Kultur

Sich widmen

Autorin: Lydia Penner
Übersetzung: Martje Postma 

Niederländische Mennoniten sind sehr aktiv, wie in den Niederlanden allgemein üblich. Sie sind überzeugt davon, dass sie Verantwortung übernehmen müssen, für sich selbst, und für die Gesellschaft in der sie leben.

 

Sich bekennen

Es gibt kaum einen Beruf oder eine Sparte, in der keine Mennoniten tätig sind. An ihrem Arbeitsplatz sprechen sie über ihre Werte. Ihre Kinder besuchen zumeist staatliche Schulen, da deren Eltern ihnen lieber die eigene christliche Lebensform vermitteln wollen. Oft sind sie die einzigen Kinder in ihrer Klasse, die im Christentum beheimatet sind. Dies führt dazu, dass sie schon mal nach ihrer Kirche und ihrem Glauben gefragt werden.

 

Geburtstage

Mennonitische Kinder sind aktiv in Sport und Musik und beim Theaterspielen, bei Aktivitäten, die ihre persönliche Entwicklung fördern. Viele von ihnen sind ebenfalls außerdem aktiv in ihrer Sonntagsschule. Um einen Beitrag zu leisten bei einer Organisation, die Geburtstagspakete für Familien mit geringem Einkommen gestaltet, backten Kinder in Den Haag Gebäck, das sie nach dem Gottesdienst verkauften. In den Niederlanden wird großer Wert auf eine Geburtstagsfeier gelegt, was unter anderem bedeutet, das Kinder etwas Leckeres für ihre Klassenkameraden mitbringen. Mit diesen Paketen können Kinder aus armen Familien ihren Geburtstag so feiern wie alle anderen Kinder auch.

 

Fahrradfahren

Mennoniten aller Altersgruppen sind begeisterte Fahrradfahrer. Mit dem Fahrrad unterwegs zu sein ist ja auch die schnellste und billigste Art, sich in einem dicht bevölkerten Land fortzubewegen, es ist gesund und besser für die Umwelt. In Joure, einer kleinen Stadt in Friesland, hat die Jugend eine Radtour auf den Spuren von Menno Simons organisiert, von seinem Geburtsort Witmarsum nach Bad Oldesloe, wo er gestorben ist. Mit der Unterstützung von Sponsoren sammelten sie Geld für eine Behindertenwerkstatt in einem nahegelegenen Dorf.

 

Ehrenamtlicher Einsatz

Wie Christen aus anderen Kirchen auch übernehmen mennonitische Eltern, Senioren und Alleinstehende aller Altersgruppen viele ehrenamtliche Aufgaben, nicht nur in ihrer eigenen Gemeinde, sondern auch an ihren Wohnorten. Sie sind z.B. als Gastgeber in Museen tätig, sie besorgen Blumen für Krankenhäuser und Altenwohnheime, und bringen Patienten zu gemeinsamen Aktivitäten. Sie besuchen Menschen, die wenig Kontakte haben, machen Besorgungen und erledigen Handwerkliches für Menschen in ihrer Nachbarschaft, die ihre Wohnung nicht verlassen können, und stehen Verwandten und Nachbarn bei, wenn diese in Not sind – eine Vielzahl an Aufgaben. Einige Gemeinden, wie Zaandam, Surhuisterveen, Rottevalle und Drachten, engagieren sich bei der Flüchtlingsarbeit im Lande.

 

Beruf und Berufung

Autorin: Beate Zipperer

Der Alltag mennonitischer Familien unterscheidet sich nicht wesentlich vom Alltag anderer Familien. Man lebt und arbeitet in den Familien, wie es überall üblich ist. In vielen Familien hat aber das gemeinsame Beten nach wie vor einen besonderen Platz. Man liest gemeinsam in der Bibel und betet miteinander, um den Tag zu beginnen bzw. abzuschließen und um sich bewusst zu machen, dass wir allein von Gottes Gnade abhängig sind. Auch heute noch sind viele Mennoniten im südlichen Teil Deutschlands im landwirtschaftlichen Bereich tätig.

 

Landwirtschaft

Das liegt nicht zuletzt daran, dass König Maximilian IV Joseph im 19. Jahrhundert alles daran gesetzt hat, Mennoniten im Süden des Landes, in Bayern, Baden-Württemberg und der Pfalz anzusiedeln, um die freien Flächen zu bewirtschaften. Seitdem werden Höfe von Generation zu Generation oder innerhalb der Gemeinde weitergegeben. Das Leben auf den landwirtschaftlichen Betrieben unterliegt dem Rhythmus der jahreszeitlichen Arbeiten und ist geprägt von reger Betriebsamkeit. Sowohl dem Menschen als auch der Schöpfung und damit Gott dienen, ist eines der Hauptziele in der Tradition mennonitischen Ackerbaus. Eine große Herstellerfirma von landwirtschaftlichen Maschinen und Fahrzeugen im Süden des Landes hat ihre Wurzeln in dieser Tradition und füllt zudem die Geschäftsidee mit den Grundwerten des biblisch begründeten Menschen- und Gesellschaftsbildes.

