Persönlichkeiten

Mennoniten schließen sich zusammen

Autoren: Corinna Schmidt, Joel Driedger

In einigen Städten Norddeutschlands gibt es heute mennonitische Kirchengemeinden. Die meisten Mennoniten leben in oder in der Nähe von Krefeld und Hamburg, aber es gibt auch Gemeinden in Berlin, Neuwied, Bielefeld und anderswo. Vierzehn norddeutsche Mennonitengemeinden mit ca. 2.100 Mitgliedern sind seit 1886 in der ‘Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden K.d.ö.R.‘ (VDM) zusammengeschlossen.

 

Besonderheiten akzeptieren, Beziehungen pflegen

Die VDM bringt die Mennoniten in Norddeutschland miteinander in Kontakt. Beispielsweise treffen sich die Pastorinnen und Pastoren, um sich über Theologie zu unterhalten und konkrete Probleme zu besprechen. Einige Mitarbeiter der VDM kümmern sich nur um Jugendliche (Mennonitische Jugend Norddeutschland. MJN). Sie organisieren Freizeiten und besondere Veranstaltungen für Kinder, Teens und junge Erwachsene. Auch für Frauen gibt es eine eigene Einrichtung (Mennonitische Frauenarbeit in Norddeutschland). Außerdem unterstützt die VDM ehrenamtliche Mitarbeiter durch regelmäßige Weiterbildungen.

 

Zusammenarbeit mit anderen Kirchen

Einige Vertreter der VDM waren 1948 in Amsterdam, als der Ökumenische Rat der Kirchen ins Leben gerufen wurde. Nach dem fürchterlichen Zweiten Weltkrieg wollten die Mennoniten die Einheit der Christen fördern und gründeten deshalb zusammen mit vielen anderen Kirchen den Ökumenischen Rat. Bis heute sind die Mennoniten davon überzeugt, dass Christen sich versöhnen sollten, um Konflikte ohne Gewalt zu lösen und gemeinsam die Welt friedlicher zu machen. Zum Ökumenischen Rat der Kirchen gehören heute weltweit 350 Kirchen mit ca. 550 Millionen Mitgliedern. Die Mennoniten sind mit anderen Christen auf der ganzen Welt verbunden und genauso mit unterschiedlichsten Christen in Deutschland. Alle Gemeinden der VDM sind Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), die es in jeder größeren deutschen Stadt gibt. Mennoniten sind davon überzeugt, dass sie von anderen Kirchen etwas lernen können, und die anderen Kirchen denken, dass die Mennoniten etwas Wichtiges zu sagen haben.

 

Glauben und Frieden

Die VDM will zeigen, dass die Botschaft von Jesus Christus eine gute Nachricht für alle Menschen ist. Für die Mennoniten hat der Glaube an Jesus Christus ganz viel mit Offenheit, Toleranz, gesellschaftlichem Engagement und Frieden zu tun. Der Glaube spornt dazu an, anderen Menschen zu helfen. In Berlin hat die VDM deshalb das Mennonitische Friedenszentrum gegründet, das sich für Frieden im Kiez und für benachteiligte Menschen einsetzt. In mennonitischen Gemeinden ist Platz für alle Menschen. Wenn es Konflikte gibt, sollen diese friedlich geregelt werden. Die VDM spornt ihre Mitglieder dazu an, intensiv über den Glauben nachzudenken und sich gleichzeitig in der Gesellschaft zu engagieren.

 

 

Ein mennonitischer Märtyrer

Autor: Hermann Heidebrecht

Schon bald nach der Machtergreifung 1917 bekämpften die Bolschewiken jegliche Religionsausübung, da sie die Religion und vor allem die Geistlichkeit als ein großes Hindernis beim Aufbau einer neuen kommunistischen Gesellschaft sahen. So kam es Ende der 1920er Jahre zu der schlimmsten Christenverfolgung des 20. Jahrhunderts in Europa.

 

Verfolgungen

Erst nach 1987 wurde das ganze Ausmaß der Verfolgungen in der Sowjetunion bekannt. Eine Regierungskommission nannte Anfang 1990er Jahre folgende Zahlen: etwa 200.000 Geistliche (Priester, Pastoren, Gemeindeälteste, Prediger, Diakone) wurden ermordet. Weitere 300.000 Geistliche wurden in Gefängnissen und Lagern eingesperrt. Auch viele einfache Christen erlitten ein ähnliches Schicksal. Insgesamt wurden ca. 40.000 Kirchen zerstört. In den mennonitischen Dörfern wurden bis 1935 alle Kirchen geschlossen. Zunächst wurden die Gemeinden mit sehr hohen Steuern belastet. Als sie dann die Steuerschuld nicht bezahlen konnten, wurden die Kirchen beschlagnahmt und zu Kinos, Getreidespeicher, Werkstätten o. ä. umgewandelt. Die meisten Älteste und Prediger wurden verhaftet.

