spirituellen Wurzeln und Quellen des christlichen Glaubens für die Gestaltung einer gerechten und friedlichen Welt zu ergründen. Christen sollen Dimensionen ihres Glaubens eröffnet werden, die den aktiven Einsatz im politischen und gesellschaftlichen Leben formen und ausrichten. Solch eine gelebte Spiritualität führt nicht zur Flucht vor der Verantwortung in der Welt, sondern glaubt an die verändernde, transformative Kraft des Evangelium – mitten in Gewalt und Unrecht.

 

Vertrauen auf das unmittelbare Wirken des Heiligen Geist

Autorin: Beate Zipperer

Nur selten zeigt sich in mennonitischen Gemeinden für die gottesdienstliche Versammlung eine schriftlich fixierte oder gar liturgische Form. Das bedeutet aber nicht, dass der Gottesdienst ohne Struktur und Ordnung abläuft oder gar dem Zufall überlassen wird. Es bedeutet vielmehr, dass sich Gemeinden auf das unmittelbare Wirken des Heiligen Geist verlassen. Die gottesdienstliche Praxis und das gemeindlichem Leben ist so unterschiedlich und lebendig wie die Menschen selbst, die dieses gestalten. Es gibt Gemeinden die einen deutlich charismatischen Charakter haben, aber auch solche, die mehr pietistisch ausgerichtet sind.

 

Gottesdienst

Es gibt verschiedenste Gottesdienstformen, Gebetshaltungen und Musikstile. Unterschiede in Kultur, Tradition und Temperament der Menschen bestimmen die Spiritualität sowie die äußere Form der Gottesdienste. Doch es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das gemeinsame musizieren und das gemeinsame beten, zentrale Rollen sowohl im Gottesdienst als auch bei anderen gemeindlichen Zusammenkünften einnehmen.

Am besten lässt sich wohl eine kurze Zusammenfassung der drei Teile einer gottesdienstlichen Versammlung mit folgenden Worten zusammenfassen:

 

Gemeinschaft mit Gott

Sich bewusst in die Gemeinschaft mit Gott stellen: zu ihm kommen; ihn loben; ihm danken Dieser Teil ist der Beginn der gottesdienstlichen Versammlung: Begrüßung der Gemeinde, gemeinsames beten und singen, sowie weitere Element z:B. Textlesung, Anspiele oder Glaubens-Zeugnisse führen die Gottesdienstbesucher in die Gegenwart Gottes.

 

Verkündigung

Wir hören auf Gott - Gott zu Wort kommen lassen. In diesem Teil des Gottesdienstes wird von berufenen Predigern (das können Theologen oder Laienprediger sein) in der Predigt, Gottes Wort ausgelegt.

 

Gemeinschaft miteinander

Anteil nehmen aneinander und an dem, was um uns herum geschieht

Miteinander Abendmahl feiern und Segnungen, das miteinander teilen von Erfahrungen/Erlebnisse/Zeugnisse von Gottes Wirken/Eingreifen gehören ebenso in diesen Teil der Gottesdienste wie der Informationsaustausch zu gemeindlichen und weltweiten Anliegen. Dieser Teil beschließt meist die Versammlung am Sonntag.

 

Gemeinschaft leben – im Glauben wachsen – Glauben leben

‘Essen hält Leib und Seele zusammen‘. Dieses deutsche Sprichwort gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern wörtlich auch für gelebte Gemeinschaft in der Gemeinde. Deshalb ist es in vielen Gemeinden üblich miteinander zu essen. Nach dem Gottesdienst lädt man ein zu Kaffee und Kuchen. Zu besonderen Festen wie z.B. bei Taufen, zur Gemeindeversammlung, zu Erntedank und auch sonst einmal, isst die Gemeinde gemeinsam zu Mittag. Gemeinschaft leben in den unterschiedlichsten Kleingruppen: in Glaubenskursen, Hauskreisen, Seniorennachmittagen, im Chor, Posaunenchor, der Theatergruppe usw.

Wachsen im Glauben und Glauben leben im Alltag, werden durch den Erfahrungsaustausch mit Geschwistern lebendig.

 

Die Mennoniten-Brüdergemeinde

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Die mennonitischen Gemeinschaften im russischen Zarenreich bildeten ein dynamisches Sozialsystem. Die Modernisierung Russlands, die einen sozialen Wandel in den Gemeinden hervorrief, führte zu einer Änderung ihrer religiösen Ansichten, und war ein Grund dafür, dass sie die Regeln des Gemeindelebens änderten und an die moderne Zeit anpassten. Zugleich mit der ökonomischen und sozialen Modernisierung erlebten die russischen Mennonitenkolonien eine 'Reformation', die zu einer stärker durchdachten Form der Gerechtigkeit führte.