 

Berufe Heute im Bewusstsein der Mission

Heute arbeiten und engagieren sich viele Mennoniten auch im sozialen und medizinischen Bereich. Pflegerische und heilende Berufe sind in den Gemeinden daher weit verbreitet. Dem biblischen Auftrag ‘einander zu helfen, sich gegenseitig zu unterstützen und in Liebe füreinander zu sorgen‘, wird damit ein hoher Stellenwert eingeräumt und ihm nachgekommen.

Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass sich die Wahl eines Berufes heutzutage nicht mehr nur an den mennonitischen ‘Traditionen‘ orientiert, sondern dass Mennoniten ihren Auftrag ‘Jesu Liebe weiterzutragen‘ in allen beruflichen Feldern des gesellschaftlichen Lebens leben.

 

Arbeit

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma 

Die Kolonien der Mennoniten im russischen Zarenreich lagen in Gebieten, wo die Landwirtschaft schwierig war. Trockenperioden und extreme Dürren machten die Felder manchmal zu einem Bild des Jammers. Doch in guten Jahren wuchsen Roggen und Weizen hüfthoch. Die Ernten der Mennoniten wurden mit einem Minimum an Verlusten eingefahren. Sie bereiteten ihre Geräte und Landwirtschaftsmaschinen mit äußerster Sorgfalt vor. Alles Gerät musste bis zum Mittsommertag (24. Juni) instand gesetzt sein. An jenem Tag wurden die 'lobogreykas'(Mähmaschinen), Wagen voller Heugabeln, Rechen, Essen und Trinken auf die Felder gefahren. Die Mennoniten und ihre Arbeiter mähten das schwankende Korn in Reihen und schichteten es auf große Stapel. Diese Arbeit erforderte Übung und Körperkraft, da die Maschinen ununterbrochen arbeiteten, nur unterbrochen von einer Pause für das Mittagsmahl.

 

Übernachtung auf den Feldern

Die Erntearbeit dauerte den ganzen Tag. Um keine Zeit zu verlieren schlugen die Mennoniten ihr Nachtlager auf dem Felde auf, es gab aber auch Wagen, die ins Dorf zurückfuhren. Diese holten Essen und Wasser für den kommenden Tag. Durch diese genaue Zeitplanung war sichergestellt, dass die Ernte innerhalb von 6 bis 8 Tagen eingefahren werden konnte.

 

Dreschen

Andere, die im Dorf geblieben waren, bereiteten sich dort auf  das Dreschen vor. Sie machten Gebrauch von 'garbos'- großen Wagen. Diese wurden gebraucht für den Transport von gepressten Weizenballen an einen Ort, wo Dreschsteine von zwei Pferden, die im Kreis liefen, bewegt wurden. Kurze Stecken ('Langwieds'), die die hinteren und vorderen Räder miteinander verbanden, wurden ersetzt durch lange. Die Mennoniten befestigten ebenfalls 1,5 m hohe Leitern an beiden Seiten. Maschinen zum Säubern des Getreides wurden von Hand bedient. Der Dreschvorgang dauerte 8 bis 10 Tage, und war immer bedroht durch jähe Wetterwechsel.

 

'Ein Tag nährt ein Jahr'

Im Laufe der Zeit zog der technische Fortgang bei den Mennoniten ein, und zeigte seinen Einfluss auf die Kolonien. Mehr und mehr benutzten die Mennoniten  Dreschmaschinen. Diese waren ziemlich teuer, und daher mieteten die Mennoniten sie oft für einen Tag oder mehrere Tage. Um mit der großen Arbeitslast in wenigen Tagen fertig zu werden, stellten die Bauern 10 – 15 Hilfskräfte ein, Ukrainer aus nahegelegenen Dörfern. Diese mussten schwer arbeiten, von 3 oder 4 Uhr frühmorgens bis 10 oder 11 Uhr abends. Doch die Arbeit wurde gut bezahlt und die Mennoniten versorgten ihre Hilfskräfte mit gutem Essen. Da gab es keine Streitigkeiten, denn es war allen klar, dass ‘ein Tag ein Jahr nährt’. Die Ernte war eine schwere doch bedeutsame Zeit im Verlauf des Jahres. Es gab den Mennoniten Hoffnung für das kommende Jahr und erfüllte ihr Leben mit großer Freude.