 

Haft

So erging es auch dem Ältesten Jakob A. Rempel aus Grünfeld (1883-1941). Dank eines großzügigen Stipendiums hatte er in den Jahren 1906-1912 an der Predigerschule und der Universität in Basel, Schweiz, Theologie, Philologie und Philosophie studiert. Zurück in Russland wurde Rempel Schullehrer und dann Universitätsdozent. Die Berufung zum Professor an der Universität Moskau konnte er nicht annehmen, da er zum Gemeindeältesten in Neu-Chortiza gewählt wurde. In den 1920er Jahren leitete Rempel die mennonitische Bruderschaft und verhandelte mit der Regierung in Moskau um den Erhalt der Gemeinden. Im September 1929 musste Rempel aus Grünfeld fliehen. Sein Vermögen wurde beschlagnahmt und seine Familie vertrieben. Im November 1929 wurde er in Moskau festgenommen, sieben Monate lang gefoltert und anschließend zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt.

 

Rempels letzter Brief

Nach einigen Jahren gelang ihm die Flucht, doch schon bald danach wurde er erneut verhaftet. Er blieb in Haft, bis er am 11. September 1941 im Gefängnis der Stadt Orel auf persönlichen Befehl Stalins zusammen mit 156 anderen Gefangenen erschossen wurde. In einem seiner letzten Briefe schrieb er:

 

Man kann mich in Ketten legen, schlagen, mir den Kopf abtrennen, aber niemand kann mir meinen Glauben, meine Kenntnisse, die Geschichte meines Leben nehmen. Vom Stallknecht zum Professor, noch höher in der gesellschaftlichen Arbeit, und jetzt bin ich auf dem Gipfel meines Lebens. Ich will mich hiermit nicht brüsten und ich schrecke auch nicht zurück vor der Wahl dieses Weges, aber tief beuge ich mich vor dem, der mir diesen Weg vorgeschrieben hat.

 

 

Reiseprediger

Autor: Johannes Dyck

Johannes Fast, ein Reiseprediger in der Mennoniten-Brüdergemeinde, gehörte zu den Schlüsselpersönlichkeiten im Wiederaufbau der Gemeinden nach dem II. Weltkrieg an neuen Orten mit neuen Menschen. Er kam 1886 in Mariental in der Kolonie Alt-Samara in Russland zur Welt und starb 1981 in Dschetyssaj in Kasachstan. Der zukünftige Prediger wurde in eine große Familie hineingeboren. Seine Eltern, beide zuvor verwitwet, gründeten eine zusammengesetzte Familie mit dreizehn Kindern. Durch ihre gemeinsamen Kinder wuchs die Zahl der Kinder auf zweiundzwanzig.

 

Berufung und theologische Ausbildung

Nach dem Abschluss der Dorfschule ging Johannes in die Lehre zu seinem älteren Bruder, einem Tischler. Im Jahr 1908 musste er für drei Jahre für den Militärersatzdienst in die Försterei Groß-Anadol in Südrussland. Hier erlebte er am 4. Mai 1908 eine Bekehrung und predigte im Jahr 1910 zum ersten Mal. Von 1911 bis 1913 lernte er in der Bibelschule St. Chrischona in der Schweiz. Nach der Rückkehr in die Heimat wurde er Prediger in der Mennoniten-Brüdergemeinde in Alexandertal, leitete den Chor, gründete 1920 einen Jugendverein und setzte sich als Reiseprediger ein. 1913 heiratete er Agathe Driedger, die schon 1926 verstarb. 1927 heiratete er Wilhelmine Enns, die Ehe mit ihr dauerte bis 1976.

 

Dienst unter Bedrängnis

Im März 1931 wurde Fast zusammen mit seiner Familie in den Fernen Osten deportiert, wo er die nächsten Jahrzehnte bis 1954 verbrachte. Ein Jahr darauf siedelte er nach Temirtau in Kasachstan um, von wo er viele zerstreute Gläubige in Zentralasien, Sibirien und am Ural besuchte, dort predigte, taufte, ordinierte und neue Gemeinden gründete. Als die Verfolgungen 1958 härter wurden, setzten die Behörden ihm nach, aber der inzwischen Siebzigjährige wurde von der Haft verschont.