 

Spaltungen

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts besaß etwa die Hälfte der mennonitischen Einwohner kein Land. So konnten sie nicht mehr an der Selbstverwaltung teilnehmen, dennoch hatten sie noch vergleichbare Pflichten zu den anderen Mennoniten, die Landbesitz hatten. Unter den Menschen, die kein Land ihr eigen nannten, waren solche, die in anderen Wirtschaftsfeldern als der Landwirtschaft tätig waren, und diese wollten die gleichen Rechte haben. Ihre Proteste führten zu einer neuen Spaltung in den Kolonien, und zur Entstehung der Mennoniten Brüdergemeinde um 1850. In ihr vereinigten sich  Anhänger des Pietismus, Mitglieder der neu entstehenden Gemeinden und Unternehmer (die die größte Gruppe in dieser neuen Kirchgemeinschaft stellten). Die Mennoniten Brüdergemeinde wurde im Januar 1860 in der Kolonie Molotschna zum ersten Mal öffentlich vorgestellt. Die neue Gemeinde vertrat eine neue Art des Zugangs zum Seelenheil, begründet in der Kritik an den althergebrachten Glaubenslehren. So war die Bewegung der  Mennoniten Brüdergemeinde aus der Rebellion geboren.

 

Einfluss und missionarische Tätigkeit

Die Bewegung der Mennoniten-Brüdergemeinde wurde schnell populär unter den sogenannten 'neuen Mennoniten', die für Neuerungen offenstanden. Die erste Konferenz der Mennoniten-Brüdergemeinde fand in 1872 statt. Ihr  Glaubensbekenntnis wurde im Jahre 1873 geschrieben. Ihre Niederlassungen gründeten sie in Kuban, Sagradowka und in Mariupol. Die Brüdergemeinde war aktiv in der Missionsarbeit und gab eine Zeitschrift heraus, die 'Friedensstimme'.

 

'Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft in Russland' von Peter Martin Friesen

Im Jahre 1885 begingen die Mennonite-Brüdergemeinden den 25. Jahrestag ihrer Gemeinschaft, die zu dem Zeitpunkt aus 7 Niederlassungen bestand und 1800 Mitglieder hatte. Zu diesem Jubiläumsjahr war P.M. Friesen gebeten worden, eine Geschichte der Mennoniten-Brüdergemeinden zu schreiben. Sein Buch wurde in 1911 veröffentlicht und es stellte die Geschichte der Mennonitenkolonien insgesamt dar. Im Jahre 1917 zählte die Mennoniten Brüderschaft  40 Gemeinden mit 7000 Mitgliedern.

 

Vereinigt zur Wahrung der Identität

Die Geschichte lehrt uns, dass die Mennonitenbrüdergemeinde sich nicht zu einer  eigenenständigen Glaubensrichtung entwickelte. Der stärker werdende russische Nationalismus zwang die Mennoniten, sich wieder anzunähern. So können wir also feststellen, dass der russische Nationalismus, der den 'Gedanken der Verfolgung' wieder aufleben ließ, die Gemeinden wieder zusammenbrachte. Die Entstehung der Mennonitenbrüdergemeinde mündete in eine Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins als Mennoniten, und zu dem Beginn  ihres Selbstverständnisses als mennonitisch missionarische Kraft in der Welt. 

Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Autor: Johannes Dyck

In Deutschland wird der Großteil der geistlichen Arbeit mit Kindern von jungen Gemeindegliedern gemacht, die sich dadurch im Gemeindeleben einsetzen. In der Sowjetunion war Arbeit mit Kindern hingegen ein gefährliches Unterfangen.

 

Seit 1929 verbot das Gesetz jede Art von Spezialversammlungen, darunter Frauen-, Kinder- und Jugendstunden. Als die nach 1955 neu gegründeten Gemeinden sich um Legalisierung bemühten, forderten die Behörden strikte Einhaltung dieses Gesetzes. Darüber hinaus verboten sie oftmals sogar die Anwesenheit von Kindern in gewöhnlichen Versammlungen. Von Zeit zu Zeit wurden Sonntagsversammlungen von Beamten und Lehrern gestört, die Listen von anwesenden Kindern aufstellten. Gewöhnlich wurden die aufgeschriebenen Kinder dann am nächsten Tag zur Schulleitung zitiert und vor den Schülern in der Klasse ausgelacht. Sowohl für die jungen Gemeinden als auch für die jungen Eltern waren die Jahre 1958 bis 1966 mit Kampf um die Kinder gefüllt. Letztendlich gewannen die Eltern die Schlacht, und die Kinder durften die Versammlungen in der Gemeinde besuchen.

 

Siege trotz hoher Risiken

Kurz nach diesem wichtigen Sieg begann man in vielen Gemeinden mit kleinen Sonntagsschulen in privaten Wohnungen. In den Städten konnte diese Arbeit besser verheimlicht werden als auf dem Lande. Für diese Arbeit wurden einige Personen, darunter junge Frauen, zu Haftstrafen verurteilt. Trotzdem wurde diese gefährliche Arbeit bis zur Ausreise nach Deutschland durchgeführt, oftmals durch junge Frauen.