 

Bild: John A. Lapp, C. Arnold Snyder eds.: Testing Faith and Tradition. Global Mennonite History Series: Europe. (Good Books, PA, 2006).

Räume für Gottesdienst, Gebet und Gemeinschaft

Autorin: Beate Zipperer

Heutzutage ist es völlig normal, dass Gemeinden eigene Gemeindezentren besitzen. Also Räume, in denen sich das Gemeindeleben abspielt. Genauso normal ist es auch, sich mit anderen Gemeinden Räume zu teilen. Doch im Verlauf der mennonitischen Geschichte gibt es eine reichhaltige Liste von Räumen, in denen sich Gemeinden versammelten. In Zeiten der Verfolgung traf man sich in verborgenen Höhlen oder unter großen alten Bäumen, manchmal einfach auch auf weiter Flur oder sehr heimlich in Privatquartieren der Gemeindeglieder. Das gilt auch für Gemeinden im südlichen Deutschland. Später fanden die Gemeinde-Treffen in gewöhnlichen Gebäuden statt. Das konnten Höfe, Häuser, Wirtschaften, Scheunen, Lagerhallen oder jedes andere Gebäude sein.

Es entwickelte sich keine eigene ‘mennonitische Architektur‘ im eigentlichen Sinne, obwohl man ’klassische‘ Merkmale in mennonitischen Versammlungs- und Bethäusern findet. Diese Merkmale entstanden, weil der Versammlungsort von der Theologie, von der gottesdienstlichen Praxis, sowie den wirtschaftlichen und politischen Einschränkungen der Glaubensgemeinschaft bestimmt wurde. All diese von Gemeinden genutzten Räume erfüllen einen einzigen, aber wesentlichen Zweck: die Gemeinde versammelt sich darin, um Gottes Wort zu lesen, von Gottes Wort zu hören, Gottes Wort auszulegen und um Gottes Wort mit Leben zu füllen. Folgerichtig werden Taufe und Abendmahl darin gefeiert ebenso wie gemeinsame Mahlzeiten eingenommen. Je nach Gemeindegröße entwickeln sich Möglichkeiten neue Versammlungsräume, nach den gemeindeeigenen Bedürfnissen zu errichten oder Räume anzumieten, die den Gemeindeansprüchen dienen. Einige Gemeinden in Süddeutschland haben eigene Gemeindezentren (z.B. Ingolstadt, Regensburg). Andere sind in ‘Untermiete‘ bei anderen Gemeinden (z.B. Augsburg, München).

 

Keine heilige Orte

Die genutzten Räume sind also keine ‘ausschließlich heiligen Orte‘, sondern es sind meist überdachte Räume, an denen die Gläubigen Gott und einander dienen. Die Beziehungen zwischen Menschen innerhalb der Gemeinde prägen die Atmosphäre der Räumlichkeiten und bringen sichtbar und spürbar die gelebte Beziehung zu Gott und zueinander zum Ausdruck. Gottesdienst und Versammlung der Gemeinde in Jesus Christus verleihen dem Ort, dem Raum also seine Bedeutung.

 

Offene (W)Orte als Chance

Im Jahr 2013 öffneten wir unsere Räume für die Mittagsbetreuung von Schulkindern, da die Stadt die Schule umbauen und sanieren musste. Es ergaben sich gute Gesprächsmöglichkeiten mit Verantwortlichen der Stadtverwaltung ebenso wie zu Betreuern, Eltern und Kindern, die über drei Monate in unserem Gemeindezentrum zu Gast waren. Offene Orte können also eine Chance sein, offene Worte über Jesu Rettungsbotschaft (wieder) neu ins Bewusstsein anderer Menschen zu bringen.

Bauten und Bauweisen

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma 

Die mennonitische Einstellung ist auf Rationalismus begründet. Die Kolonien bestanden aus dicht beieinander gelegenen Dörfern. Die Siedlungen, durch Straßen verbunden, wurden nah an den Ufern kleinerer Flüsse gebaut. Sie wurden entsprechend offiziell genehmigter Pläne gebaut, angepasst an die Landschaft. Die Kolonien entwickelten ihre Infrastruktur nach und nach: Handwerksbetriebe, Fabriken, Geschäfte, Kirchen und Schulen.

 

Gut gepflegt und ordentlich

Die Mennonitendörfer waren angelegt entlang einer Straße, der Hauptstraße, die gepflastert war. Es gab Gräben für das Auffangen von Regenwasser und gepflasterte Fußwege. Die Straße sah gepflegt und ordentlich aus. Alle Kolonien hatten große Grünflächen und Gärten. Die Vorgärten waren voller Blumen. Ein Bethaus oder eine Kirche und eine Schule befanden sich mitten in der Siedlung. Die Schule war häufig ein zweistöckiges Gebäude mit großen Fenstern, bequemen Stühlen und gefliesten Böden.