 

Predigten: Fasts Vermächtnis

Seit 1967 lebte Fast in Dshetyssaj in Südkasachstan. Hier schloss er sich einer Gemeinde an, die überwiegend aus Deutschen bestand, und predigte trotz fortschreitender Blindheit weiter. Im Jahr 1970 begann er Predigten für Witwen zu Papier zu bringen, die dann von den Leserinnen abgeschrieben und auf diese Art vervielfältigt wurden. Der fast erblindete hoch betagte Mann setzte mit dem Schreiben fort und verfasste zwei Andachtsbücher mit Predigten für jeden Tag sowie einen Band Gelegenheitspredigten. Seine Schriften enthalten die umfangreichste Sammlung von Predigten aus der Feder eines Mennoniten in der UdSSR nach dem II. Weltkrieg.

 

Mehr über Johannes Fast gibt es in dem Deutschen Mennonitischen Lexikon Online (http://www.mennlex.de/doku.php?id=art:fast_johannes).

 

 

‘Gleiche Rechte - gleiche Pflichten‘

Autor: Ulrich Hettinger

Hermann von Beckerath entstammte einer mennonitischen Weberfamilie. Sein Vater Peter war Bandweber und später Gerichtsvollzieher in Krefeld. 1815 begann Beckerath eine Banklehre im Bankhaus der Gebrüder Molenaar, wo er binnen weniger Jahre in leitende Funktion aufstieg. Getrieben von einem rigorosen Arbeitsethos und von autodidaktischem Ehrgeiz gelang es ihm innerhalb zweier Jahrzehnte an die Spitze des Krefelder Großbürgertums aufzusteigen. Mit seinem Schwiegervater gründete er ein eigenes Bankhaus, wirkte als Mitglied des Krefelder Stadtrats, wurde Präsident der Handelskammer und avancierte nach 1840 zu einem der führenden Liberalen der Preußischen Rheinprovinz.

 

Von 1843 bis 1845, in der Phase zunehmender politischer Konflikte zwischen Bürgertum und preußischer Obrigkeit, war von Beckerath Mitglied des Rheinischen Provinziallandtags. Er tat sich hier mit Äußerungen zu Zoll- und Handelsfragen, den Forderungen nach rechtlicher Emanzipation der Juden und Dissidenten sowie nach liberalen Staatsreformen für Preußen hervor. Populär wurde er besonders durch seine Debattenbeiträge während des Ersten Vereinigten Preußischen Landtags von 1847, in dem er vehement den Antrag seines Mitstreiters Ludolf Camphausen nach einer konstitutionellen Verfassung für ganz Preußen unterstützte. ‘Meine Wiege stand am Webstuhl meines Vaters‘, mit diesem berühmt gewordenen Ausspruch trat der stolze und selbstbewusste Selfmademan den preußischen Edelleuten im Parlament entgegen. In den hitzigen Debatten dieser Zeit ging es vor allem darum, wer künftig in Preußen das Sagen haben sollte: der Adel und die autoritären Staatsbeamten oder das Bürgertum, das mehr Freiheit und Mitbestimmung verlangte. Wie die anderen Vertreter des rheinischen Liberalismus stand von Beckerath für eine liberale Umgestaltung der preußischen Monarchie auf der Basis freiheitlicher Grundrechte. Anknüpfend an die Taten Friedrichs des Großen und der preußischen Reformer sollte Preußen durch die politische Modernisierung seinen Führungsanspruch im künftigen deutschen Nationalstaat untermauern.

 

Infolge der revolutionären Ereignisse des März’ 1848 wurde von Beckerath in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt und außerdem als Reichsfinanzminister in das Kabinett der provisorischen Zentralregierung berufen. In den folgenden Monaten setze er sich für die Errichtung einer gesamtdeutschen demokratischen Republik, ohne Österreich, unter preußischer Führung ein. Als der preußische König die ihm angetragene Kaiserkrone schließlich ablehnte, legte von Beckerath tief enttäuscht im Mai 1849 sein Abgeordnetenmandat nieder. Nach der Revolution gehörte von Beckerath noch bis 1852 dem Preußischen Abgeordnetenhaus (zweite Kammer des Preußischen Landtags) an. Er zog sich in der Folgezeit weitgehend aus der preußischen Politik zurück und widmete sich vorwiegend der Wirtschafts- und Lokalpolitik. Im Mai 1870, kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges, starb Hermann von Beckerath.

 

In seinem Denken und Handeln mischten sich mennonitisch geprägte Frömmigkeit, eine liberal-konstitutionelle Grundhaltung sowie ein stark ausgeprägter, historisch begründeter Patriotismus. Am deutlichsten spiegelt sich diese eigentümliche Verbindung in seinem Bekenntnis zur preußischen Monarchie, seinen wortgewaltigen Plädoyers für die rechtliche Gleichstellung aller Glaubensbekenntnisse, aber auch im vehementen Eintreten für die allgemeine Wehrpflicht - die er als unverzichtbares Gegenstück liberaler Freiheitsrechte sah und wiederholt auch gegen den Widerstand seiner ‘orthodoxen‘ Glaubensbrüder verteidigte. Der liberalen Maxime ‘gleiche Rechte - gleiche Pflichten‘ gab er in den religions- und verfassungspolitischen Debatten seiner Zeit stets den Vorrang gegenüber dem Prinzip der uneingeschränkten Religionsfreiheit.

