Ereignisse

Mennonitische Siedlungen in Polen

Autor: Michal Targowski
Übersetzung: Martje Postma 

Die Mennoniten, die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts nach Polen auswanderten, waren überwiegend Bauern. Ihre ausgezeichneten Fähigkeiten sumpfige Landstriche zu kultivieren, ermöglichten es ihnen, sich in gering besiedelten Gebieten im Weichseldelta anzusiedeln.

 

Hauptsächlich Landwirtschaft

Obwohl es in Elbląg (Elbing) und in den Vorstädten von Danzig Niederlassungen  mennonitischer Handwerker und Kaufleute gab, zogen es die meisten Anhänger von Menno Simons vor, sich auf dem Lande anzusiedeln. Die ersten Siedlungen lagen im Delta und dem Tal der unteren Weichsel, einige wenige Mennoniten lebten an der Ostseeküste und in den Sümpfen des Flusses Noteć (Netze). Im frühen siebzehnten Jahrhundert legten die Niederländer ihre Kolonie auf eine jener Flussinseln an, die jetzt ein Teil von Warschau sind. Die Weiterentwicklung wurde von Kriegen behindert, bis in das späte achtzehnte Jahrhundert, als neue Generationen in Polen geborener Mennoniten  sich erneut aufmachten und neue Gebiete stromaufwärts an der Weichsel und ihren Nebenflüssen besiedelten.

 

Gegründet in unzugänglichen Gebieten, bedingt durch die hohe Wahrscheinlichkeit von Überflutungen, hatten die von Mennoniten angelegten Dörfer eine einzigartige Form und einen eigenen Charakter – hölzerne Wohnhäuser, meistens an einem Deich entlang gebaut, oder auf trockenen Streifen in der Nähe der Sümpfe, die Häuser in regelmäßigem Abstand voneinander. Die Grundstücke waren gleichmäßig unterteilt, senkrecht zum Deich oder zu einer Straße, von Gräben getrennt. Die so planmäßig geordneten Dörfer werden 'Reihendörfer' genannt. Ihre Anordnung, die sich an vielen Orten in Polen erhalten hat, ist eines der Teile von jenem Erbe, das diese Einwanderer hinterlassen haben.

 

Integrierte Gemeinschaften

Mennonitische Ansiedlungen bildeten lokale Gruppen, die eine Zusammenarbeit zwischen kleineren Ortschaften möglich machten. Sie organisierten gemeinsame Gebetstreffen und Gottesdienste, die von Einwohnern verschiedener Dörfer besucht wurden. Es wurde viel Mühe darauf verwandt, einen mennonitischen Bauernhof nicht in katholische oder lutherische Hände gelangen zu lassen. Daher bildeten die polnischen Mennoniten enge Gemeinschaften, denen es gelang, ihre Identität und Religion über lange Zeit zu erhalten, wenigstens bis zur Zeit der zunehmenden Germanisierung im 19. und 20. Jahrhundert, und manchmal sogar bis zu ihrer dramatischen Auswanderung aus Polen in 1945.

Diese jahrhundertealten mennonitischen Siedlungen finden sich in Dutzenden Dörfern in Zulawy und der unteren Weichselniederung, wie z.B. Nieszawka (Nessau), Sosnówka (Schonsee), Przechówko (Wintersdorf), Mątawka (Montau), Grupa (Gruppe), Bratwin, Jezioro (Thiensdorf), Kazuń Deutsch Kazun) und Wymyśle. An diesen Orten, wie an vielen anderen Stellen, sind immer noch Spuren der mennonitischen Geschichte zu finden, festgelegt in den Landschaften der Niederungen, in alten Beispielen der Holzarchitektur oder in schweigenden Friedhöfen.

 

Kolonien

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma 

Katharina die Große lud die Mennoniten nach Russland um die neuen Gebiete des russischen Zarenreiches zu entwickeln. Ausgewählt waren sie als tüchtige Landwirte und so bekamen sie Land, Geld zum Reisen und um sich heimisch zu machen. Sie brauchten keinen Militärdienst zu leisten und sie erhielten ein gewisses Maß an Bürgerrechten und Selbstverwaltung.