 

Das Material

Es gab Fachwerkhäuser, Häuser aus Lehm und aus gebrannten Zielen. Der Kamin  war fest mit  dem Dachboden verbunden, für bessere Wärmenutzung und Wärmeleitung. In ihren Kaminen hatten die Mennoniten traditionell eine Räuchervorrichtung. Die Giebel der Häuser waren 9 m hoch, aus Backstein gemauert. Die Fußböden waren meistens gestrichen. Fußböden ohne Anstrich wurden von den Hausfrauen gewischt und geschmirgelt. Jedes Haus hatte einen Keller – quadratisch oder mit gewölbter Decke. Die Wände und Decken waren gefliest und aus Backsteinen gemacht. Manche Mennoniten hatten gestampfte Lehmböden.

 

Die Aufteilung der Höfe und Häuser

Die Höfe waren 40 m breit und 100 – 120 m lang. Die Bauernhöfe waren getrennt durch Zäune, die zweimal jährlich geweißelt wurden. Die meisten Gebäude waren einstöckig, 9 bis 18 m in der Breite, und standen mit der Vorderseite zur Hauptstraße. Alle Häuser hatten zwei Eingänge. Die Haustür ging zum Garten. Eine andere Tür führte durch einen Gang zu einer Scheune, und dann einer zweiten Tür, einige Meter von der Haustür entfernt. In manchen Häusern gab es vier Räume, die um den Herd angeordnet waren, der sich in der Mitte des Hauses befand. Die Häuser hatten vier Abteilungen innerhalb des Gebäudes: zwei Gemeinschaftsräume und zwei Räume wo gewohnt und gekocht wurde. Ausziehbetten ('Schlopani'), Wandschränke, Sofas, Holzbänke, zweitürige Hängeschränke und Truhen gehören zu den traditionellen Möbelstücken.

 

Brunnen

Brunnen befanden sich in den Gärten und Ställen. Wenn ein Dorf kein sauberes Wasser hatte, richteten die Mennoniten Wasserbehälter mit Holzdeckeln ein, und füllten sie mit gefiltertem oder destilliertem Wasser. Brunnen wurden auch am Rande  der Straßen eingerichtet.

Die Kirchenskulptur in Witmarsum

Autor: Gerke van Hiele
Übersetzung: Martje Postma 

Am Denkmal für Menno Simons (1878) an der Straße It Fliet in Witmarsum ist eine Kirchenskulptur errichtet worden (2008). Der Architekt ist Joute de Graaf, zu dem Zeitpunkt der Vorsitzende der Stiftung für Mennonitische Denkmäler, 'Stichting Doopsgezinde Monumenten', in Friesland. Es ist eine Wiedergabe der Umrisse der alten Predigtstätte, 'Minne Siemens oud preeckhuis', die ursprüngliche 'Ermahnung' ( in den Niederlanden gebräuchliche Bezeichnung für mennonitische Kirchen) wurde in 1879 abgebrochen. Es wurde darauf Wert gelegt, dass es keine umschlossene Kirche geworden ist, sondern vielmehr ein offener Raum, in dem Licht, Wind und Regen offenes Spiel haben. Neben einer Pilgerstätte ist Witmarsum jetzt noch mehr zu einem offenen Ort der Besinnung und Begeisterung in der Weite der friesischen Landschaft geworden.

 

Spiritualität

Für viele ist diese Kirchenskulptur eine gute Anregung, über die Bedeutung der mennonitischen Tradition nachzudenken. Die Kirche ist eine Station eines Meditationsweges in Mennos Herkunftsland, der drei zentrale Momente seines Lebens berührt. Der Weg beginnt bei der Domkirche in Witmarsum, es ist der Ort wo Menno damals, im Jahr 1536 die Tür hinter sich verschloss. Dieser Augenblick kennzeichnet die täuferische Bewegung als eine Bewegung der Erneuerung. Darauf folgt die alte kleine versteckte Kirche in Pingjum, der Ausdruck einer Geschichte der Verfolgung und der Zerrissenheit. Die Täufer wurden zu den 'Stillen im Lande'. Zum Schluss erinnert die offene und vielfarbige Kirchenskulptur uns an unseren Auftrag, uns auf die Suche zu machen nach einer zeitgemäßen Gestaltung unseres Gemeindelebens, wo immer wir wohnen auf der Welt.