 

 

Reformer

Autor: Marius Romijn
Übersetzung: Martje Postma 

Menno wurde in den frühen Jahren der Reformation zum Priester geweiht, als die Sakramentisten ebenfalls Zulauf bekamen (diese lehnten die Messe als Opfer ab). Als  Geistlicher in Pingjum zweifelte er an dem Wunder der Eucharistie, und begann selber die Bibel zu erforschen. In jener Zeit erreichte die Bewegung der Anabaptisten die Niederlande. Nachdem Sicke Freerks, der sich aufs Neue hatte taufen lassen, geköpft worden war, begann Menno Simons ebenfalls an der Kindertaufe zu zweifeln. Dennoch wurde er am Ende des Jahres 1532 Priester in Witmarsum – in dieser Zeit erlangte er Bekanntheit als 'Prediger des Evangeliums'.

 

Die schnellwachsende Bewegung der Anabaptisten vertrat mit Nachdruck die kurz bevorstehende Zweite Erscheinung des Herrn – die wahren Gläubigen sollten ein reines Leben führen, ohne Gewalt, in einer Gemeinde frei von Sünden. Eine stetig wachsende Gruppe von Wiedertäufern unter Anführung von Jan Matthijs – später von dessen Nachfolger von Jan van Leyden – versuchte das 'Neue Jerusalem' in der Domstadt Münster zu errichten. Es gelang ihnen, den Rat der Stadt zu entmachten, und alle Einwohner sollten sich bewaffnen, gegen den Fürstbischof. Dieser stellte ein Heer auf, um die Stadt zurückzuerobern.

 

Nach einem Jahr ging dieses kleine Wiedertäuferreich zugrunde in Gewalt. Einige der Menschen um Menno waren an der wiedertäuferischen Gewalt in Friesland beteiligt. Die Wiedertäufer gerieten in Chaos, und wurden schärfstens verfolgt. Menno Simons führte noch ein genügsames Leben, doch empfand das als ein 'Leben in Ägypten'. Im Jahre 1536 verließ er die katholische Kirche, und musste im Versteck leben. Nach langen Überlegungen und vielen Gesprächen ließ er sich taufen.

 

1537 kam Menno Simons einer Bitte nach, Ältester zu werden. Nach und nach wurde er zum Anführer der niederländischen Wiedertäufer, und der Einfluss seines Rivalen David Joris nahm ab. Die Herrschenden boten Geld für seine Gefangennahme. Mehrere Menschen, die Menno Unterschlupf geboten hatten, wurden getötet. Er hatte damit begonnen, Bücher und Pamphlete zu schreiben, die alle als wider das Gesetz gesehen wurden. Er musste dauernd auf Reisen sein, und lebte am Ende seines Lebens als ein Verbannter in Holstein, mit seiner Frau Geertruyd und ihren Kindern.

 

Die reine Gemeinde war ein Kerngedanke für die Wiedertäufer, um diese zu erhalten  machten sie Gebrauch vom Bannspruch und von der Meidung. Das sollte die Sünder zur Buße und Umkehr bewegen. In Emden tat der einflussreiche Ältester den Ehemann von Swaan Rutgers in den Bann. Das bedeutete, das sie jeglichen Kontakt mit ihm vermeiden sollte. Sie weigerte sich, das zu tun, denn wenn sie es täte, würde sie ihr Ehegelübde brechen. Menno wollte vermittelnd auftreten, doch Lenaert drohte, ihn ehemals in den Bann zu tun, und Menno gab nach. Dies wurde der Grund für die liberale Gruppe der Waterländer Mennoniten, sich loszusagen. Auf seinem Sterbebett äußerte Menno sein Bedauern darüber, dass er 'ein Diener der Menschen' gewesen sei, anstatt eines Dieners Gottes'.   

 

Menno war ein Reformator der zweiten Generation. Er war kein Gelehrter, wie Luther, Zwingli und Calvin. Als ein praktisch eingestellter Anführer gelang ihm die Aufgabe, die friedliebenden niederländischen Täufer in schwierigen Zeiten zusammenzuführen. Jedoch brach diese Einheit am Ende seines Lebens auseinander.

 

Quelle Bild: Piet Visser, Sporen van Menno. Het veranderende beeld van Menno Simons en de Nederlandse mennisten (in Zusammenarbeit mit den Niederlanden, Kanada, Deutschland und den Vereinigten Staaten, 1996).

 

Ein bescheidener Mann, der viele seiner Ideale in die Tat umsetzen konnte.