 

Die Kolonien in Jekaterinoslaw, Alexandrowsk und Molochansk

Die ersten 228 mennonitischen Familien kamen aus Preußen in die Provinz Jekaterinoslaw. Sie gründeten acht Kolonien: Chortitza, Einlage, Rosenthal, Kronsweide, Neuendorf, Schoenhorst, Neuenburg und die Niederlassung auf der Insel Chortitza. Die nächste Einwanderergruppe (118 Familien) kam in den Jahren 1793-1796 in das Gebiet von Nowomoskowsk und Alexandrowsk. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts siedelten sich 150 mennonitische Familien in der Provinz Taurien an (1804), wo sie ihre Dörfer am Ostufer des Flusses Molotschna errichteten. Von 1804 – 1806 ließen sich weitere 365 mennonitische Familien in diesem Distrikt nieder. In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts gründeten die Mennoniten 27 Kolonien in Molotschna: Halbstadt, Tiegenhagen, Schoenau, Fischau, Lindenau, Lichtenau, Muensterberg, Altona, Tiege, Orloff, Blumenort, Muntau-Ladekop, Mariental, Rudnerweide, Franzthal, Pastwa, Grossweide und Blumstein.

 

Im Jahre 1835 wurden fünf weitere Bergtal Kolonien (145 Familien) in der Gegend von Alexandrowsk gegründet. In 1852 wurden sie zusammengefasst in dem dritten mennonitischen Distrikt Mariupol. Als die 'Doukhoboren', russische Sektierer, weiterzogen in den Kaukasus, übernahmen Vertreter der alt-flämischen Gemeinde Gnadenfeld in Preußen ihre verlassenen Ländereien, und gründeten Gnadenfeld als mennonitische Wolost im mennonitischen Distrikt Molochansk.

 

Samara und Wolhynien

Mennoniten aus Danzig, Marienburg und Elbing siedelten sich ab 1850 in der Provinz Samara an. Im Jahre 1874 gab es dort 16 Kolonien. Einige mennonitische Siedlungen gab es in der Provinz Kiew (das Dorf Michalin), und in Wolhynien (Karlsweide, die Schweizer Mennonitensiedlungen). In 1870 betrug die Gesamtzahl der Mennoniten aus Danzig und den preußischen Gebieten, die nach Russland übergesiedelt waren, insgesamt 2300 Familien.

 

Neue Einwanderungswellen durch Landnot

Die wirtschaftliche Entwicklung und das Bevölkerungswachstum führte zu Verknappung des Agrarlandes. Das 'Erbschaftsgesetz' (1866) machte die Aufteilung von ererbtem Land möglich, doch konnte es den Mangel an Agrarland nicht beseitigen. Doch die Mennoniten kauften Ländereien der Adelsfamilien auf, nach 1861, als die Leibeigenschaft abgeschafft wurde. Einige neue Gruppen von Kolonien wurden in Russland gegründet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Gesamtzahl der mennonitischen Bevölkerung im Russischen Reich 104.000. Die meisten Mennoniten lebten in Jekaterinoslaw, Taurien und den Samara Provinzen. Die größten mennonitischen Kolonien waren: Chortitza (1800 Einwohner) Rosenthal (1226), Neuendorf (1121), Osterwick (3100), Einlage (1258) (in der Provinz Jekaterinoslaw). Halbstadt (915) und Waldheim (946) (in der Provinz Taurien).

 

Bild: Wally Kroeker, An Introduction to Russian Mennonites: A story of flights and resettlements to homelands in the Ukraine, the Chaco, the North American Midwest, Germany and beyond. (Good Books, PA, 2005).

Das Versteck von Menno Simons

Autor: Hans-Jürgen Goertz

Am nördlichen Ortsausgang von Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein steht in der Feldmark unter einer mächtigen Linde eine reetgedeckte, weiß getünchte Kate: die Menno-Kate. Sie erinnert an die letzten Jahre von Menno Simons (1496-1561), den Namenspatron der Mennoniten. Er war 1544 aus Wismar ausgewiesen worden und hatte im Gutsdorf Wüstenfelde Unterschlupf gefunden. Hier konnte er in aller Ruhe an seinen Schriften arbeiten, brieflichen Kontakt mit seinen Gemeinden halten und sich mit seinen Mitältesten über strittige Fragen der Kirchenzucht beraten.