 

Junge Menschen übernehmen Verantwortung

Auch Jugendarbeit gehörte zur Grauzone der Legalität, oftmals toleriert durch die Behörden. Gewöhnlich trafen sich Jugendliche für geistliche Gemeinschaft und Bibelstudium in kleinen Gruppen in privaten Häusern, häufig zwei Mal in der Woche. Dieser Teil der Gemeindearbeit wies großes Potential auf und versorgte Gemeinden mit jungen Menschen, die bereit waren, Verantwortung und Dienst zu übernehmen. Ins Leben wurden auch Jugendchöre gerufen, die einen wichtigen Anziehungspunkt für Jungen und Mädchen bildeten. Deren seltene Auftritte wurden zu Festtagen in den Gemeinden.

 

Gute Perspektiven

Dinge, die von der kommunistischen Regierung unter Verbot gesetzt wurden, bekamen eine besondere Anziehungskraft in der neuen Freiheit in Deutschland. Wohlwissend um die Wichtigkeit von Kinder- und Jugendarbeit für die Zukunft haben mennonitische Gemeinden eine blühende Kinder- und Jugendarbeit aufgebaut, die Kinder in den Gemeinden halten. Wenn man an die oftmals kinderreichen mennonitischen Familien in Deutschland denkt, trägt diese Arbeit viel zum Wachstum der Glaubensfamilie bei.

 

Gemeindeleben

Autor: Johannes Dyck

Das Gemeindeleben der russlanddeutschen Mennoniten in Deutschland ist in vielen Hinsichten dem traditionellen Weg ähnlich, den man vor der Verfolgungszeit in der Sowjetunion beschritt. Die Gemeinde kommt jeden Sonntag zu einem oder zwei Versammlungen zusammen. Die Gestaltung einer gewöhnlichen Versammlung ist einfach – ein bis drei (kurze) Predigten im Wechsel mit Chor- und Gemeindegesang. Die Prediger sind von unterschiedlichem Alter und geistlicher Erfahrung. Die Zahl der Verkündiger in einer Gemeinde kann in die Dutzende gehen.

 

Predigt

Die Tradition vieler Verkündiger kommt von den pietistischen Erweckungsversammlungen her, die in Russland in den 1840er Jahren ihren Anfang hatten, in denen mehrere Teilnehmer ihr Zeugnis brachten. In der frühen Mennoniten-Brüdergemeinde wurde die Vielzahl von Predigern schnell zu Tradition. Einsatz von vielen Brüdern machte sie alle zu aktiven Verkündigern des Wortes Gottes und gab zusätzliche Kraft der Verbreitung des Evangeliums. In der Erweckung der Nachkriegszeit, die in einer Verfolgungszeit stattfand, war eine große Verkündigerzahl die beste Überlebensstrategie – wenn die Leiter verbannt oder verhaftet wurden, gab es immer wieder Neue an deren Stelle.

 

Themen und Gesang

Folgend einer alten pietistischen Tradition besteht der Hauptinhalt einer Predigt aus Ermutigung im Glauben. Oft rufen Prediger zur Buße, Bekehrung und Wiedergeburt auf. Man predigt über Nachfolge, heiliges Leben und Trennung von der Welt. Diese Themen dominieren auch die wöchentlichen Gebets- und Bibelstunden. Ein wichtiger Teil der russlanddeutschen mennonitischen Frömmigkeit ist Gesang. In Zeiten der Verfolgung, als Mangel an Bibeln herrschte, konnten christliche Lieder einfacher auswendig gelernt und so weitergegeben werden. Oft waren sie der einzige Weg der Stärkung im Glauben und des Trostes sowohl für einzelne Personen als auch für kleine Gruppen. Für viele junge Menschen waren deutsche geistliche Lieder der Weg, um Deutsch zu lernen. Wichtig für das Gemeindeleben ist auch der Chorgesang.

 

Beziehungen und Begegnungen

Das Gemeindeleben beschränkt sich längst nicht auf Versammlungen. Es findet seinen Ausdruck auch in engen persönlichen Beziehungen unter den Gemeindegliedern. Dieses Modell der Nähe und Verbundenheit des Gemeindelebens entstand vor langer Zeit, durch Leben in der Kolonie in einer ländlichen Umgebung als Gemeindeglieder im selben Dorf lebten und Nachbarn waren. Wichtiger Teil des Gemeindelebens sind geschlossene Gemeindestunden. Hier berichten Taufkandidaten über ihren Glauben, hier wird Gemeindedisziplin ausgeübt, es wird über moralische Standards und Zeugnis vor der Welt gesprochen und wichtige Entscheidungen (hinsichtlich des Gemeindelebens) werden getroffen.