 

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Früher kamen ausländische Besucher voller Erwartung an diesen Ort, doch verließen ihn ein wenig enttäuscht. Neben dem Denkmal steht dort jetzt diese kleine, stilvolle und offene Kirche, als Hinweis auf die täuferische Art und Weise, Kirche und Gemeinde zu sein. Das Gerippe steht da. Für uns kommt es darauf an, voller Vertrauen weiterzubauen an einer authentischen Glaubens- und Lebenspraxis.

 

Täuferische Merkmale

Selbstverständlich kann man bei diesen täuferischen Konturen zunächst einmal an die   Shared Convictions, die gemeinsamen Grundlagen (MWC 2009), denken, doch ebenso an die verschiedenen Strukturelemente unserer Tradition, wie Taufe und Abendmahl, Jüngerschaft, selbständige Gemeinden, Friedensarbeit usw. Daneben könnten wir auch an die sieben von Augsburger genannten Glaubenspraktiken denken: radikale Verbundenheit, feste Treue, stetige 'Gelassenheit', gelebte Demut, robuste Gewaltlosigkeit, konkrete Dienste, ein authentisches Zeugnis.

 

Referenzen: David Augsburger, Dissident discipleship, A spirituality of self-surrender, love of God and love of neighbor, (Grand Rapids 2006). F.Stark, E.J.Tillema (Hrsg.)

Kracht van een minderheid (Zoetermeer 2011). G.J.J. Van Hiele, 'De zevensprong. Over doperse spiritualiteit', in Doopsgezinde Bijdragen 34 (2008), 127-152.

 

 

Pax-Boys – Die Friedensengel

Autorin: Isabell Mans

‘Sie waren Engel für die Menschen‘, sagte Ruth Wedel, eine Zeitzeugin. Die Friedensengel waren junge Männer, die in den USA Kriegsdienst verweigert hatten und nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland neue Häuser bauten. Sie absolvierten ihren Friedensdienst mit der Hilfsorganisation Mennonite Central Comittee (MCC).

 

Liebe als Lebensphilosophie

Der Amerikaner Roger Hochstetler kam 1951 nach Deutschland, um den Deutschen seine Solidarität zu zeigen. Obwohl die Deutschen den Krieg angefangen hatten und viel Leid bei Amerikanern und anderen Völkern verursacht hatten, fühlte sich Hochstetler mit seinen christlichen Geschwistern in Deutschland verbunden. Viele Amerikaner hatten Vorbehalte gegenüber Deutschen, aber Hochstetler sagte: ‘Liebe war schon immer meine Lebensphilosophie. Wir bauten in Deutschland Häuser, um Opfern des grausamen Krieges zu helfen.‘

Die Pax-Boys bauten in ganz Deutschland Siedlungen für mennonitische Flüchtlinge aus West- und Ostpreußen oder der ehemaligen UDSSR, z.B. in Neuwied, Wedel oder Lübeck. Innerhalb dieser Siedlungen entstanden neue mennonitische Gemeinden.

 

Botschafter im Namen Christi

‘Im Namen Christi‘ (so das Motto des MCC) kamen die Pax-Boys Anfang der 1950er nach Deutschland. Sie wollten „Botschafter des Friedens“ sein: Die jungen Männer lebten in Deutschland in einfachsten Unterkünften, verzichteten auf ihren Lohn und bezahlten selbst noch 75 Dollar pro Monat, um Teil des Projektes sein zu dürfen.

Dwight Wiebe schreibt:

 

Frieden bedeutet eine Zeit für Heilung, Zuwendung und Wiederherstellung. … Ich kam im Februar 1954 in Europa an. Hier traf ich 30 junge Männer zwischen 18 und 22, die nach Deutschland gekommen waren, um ihren christlichen Glauben in die Tat umzusetzen. Alle waren bereit, Botschafter des Friedens zu werden.

 

Ohne Anleitung oder professionelle Unterstützung gruben sie Keller und Fundamente und errichteten Häuser mit den einfachsten Mitteln. Selbst lokale Reporter staunten, warum hier Menschen in der Kälte ohne Gehalt für fremde Menschen – ehemalige Feinde – Häuser bauen.

 

Frieden zum Anfassen

Für den Bau des mennonitischen Gemeindehauses in Krefeld leisteten acht Pax-Boys innerhalb von fünf Monaten 5771,5 Arbeitsstunden. Mit ihrer Hilfe war der Bau wesentlich günstiger und das Gemeindehaus konnte zügig fertig gestellt werden. In Wedel bei Hamburg wurden zwischen 1954 und 1958 neben einem Gemeindehaus noch elf Doppelhäuser gebaut. Ende der 1950er wohnten dort ca. 120 Personen, einschließlich Kinder. Hier gestalteten die Pax-Boys die Kinder- und Jugendarbeit mit und trugen auch auf diese Weise zum Gemeindeaufbau bei. Die Pax-Boys waren sichtbare Zeichen des Friedens in einer vom Krieg zerstörten Welt.