 

Die geheime Druckerei

Menno Simons lebte auf dem Gut Fresenburg mit einer Gruppe von Täufern zusammen, die dort schon seit 1543 siedeln durften. Das Dorf Wüstenfelde wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Ungewiss ist, ob die Kate eventuell an anderer Stelle oder dort, wo sie einst stand, wieder aufgebaut wurde. Sie könnte die Wirren des Krieges auch unversehrt überstanden haben. Möglicherweise hat Menno Simons hier gelegentlich gewohnt, um den Druck seiner Schriften zu überwachen. Die Druckerei soll ihm zwischen Frühjahr 1554 und spätestens Sommer 1556 zur Verfügung gestanden haben. Während dieses kurzen Zeitraums wurden trotz des allgemeinen Publikationsverbots täuferischer Literatur vier seiner Schriften gedruckt, u. a. die 2. Auflage seines berühmten Fundamentbuchs von 1539/40. Menno Simons blieb nach der Schließung der Druckerei in Wüstenfelde. Dort starb er am 13. Januar 1561 und  soll in einem Kohlgarten beerdigt worden sein – fünf Kilometer von der heutigen Kate entfernt. 

 

Vom Versteck zum Museum

An Menno Simons erinnert seit 1902 ein Gedenkstein und eine Bronzeplakette. Inzwischen steht die Kate unter Denkmalschutz. Sie wurde von der Vereinigung der deutschen Mennonitengemeinden gepachtet und wird von einem Ausschuss des Mennonitischen Geschichtsvereins verwaltet. In den frühen sechziger Jahren wurde damit begonnen, sie zu restaurieren und zu einem kleinen Museum auszubauen, in dem Bücher, Landkarten und Bildmaterial über die wechselvolle Geschichte der Mennoniten ausgestellt werden. Im Jahr 1986 wurde sie der Öffentlichkeit vorgestellt, seit Dezember 1999 ist sie in einem verbesserten Zustand Besuchern aus aller Welt zugänglich.

 

Zeichen der Versöhnung

Die alte Linde, die von Menno Simons gepflanzt worden sein soll, heißt im Volksmund ‘Menno-Linde’. Vor einigen Jahren haben Mennoniten sowohl in Wittenberg als auch neben  der Menno-Kate eine Buche gepflanzt. Beide Bäume bekräftigen die inzwischen erfolgte Aussöhnung zwischen den lutherischen Kirchen und den Gemeinden der Mennoniten.

 

 

Zulawy – der Neuanfang

Autor: Łukasz Kępski
Übersetzung: Martje Postma 

Zulawy, die fruchtbare grüne Niederung an der Mündung der Weichsel, mit seiner einmaligen traditionellen Architektur und dem unglaublich komplexen Abwasserungssystem, war eine Heimat für viele Generationen von Mennoniten, vom 16. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

 

Toleranz

Die ersten Mennoniten siedelten Mitte des 16. Jahrhunderts in Zulawy. Das Gebiet, auch Werder genannt, war damals ein Teil des königlichen Preußen, eine der von den polnischen Königen regierten Provinzen. In früheren Jahrhunderten hatte Polen verschiedenen Volksgruppen unterschiedlicher Religion Toleranz geboten: Juden, römisch-katholische und orthodoxe Christen lebten in diesem Königreich. Die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts, eine Zeit großer religiöser Konflikte im Westen Europas, führte in Polen zu einem friedlichen Sieg der Reformation in den großen Städten, insbesondere in den reichen Hafenstädten wie Danzig und Elbing, die durch   Schifffahrt  und Handel vielfältige Kontakte mit den Niederlanden unterhielten. Dieser Umstand gab den verfolgten niederländischen Mennoniten Hoffnung. Nach Polen umzusiedeln schien die Möglichkeit zu sein, ihre eigene Identität zu wahren.