Autor: Marius Romijn
Übersetzung: Martje Postma 

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nahm der Einfluss des liberalen Protestantismus in den Niederlanden ab, während die protestantische Orthodoxie und der Katholizismus stabil blieben. Viele junge Pastoren hatten ihre Schwierigkeiten mit den Konzepten 'Sünde und Vergebung'. Sie wurden von den Quäkern in England inspiriert, besonders von den Treffen in Woodbrooke, wo Christus und die Gebetsfrömmigkeit den Mittelpunkt bildeten. Laien konnten in geistigen Dingen und praktischen Angelegenheiten Leitung geben.

 

Tjeerd war als Student der Theologie von dieser nicht klerikalen Frömmigkeit, von der Laientätigkeit in der Kirche und durch das Friedenszeugnis angetan. Er nahm mit anderen Mennoniten Kontakte auf, um die Möglichkeiten für die Einführung dieses Gedankengutes in die Bruderschaft zu durchdenken. Dies war die Keimzelle für den 'Verein für Gemeindetage', Vereniging voor Gemeentedagen, eine Kombination aus nationalen und regionalen Treffen, Arbeitsgruppen und nach und nach ebenfalls für die Konferenzgebäude und Unterbringungsmöglichkeiten für Besucher. Diese Möglichkeiten standen auch Frauen offen, und das belebte die Bruderschaft mit neuem Schwung. Hylkema, Prediger der Gemeinde Giethoorn seit 1912, war zehn Jahre lang der Vorsitzende dieser Bewegung. Das Zentralkomitee der Mennoniten (Algemene Doopsgezinde Sociëteit) zeigte sich zunehmend beunruhigt, aufgrund ihrer sozialistischen, feministischen, pietistischen und orthodoxen Züge. Die erste Ausgabe des Organs für den 'Verein für Gemeindetage' 'Briefe', brieven, erschien 1918. Es gab Ausschüsse, die sich auf Bibelstudien richteten, andere auf die Organisation von Sommerlagern für junge Leute, den Pazifismus, und andere Angelegenheiten.

 

In Giethoorn gründete Hylkema eine Korbflechterschule. Er war auch der Initiator für die Hilfe für die Russland-Mennoniten, die nach der Revolution von 1917 unter schweren Verfolgungen litten. Eine von ihm verfasste Schrift zu diesem Thema erlebte mehrere Neuauflagen, und erschien auch auf Deutsch. Er war eine große Hilfe bei der Emigration von hunderten Mennoniten nach Nord- und Südamerika, aus Rotterdam. Nach der Wirtschaftskrise von 1929 bekamen auch verarmte niederländische Familien Hilfe. Während des Zweiten Weltkrieges organisierte er einen Transport nach London für jüdische Kinder, und Unterstützung für Flüchtlingslager in den Niederlanden.

 

Nachdem er der Gemeinde Giethoorn als Prediger gedient hatte, wurde er zu diesem Amt nach Amersfoort und Amsterdam berufen. Er diente der niederländischen mennonitischen Friedensorganisation als Präsident, und arbeitete für die Bibliothek des Friedenspalastes in Den Haag. Er schrieb für die 'Brieven', veröffentlichte mehrere Bücher, und war einer der Redakteure für das Mennonitische Gesangbuch (1944). Seine Arbeit für die 'Gemeentedagbeweging' festigte die internationalen Beziehungen, und lieferte einen Beitrag zur Erweiterung des Aufgabenbereichs der  ADS, 'Algemene Doopsgezinde Sociëteit'.

 

Er verhalf zu einer 'Stärkung der Gottesdienste' (hauptsächlich durch die Unterstützung des Seminars) und Unterstützung der materiellen, ethischen und religiösen Interessen der Mennoniten, und deren Vertretung.

 

Tjeerd Hylkema war ein bescheidener Mann, der trotz seines schwachen Gesundheitszustandes viele seiner Ideale in die Tat umsetzen konnte. Er war eine große Hilfe für die niederländischen Mennoniten, auf ihrem Weg in das zwanzigste Jahrhundert.   

 

 

Bauherr und Künstler

Autor: Paul F. Thimm
Übersetzung: Martje Postma 

In Danzig finden sich Spuren einer mennonitischen Familie der Baumeister und Künstler entstammten, der Familie van den Blocke. Die Hansestadt Danzig (Gdansk) war eine der reichsten und schönsten Städte in Nordeuropa.

 

Willem war der Sohn des Bildhauers François van den Blocke, aus Mechelen in Belgien. Zusammen mit seinem Bruder Egidius zog Willem nach Danzig, wo fähige Handwerker gesucht wurden, die den Stolz der Stadt in Bauwerke umsetzen konnten. Sein hervorragendster Auftrag war das Hohe Tor, der Anfang des 'Königlichen Weges' durch die Innenstadt. Er verzierte dieses in Stein, mit den Wappen von Polen, Preußen und dem Wappen der Stadt. In Oliva erbaute er die Grabstätte der Familie Kos. In Königsberg gibt es eine weitere von ihm erstellte Grabstätte.