 

Barmherzigkeit üben

Autor: Michel Sommer   
Übersetzung: Martje Postma

Kurze Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg drückten französische Mennoniten ihre Nächstenliebe durch die Gründung sozialer Einrichtungen aus, die meisten davon mit der Hilfe nordamerikanischer Mennoniten. Seit damals hat sich keine große Weiterentwicklung auf diesem Gebiet getan, mit der Ausnahme des 'Treffpunkts Montbéliard', wo Menschen mit sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten seit 1996 Hilfe erhalten haben.

Jedoch hat sich die Zahl an Menschen in Not bis heute nicht verringert. Woher also dieser Mangel an Initiativen? Was sind die heutigen Herausforderungen bei der Entwicklung von Projekten, die unserer Mitmenschlichkeit Ausdruck verleihen?

 

Mangel an Initiativen

Dafür gibt es viele Gründe, doch ganz besonders sind es drei davon. Zunächst einmal ist es heutzutage sehr viel schwieriger, anerkannte soziale Aktivitäten zu entwickeln, als das vor fünfzig Jahren der Fall war.

Zweitens, der Mangel an theologischer Schubkraft, die sich in konkreten Taten manifestiert. Die nordamerikanischen Mennoniten spielten in der Vergangenheit eine Schlüsselrolle, doch die Theologie des sozialen Handelns ist offensichtlich noch nicht ganz Bestandteil unserer französischen Mennonitengemeinden geworden.

Drittens könnte man sich fragen, ob die französischen Mennoniten seit den 50er Jahren mehr oder weniger die allgemeinen Werte der Gesellschaft übernommen haben. Sie sind besser integriert in der Gesellschaft, überwiegend besser ausgebildet, so haben sie jetzt Schwierigkeiten, sich mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft zu identifizieren. Dieses Phänomen wird verstärkt durch den Kontext des dauernden Medienangebotes: 'die Medien ermöglichen uns zu sehen, und einfach wegzuschauen' (Jean-Marc Chappuis).

 

Herausforderungen

Was sind nun die Gebiete im französischen Kontext, wo Nächstenliebe auf neuere Weise ausgeübt werden könnte? Wir wollen uns dazu drei Gruppierungen mit besonderen Schwierigkeiten in der Gesellschaft ansehen.

 

Zunächst: die Fremden und Migranten. Die Erstarkung rechtsextremer Gedanken und ihr offeneres Auftreten sollte Christen dazu bringen, ihre Position neu zu durchdenken, da ihr Zeugnis der Liebe ihren Nachbarn sowohl als auch ihren Feinden gelten sollte. Leider treffen fremdenfeindliche Gedanken hier im Elsass auf fruchtbaren Boden. Sich für Fremde und Migranten einzusetzen wäre prophetisches Tun.

 

Zweitens: die Roma, eine stigmatisierte Bevölkerungsgruppe. Obwohl einige Mitglieder dieser Gruppe für unerwünschtes Verhalten verantwortlich sind, wecken aggressive Einstellungen und die zwangsweise Evakuierung einiger ihrer Niederlassungen Erinnerungen an schwarze Tage in Europa. Wenn Jesus heute in Gleichnissen sprechen würde, wäre möglicherweise ein Zigeuner dasjenige Vorbild für Barmherzigkeit, das er seinen Zuhörern zur Beachtung vorlegen würde.

 

Drittens: soziales Ungleichgewicht, die Scheidungsrate höher denn je, Individualismus als vorherrschendes Leitbild, und die Zunahme älterer Menschen. In diesem Kontext hat die Anzahl der alleinlebenden Menschen in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Alleinerziehende berufstätige Mütter, zerrieben zwischen ihrer Arbeit, den Kindern und der Erschöpfung sollten in ihren praktischen und geistigen Nöten Zuspruch und Unterstützung finden.

 

Sollten wir daraufhin den Schluss ziehen, dass es in Frankreich bei den Mennoniten keine Barmherzigkeit mehr gibt?

 

Zeugen sein von Gottes Königreich 

Autor: Fulco Y. Van Hulst
Übersetzung: Martje Postma 

Was ist die Eigenheit der niederländischen täuferischen Ethik – und wie wird sie sichtbar? Es war der geliebte Bibeltext des niederländischen Reformators Menno Simons (1496 – 1561), der die Täuferbewegung anführte:1. Kor. 3:11 ‘Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus‘. Noch immer ist Jesus der Richtungweisende für die Ethik in täuferischer Perspektive.