 

Neue Zuwanderer nicht willkommen

Die Mennoniten erwartete in Danzig kein warmes Willkommen, wo lokale Kaufleute und Handwerker sich vor dem Wettbewerb mit den Neulingen fürchteten. Jedoch überzeugten ihre Fähigkeiten, sich im Marschland als Bauern zu behaupten, die Verwalter der sumpfigen Weichselniederung, die niederländischen Migranten als Siedler in diese ländlichen, manchmal sogar ganz unbesiedelten Gebiete in Zulawy einzuladen. Die Gegend wurde zum Siedlungsgebiet von Mennoniten, mit einem Netzwerk aus Niederlassungen, Kanälen und Deichen, die eine effektive landwirtschaftliche Entwicklung ermöglichten. Neuankömmlinge erhielten als Regel einen privilegierten Status, mit Langzeit-Pachtverträgen, emphyteusis genannt, die ihnen ihre religiöse Freiheit, Selbstverwaltung und ihre Sitten und Gebräuche zusicherten. Ab 1540 wuchs die mennonitische Bevölkerung in allen Teilen Zulawy's, in Zahlen und an Grundbesitz. Sie ließen sich in alten Dörfern nieder, und gründeten neue innerhalb der Stadt Danzig und im Umkreis, in Zulawy und in den Niederungen nahe der Marienburg.

 

Weiterwandern

Das friedliche Leben der Mennoniten in Zulawy wurde durch die Nördlichen Kriege in der Mitte des 17. Jahrhunderts und durch die Annektierung des Gebietes in das Königreich Preußen 1772 aufgerüttelt. Einschränkungen ihrer Freiheiten und ein wachsender  Druck, den pflichtmäßigen Wehrdienst zu leisten, auferlegt durch die neuen Herrscher, waren der Grund für eine erneute Migration, in die Steppen der Ukraine. Viele Mennoniten fanden dort eine neue Heimat, vergaßen jedoch ihre  Wurzeln nicht, und benannten einige neue Niederlassungen nach den Dörfern, die sie in Zulawy zurückgelassen hatten. Diejenigen, die an den Ufern der Weichsel verblieben, mussten ihre Heimat in zweiten Weltkrieg zurücklassen. Zurück blieben eine wunderschöne Landschaft und ein kulturelles Erbe, das sich in vierhundert Jahren mennonitischen Lebens in jenem Gebiet entwickelt hat.

 

‘Foyer Grebel’

Autor: Neil Blough
Übersetzung: Martje Postma 

Bedingt durch die Geschichte Frankreichs als Kolonialmacht, kommen jedes Jahr zehntausende französisch-sprachige Afrikaner zum Studium dorthin. Als eine Fortführung der Zusammenarbeit zwischen französischen und nordamerikanischen Mennoniten wurde 1977 in Paris ein Besucherzentrum für Studenten aus Afrika  gegründet, das 'Foyer Grebel' in Saint Maurice. Niederländische und Schweizer Mennoniten beteiligten sich schon bald an dem Projekt, das sich zu einem interessanten Beispiel für missionarische Zusammenarbeit entwickelte.

 

Interkulturell

Das Foyer ermöglichte eine vorübergehende Unterbringung, und Hilfe bei der Suche nach gesicherten Bedingungen für die Durchführung eines Studiums. Die Mitarbeiter im Foyer wurden schnell vertraut mit den sozialen und ökonomischen Schwierigkeiten, denen die Studenten begegneten. Wie konnten solche Probleme gelöst werden? Wie könnte das Misstrauen zwischen dem Norden und dem Süden überwunden werden? Das Foyer wurde zum Begegnungsort für gemeinsames Lernen. Die Sonntagabende entwickelten sich zu einer Zeit für gemeinsame Mahlzeiten, und interkulturellen Austausch. Neue Beziehungen und interkultureller Brückenbau entwickelten sich aus diesem Zusammensein, sowie Austausch in Diskussionen, gemeinsames Kochen, und eine gemeinsame Anstrengung zur Problemlösung. All dieses trug für die Teilnehmer dazu bei, ihr Mitgefühl und ihren Gerechtigkeitssinn zu schärfen. Für viele war es die erste Gelegenheit für einen wirklichen Austausch mit 'Anderen', seien sie schwarz oder weiß, Europäer oder Afrikaner.