 

Willems Sohn Abraham, Architekt und Steinmetz war an dem Bau des Artushofes und des Neptunbrunnens beteiligt, und er war der Baumeiste der Marmorgrabstätte für den Marquis Bonifacio in der Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit. Er entwarf ebenfalls die Baupläne für das Goldene Haus des Bürgermeisters Speimann und das Goldene Tor. Willems zweiter Sohn, Isaac, malte Gemälde in St. Katharinen und im Rathaus, und Darstellungen auf dem Altar und der Kanzel in St. Marien. Zusammen mit einem weiteren Sohn, Jacob, Zimmermann, arbeiteten sie an den Triumphbogen für König Sigismund.

 

Neuankömmlinge in Danzig, wie Egidius und Willems Söhne Abraham, Jacob und David, erlangten die Bürgerrechte, indem sie den Eid auf die Stadt ablegten. Das könnte sehr gut der Grund dafür sein, dass sie Lutheraner wurden, denn Mennoniten dürfen keine Eide schwören.

 

Vermutlich blieben Willem und sein Sohn Isaac Mennoniten. Ein Anzeichen dafür ist, dass Willem seine drei Söhne nach den Erzvätern benannte. Seine 'Vermeulen-Bibel' ist ebenfalls ein Zeichen dafür, denn was den Text angeht, kommt dieser überein mit der mennonitischen 'Biestkens-Bibel'. Der Danziger Kaufmann Krijn Vermeulen ließ diese Bibeln für seine niederländisch-sprachigen Glaubensgenossen drucken. Auf Willems Ausgabe sind sein Name und das Jahr 1607 eingedruckt.

 

Isaac ersuchte darum, sein Handwerk ausüben zu dürfen, ohne den Eid ablegen zu müssen. Sein Täufertum kann ebenfalls auf seinem Gemälde im Rathaus abgelesen werden. Gott ist darin nicht abgebildet, sondern nur angedeutet, mit einem Arm, der aus dem Himmel kommt, und dem Tetragrammaton.

 

Quellen:

Horst Penner, 'Niederländische Täufer formen als Baumeister, Bildhauer und Maler mit an Danzigs unverwechselbarem Gesicht', in: Mennonitische Geschichtsblätter (MGB), 26.Jg. 1969, S. 12 – 26.

Horst Penner 'Kunst und Religion bei Wilhelm und Isaac von dem Block', in:MGB 27.Jg. 1970, S. 48 – 50.

Rainer Kolbe, 'Wie mennonitisch war die Danziger Künstlerfamilie von Block?', in: MBG 66. Jg. 2009, S. 71 – 84.

Rainer Kolbe, 'Die Vermeulen-Bibel des Wilhelm von den Blocke von 1607', in: MGB 67. Jg.2010, S. 69 – 75. Nachtrag zu dem Artikel „Wie mennonitisch war die Danziger Familie von Block?“, in:MGB 66 (2009).

 

'Ein Mann mit einer Mission'

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Jacob Hoeppner war ein mennonitischer Unternehmer im polnischen Preußen, der eine aktive Rolle in der Umsiedlung der Mennoniten in das russische Zarenreich spielte. Er war einer der Ersten, der von der Möglichkeit und dem Nutzen einer mennonitischen Migration überzeugt war. Mit dieser Haltung inspirierte er andere weniger entschlussfreudige Vertreter der Gemeinde. Seine Zielstrebigkeit und seine Unterstützung für eines der Hauptprojekte einer Umsiedlung bildeten den Grundstein für einen neuen Abschnitt in der Geschichte der europäischen Mennoniten.

 

Hoeppner war ein Unternehmer, der einen kleinen Laden mit Wirtsstube in Danzig gemietet hatte und betrieb. Georg von Trappe, der Gesandte der russischen Regierung, der zufällig als Kunde zu Hoeppner kam, war von seiner Geschäftstüchtigkeit beeindruckt. Er überbrachte Neuigkeiten über die Manifeste der Zarin Katharina der Zweiten, und über die Möglichkeiten für eine Übersiedlung der Mennoniten. Als die Lebensumstände für Mennoniten im polnischen Preußen sich unter Friedrich dem Zweiten verschlechterten, ermunterte die Danziger Mennonitengemeinde Hoeppner und seinen Kollegen Johann Bartsch zu einem Besuch nach Russland zu fahren. Das Ziel dieser Reise war, die Bedingungen für eine Übersiedlung zu klären, und geeignete Ländereien für die Besiedelung zu finden. Im Herbst 1786 fuhren Hoeppner und Bartsch nach Russland. Sie begutachteten einen Landstrich in der Nähe von Beryslaw. Im Frühjahr des Jahres 1787 wurden die 'Privilegien' verfasst, als Ergebnis der Verhandlungen mit dem Staatsmann G. Potemkin. Das Dokument wurde im Jahre 1788 von Katharina der Zweiten unterschrieben.