 

Die Bergpredigt

Die täuferische Ethik lässt sich am besten als ‘Bergpredigt-Ethik‘ kennzeichnen, oder als Ethik der Nachfolge Christi, als Vorbild für ein Leben, wie Gott es gemeint hat, so hat sie bei Mennoniten einen zentralen Ort. Und das sind dann ganz besonders die Ermahnungen Jesu in der Bergpredigt und seine Lehren in den Gleichnissen, Worte, die Jesus gesprochen hat, um damit die Aufmerksamkeit auf die Fürsorge für den Nächsten zu lenken, ganz besonders den verletzlichen Nächsten, auf die Liebe zu Gott in dem oder der Anderen, und auf die Überwindung des Bösen und der Gewalt in der Feindesliebe. Diese Leitlinien werden als Richtlinie für ‘ein gutes Leben‘ erfahren. Speziell die Friedensethik ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der niederländischen mennonitischen Ethik. Ein gutes Beispiel für die Art und Weise, wie die Mennoniten in der jüngsten Vergangenheit die Friedensethik praktizierten, ist die aktive Unterstützung von Menschen, die sich aufgrund ihrer Überzeugung dem Militärdienst verweigerten.

 

In der Welt

Das niederländische Täufertum hat sich größtenteils in einer städtischen Umgebung in den Wechselbeziehungen mit der soziokulturellen Oberschicht der Gesellschaft entwickelt. Diese Wechselwirkung mit der umringenden Kultur war viel stärker als zum Beispiel andernorts in Europa, wo die Mennoniten in einer selbstgewählten Isolierung und oft auch in einer Situation der Verfolgung lebten. Niederländische Mennoniten haben auf diese Weise die Botschaft der Gerechtigkeit und des Friedens  immer aktiv und häufig auf praktische Art in die Gesellschaft austragen können.

 

Zusammenfassend können wir sagen, dass der Nachdruck in der Situation in den Niederlanden auf der sozialen Ethik liegt: die Gemeinde als Vorbotin vom Königreich Gottes aus Gerechtigkeit und Frieden. Einerseits versuchen die Gemeinden Verantwortung zu übernehmen in der Gesellschaft und für die Gesellschaft, z.B. durch diakonische Projekte, oder indem sie sich aktiv als Friedensgemeinde profilieren. Andererseits positioniert sich die Gemeinde auch immer wieder als ‘Gegenüber’: sie versucht der Welt den Spiegel vorzuhalten, indem sie die Realität von Gottes Königreich sichtbar macht, durch ihr aktives Zeugnis von Gottes Frieden, in Worten und in Taten.

 

Toleranz und Glaubensfreiheit

Autoren: Fernando Enns, Joel Driedger

In Deutschland dürfen Glaubensgemeinschaften ihre Religion frei und unabhängig von staatlicher Kontrolle ausüben, solange sie nicht gegen das Grundgesetz verstoßen. Das bedeutet, dass auch Mennoniten ohne Einschränkung ihren Glauben ausüben können und keine Angst vor staatlicher Verfolgung haben müssen. Das war nicht immer so.

 

Mennoniten unter Druck

Vor ungefähr 500 Jahren kritisierten die ersten Täufer die damals existierende Kirche scharf, vor allem ihre enge Verbindung mit der politischen Herrschaft. Viele Täufer weigerten sich, an Kriegen teilzunehmen oder den Eid zu schwören. Auch die Erwachsenentaufe sollte dazu führen, dass die wahre Kirche ausschließlich aus überzeugten Christinnen und Christen besteht. Für die Gegner der Täufer wirkten solche Einstellungen wie eine große Gefahr für das gesellschaftliche Gefüge. Auf die Taufe von Erwachsenen stand daher im 16. Jahrhundert die Todesstrafe.

Im Laufe der Jahrzehnte entspannte sich die Lage etwas. Mennoniten wurden nicht mehr in allen Teilen des Deutschen Reiches verfolgt, durften aber nur in privaten Räumen ihre Gottesdienste feiern. Sie genossen noch lange nicht die gleichen Rechte wie Andere und zogen daher in jene Gebiete, in denen sie toleriert wurden – wenn auch unter strengen Auflagen von den politisch Herrschenden.