 

Die Privilegien versprachen den Neusiedlern günstige Bedingungen. Diese beinhalteten Religionsfreiheit und Selbstverwaltung und begünstigten ein Leben in freier Entfaltung wirtschaftlicher Tätigkeiten. Indem die Abgesandten diese Privilegien unterschrieben, sicherten sie auch ihre persönliche Zukunft. Wie in dem Dokument festgelegt, erhielten sie selber das Recht, die mit staatlicher Hilfe zu bauenden Mühlen, zu vererben, und Geschäfte, Brauereien und Essigwerke zu besitzen.

 

Die erste Siedlergruppe kam in 1787–1788 in Russland an. Während ihrer Reise nach Beryslaw änderte die russische Regierung den Ort für die mennonitische Ansiedlung, aufgrund der Drohungen aus dem Ottomanischen Reich. Die neuen Ländereien in Chortitza waren nicht so fruchtbar wie die in Beryslaw, und die Mennoniten beschuldigten Hoeppner und Bartsch des Betrugs. Hoeppner wurde aus der Gemeinde ausgeschlossen und ins Gefängnis gebracht. Doch als der neue Zar, Alexander der Erste, an die Macht kam, wurde Hoeppner wieder in die Gemeinde aufgenommen. Er verlebte seine letzten Jahre in der Kolonie Kronsweide.

Nach Auskunft des Freiluftmuseums 'Mennonite Heritage Village' in Kanada erhielt das Grab von Hoeppner 1890 ein Monument, als Denkmal für eine neue Phase in der Geschichte der europäischen Mennoniten. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde es aus der Ukraine nach Kanada verlegt.

Unternehmer und Reformer

Autorin: Nataly Venger
Übersetzung: Martje Postma 

Johann Cornies war eine Persönlichkeit, die weithin Vertrauen genoss bei den  Mennoniten, seine Laufbahn verlief im Dienste der russischen Regierung. Die Regierung unterstützte Cornies als ein Verfechter von Reformen. Seine Wertvorstellungen unterschieden sich von denen des geistlichen Leiters J. Warkentin, der darauf bestand, dass die Gemeinden isoliert bleiben müssten, und eine Zusammenarbeit mit der russischen Führungselite ablehnte. Die öffentliche Unterstützung, die Cornies erhielt, beruhte auf  seinem Erfolg als Unternehmer. Er betrieb Handel, Schafzucht und Brauereien, ihm gehörte ein kleines Unternehmen. Die Gewinne seines landwirtschaftlichen Betriebes investierte er in die Entwicklung der Industrie, ein zukunftsweisender Faktor zum Erfolg für die Kolonien.

 

Leiter von Siedlungen und von Gesellschaften

Johann Cornies begann seine Laufbahn im Jahre 1817, als das Komitee der Aufsichtsbehörde ihn zum Leiter der neuen Danziger Siedlungen ernannte. Danach war er für die Kolonien der Auswanderer aus Wittenberg zuständig. Ab 1825 arbeitete er an dem 'Projekt Nogay', einem Programm das auf die Zivilisierung der Nogay Tataren abzielte. Cornies erwies sich als außerordentlich begabt in der Verwaltung, geprägt von Toleranz und seiner Fähigkeit, die Forderungen der russischen Regierung mit den Bedürfnissen einer traditionsverbundenen Gesellschaft zu verbinden.

Als Vorsitzender der 'Gesellschaft für Forstwirtschaft' (1830) und der 'Gesellschaft für Agrikultur'(1836) hatte er eine glückliche Hand in der Begleitung vieler Projekte für den wirtschaftlichen Fortschritt. 'Die Gesellschaft für Agrikultur' gab existierte bis 1871.

 

Innovationen und Neu-Halbstadt

In der Zeit, als die Zahl der landlosen Bevölkerung anstieg, stellte Johann einen neuen Plan vor, der darin bestand, kleine Grundstücke im Umkreis der Kolonien an Gemeindeglieder zu vergeben. Er machte dazu eine Schenkung von 100.000 Rubel aus seinem persönlichen Besitz für die Gründung einer neuen Kolonie namens Neu-Halbstadt.

Cornies war ein Privatbankier an mennonitische und deutsche Unternehmer, russische Großgrundbesitzer und Politiker Geld verlieh, er brachte Gemeinden dazu jungen Unternehmern Kredit zu geben. Johann stellte ein Programm auf, in dem mennonitische Handwerker bulgarischen Jungendlichen ein Handwerk lehrten. Er reformierte das Schulwesen mit Erfolg.

 

Zukunftsweisend

Cornies glaubte, dass das Ziel der mennonitischen Ideologie? War, die Siedlung beisammenzuhalten, und Gerechtigkeit innerhalb der Gemeinde walten zu lassen. Seine Grundsätze beruhten auf den Einfluss seiner pietistischen Werte. Auch wenn er ein autoritärer Leiter war, erreichte er positive Veränderungen innerhalb der Kolonie. Er war davon überzeugt, dass die Zukunft der Kolonie in einem modernisierten Russland von den marktwirtschaftlichen Entwicklungen innerhalb der Siedlungen beruhte. Daher waren die meisten seiner Projekte auf den zukünftigen Erfolg gerichtet. Die Ergebnisse seiner Projekte waren positiv und erwiesen ihren Wert in der darauffolgenden Dekade.

'Der Mennisten-Papst'

Autorin: Annelies Vugts-Verbeek
Übersetzung: Martje Postma 

Müller wird heutzutage als einer der einflussreichsten akademischen Lehrer am Taufgesinnten Seminar in der Geschichte der niederländischen Mennoniten gesehen. Zu seiner Zeit wurde er spöttisch als 'Mennisten-Papst' oder 'Haupt der Kirche' bezeichnet. Seine wachsende Autorität und sein wachsender Einfluss stand in einem Spannungsverhältnis zu der autonomen und anti-autoritären 'Eigen-Art' der Mennoniten. In der Hinsicht war er eher ein Repräsentant des neunzehnten Jahrhunderts als jene liberalen Mennoniten, die sich in dem Gedankengut des aufgeklärten achtzehnten Jahrhunderts zuhause fühlten.

 

Von Krefeld nach Amsterdam

Der Deutsche Müller kam mit einem Stipendium aus Krefeld nach Amsterdam (1801), um zum mennonitischen Prediger ausgebildet zu werden. Die Feinheiten des Amts lernte er in der Kleinstadt Zutphen (1806). Danach amtierte er als Prediger in den weit angeseheneren Gemeinden Zaandam-Oostzijde (1809) und Amsterdam (1814). In 1827 wurde er zum akademischen Lehrer am Taufgesinnten Seminar ernannt, wo er mehr als 30 Jahre lehrte. Dort war er schon eine Weile im Vorstand tätig gewesen.

 

Emanzipation

Unter seiner Leitung wurde das Taufgesinnte Seminar zunehmend zu einer professionellen Einrichtung. Am Ende diese Prozesses hatte das Seminar ein gleich hohes Ansehen wie die Ausbildung der Niederländisch Reformierten Theologen an dem Vorläufer der Universität Amsterdam. Die Mennoniten selbst verfügten immer über einen höheren Bildungsstand, sie spielten eine anerkannte Rolle in der Gesellschaft und im Kulturleben, zum Beispiel in Verbänden und Verlagen. Daher brauchten sie gut ausgebildete Prediger, die lehrreich und stimulierend predigen und an den maßgebenden kulturellen Netzwerken teilnehmen konnten. Diese Mennoniten wollten sich in die Gesellschaft eingliedern. Von den Reformierten unterschieden sie sich in ihrem Anti-Dogmatismus und dem Nachdruck auf die Bibel als einzige Autorität.

 

Kritik

Viele seiner Schüler waren treibende Kräfte für diese mennonitische Emanzipation. Dennoch wurde auch Kritik am 'Mennonitsein' Müllers laut. Kollegen wie Joost Hiddes Halberstma (1789) vermisste den alten Liberalismus und die mennonitischen Eigenheiten (Folklore), und Jan de Liefde (1814-1869) war stärker orthodox und pietistisch eingestellt. De Liefde verließ die Mennoniten. Andere, wie ein Teil der Gemeinde Balk, siedelten ins Ausland über, um dort ihren Glauben zu leben.

 

Erben

Man könnte sagen, dass die heutigen niederländischen Mennoniten eher die Erben von Müller als von Menno Simons sind. Mit Müller betraten die Mennoniten ein neues Zeitalter, das sie auf den Modernismus vorbereiten sollte. Das war eine theologische Strömung, die sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gegen alle Dogmen richtete, sogar den Glauben an Gott. Müller, fast neunzig Jahre alt, war schockiert von dieser neuen Strömung, er, der er doch selbst unwissentlich die Türe geöffnet hatte.

 

Quelle: Annelies Verbeek, 'Menniste Paus', Samuel Müller (1785-1875) und seine Netzwerke, Hilversum 2005.