 

Gleiche Rechte für alle

Nicht zuletzt aufgrund der eigenen leidvollen Erfahrung setzten Mennoniten sich früh für religiöse Toleranz und Glaubensfreiheit ein. Das liberale Gedankengut ist für viele Gemeinden im norddeutschen Raum bis heute prägend. Ein bekannter Mennonit, der diese Werte auch in der Politik vertrat, war Hermann von Beckerath (1801-1870) aus Krefeld. Er beteiligte sich an der demokratischen Bewegung in Deutschland. Im Jahr 1848 wurde er Abgeordneter in der ersten deutschen Nationalversammlung in Frankfurt und für kurze Zeit sogar Finanzminister. Er setzte sich dafür ein, dass Mennoniten ihren Glauben ebenso frei leben dürfen wie andere Christen. Sie sollten endlich das gleiche Bürgerrecht bekommen, das ihnen bis dahin verwehrt wurde. Von seinen Glaubensgeschwistern forderte er im Gegenzug, Kriegsdienst zu leisten wie andere Bürger auch. Für Glaubensfreiheit und Bürgerrechte war von Beckerath bereit, Gewaltfreiheit als Prinzip (Kriegsdienstverweigerung) aufzugeben.

 

Freiheit ohne Gewalt

Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges dauerte es noch viele Jahre bis Mennoniten in Norddeutschland zur Gewaltfreiheit zurück fanden. Im Jahr 2009 verabschiedete die VDM eine „Erklärung zum Gerechten Frieden“. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Mennoniten einst für sich einklagten, gestehen sie heute selbstverständlich ihren eigenen Gemeindegliedern zu. Sie fordern eine solche Toleranz auch gegenüber allen anderen Religionen und Glaubensgemeinschaften.

 

Mennoniten – Traditionell Modern mit bleibenden Werten?!

Autorin: Beate Zipperer

Schon wenn Kinder aus mennonitischen Familien in den Kindergarten kommen, spätestens aber wenn sie zur Schule zum Religionsunterricht gehen wollen, kommt es zu erklärungsbedarf für Schule und Familie. Besonders in Bayern, in der katholisch geprägten Landschaft sind Mennoniten einfach ‘Exoten‘. Erklärt man, was Mennoniten sind bzw. was Mennoniten ausmacht, kommt man unweigerlich dazu, Normen und Werten, die die Gemeinde lebt, zu überdenken.

 

Eine Familie?

‘Mennonit-Sein‘ wurde sozusagen in der Familie weitergegeben. Sind wir also deshalb heute noch eine „Familienkirche“?! Verändert sich das „mennonitische Gemeindegefüge“ langsam? Traditionen leben nur (weiter), wenn sie von innen mit Werten und Normen gefüllt werden.

Normen und Werte werden allein durch die Aussagen Jesu Christi begründet. Zusätzlich wurden diese mit frühen reformatorischen Gedanken gefüllt, die auch in anderen christlichen, besonders in evangelisch, protestantisch geprägten Kirchen gelten. Zusammengefasst sind das die folgende Punkte:

 

Sola scriptura – allein die Bibel ist die Grundlage unseres Glaubens (Galater 2, 6-9)

Solus Christus – allein Jesus Christus hat Autorität über Gläubige (Epheser 5, 23-24)

Sola gratia – allein durch die Gnade Gottes wird der Mensch errettet (Römer 1, 17)

Sola fide – allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt (Galater 2, 16)

 

Leitlinien

In vielen Gemeinden werden ‘Leitlinien für das Zusammenleben‘ entwickelt und formuliert. Immer wieder werden sie überarbeitet, erweitert und angepasst an die Lebensumstände, in der sich die Gemeinschaft befindet. Gemeinden sind lebendige Organismen, mit Menschen, die nach Gottes Verheißungen streben; die dadurch erfüllt und gefüllt werden aus Gottes Heiligem Geist. In Auszügen heißt es in unseren Ortsgemeindeleitlinien:

 

Glauben-leben: Mittelpunkt ist für uns der in der Bibel bezeugte Gott,

Diese Wirklichkeit Gottes erfahren wir. Dafür zu leben ist die Berufung und Auftrag (Mission) aller Christen und christlichen Gemeinden.

 

Glauben-leben: Sich anderen Menschen zuwenden

Jesus Christus vermittelte auf vielfältige Weise Gottes Liebe und Lebensvorstellungen. Er ist uns konkurrenzlos wichtig. Ihm folgen wir.

 

Glauben-leben: Gottes Wirken im Alltag erfahren und Raum geben

Durch das Zeugnis der Bibel spricht uns Gott persönlich an. Die Bibel, wie wir sie unter der Leitung des Heiligen Geistes im Gespräch miteinander auslegen, ist Richtschnur für unser Leben und unsere Lehre. Das erfordert immer wieder neu unsere Bereitschaft zum Hören auf Gott und aufeinander.

 

Glauben-leben: Miteinander Gemeindeleben gestalten und verantworten

Entsprechend unseren Gaben und Möglichkeiten bringen wir uns erkennbar in das Gemeindeleben ein und haben Anteil an ihrem Zeugnis von Jesus Christus.