 

Zuwendung

Viele der afrikanischen Studenten waren Christen, die sich nicht immer willkommen fühlten in den Kirchen in Paris. Einige der Treffen wurden zu Bibelkreisen, zum Singen und Beten. Neue Arten, Dinge zu tun waren manchmal verwirrend, doch zu jeder Zeit eine Quelle der Bereicherung. Aus diesen Treffen entwickelte sich eine multikulturelle Gemeinde, begierig nach neuen Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Herkunft.

 

Das Evangelium ruft die Menschen auf zu Mitgefühl: 'Selig sind die Barmherzigen'. In diesem Falle erfuhren die Menschen, die ihr Mitgefühl zeigen wollten, häufig, was das bedeutete für diejenigen, denen man 'Hilfe' anbieten wollte. Das Foyer Grebel half den Mennoniten, die Welt der Fremden in Paris kennenzulernen. Es verhalf denen, die dort arbeiteten dazu, ein Verständnis für kulturelle Unterschiede, der Kolonialgeschichte und deren Erblast zu bekommen. Es war ebenfalls eine Möglichkeit, die weltweite Christenheit, die sich außerhalb Europas entwickelte, kennenzulernen.

 

Multikulturelles Erbe

Ein noch größeres Zentrum wurde dann in der Nachbarstadt Maisons-Alfort gebaut. Vorübergehende Unterkunftsmöglichkeiten wurden bis 1998 angeboten, bis ein Stadterneuerungsprojekt die Schließung des Projektes erzwang. Dennoch erhielt das Foyer Grebel zwei 'Nachkommen', die bis heute bestehen: die Christliche Gemeinschaft Foyer Grebel, die sich zur Mennonitengemeinde Villeneuve le Comte entwickelt hat, und das Mennonitenzentrum in Paris, das ihren Anfang in dem ersten Gebäude in Saint Maurice nahm, als das Foyer nach Maisons-Alfort umzog. Das multikulturelle Erbe des Foyer Grebel lebt weiter, als beständiger Aufruf für Mitgefühl und Gerechtigkeit unter den Völkern.

 

Zusammen Weihnachten feiern

Autor: Paul Hege
Übersetzung: Martje Postma 

Seit einigen Jahren beteiligt sich die Mennonitengemeinde in Straßburg an der Aktion 'Vivre Noël Ensemble' – Weihnachten gemeinsam erleben. Diese Feier erlaubt es uns, unseren Glauben im Dienst unserer Nächsten zu leben, unser Verständnis von Weihnachten zu erneuern und als Team mit anderen in unserer Stadt aktiv zu sein.

 

Gemeinsamkeit

Jedes Jahr haben 15 bis 20 Menschen aus unserer Gemeinde sich entschieden, die Christnacht, vom 24. auf den 25. Dezember, mit etwa der gleichen Anzahl an Gästen zu verbringen, Menschen vom Rande der Gesellschaft, die sonst ein sehr trauriges und einsames Weihnachtsfest verbringen würden. Keiner und keine von uns bedauert diese Erfahrung. Einige beschreiben die Freude an einem solch andersartigen Christfest, das sich stärker an unsere Nachbarn richtet, und durch die spontanen Beiträge unserer Gäste bereichert wird. Andere sind dankbar für den Reichtum und Tiefe der Gespräche mit unseren Gästen, trotz der Sprachbarriere, die es manchmal gibt. Einige Kontakte bleiben erhalten und manche werden sogar zu Freundschaften. Viele sagen, dass diese Zeiten uns die Augen öffnen für die Nöte und die Armut, die wir täglich erfahren, ohne sie richtig wahrzunehmen.

Für die Kirche ist es ein schönes Projekt, in dem jedes Gemeindeglied einen Platz findet, Paare und Alleinstehende gleichermaßen wie Kinder, und Erwachsene ebenso wie ältere Menschen.

Wir ermutigen jedes Mitglied zur Teilnahme, und wir stellen fest, dass viele bereit sind, es im darauf folgenden Jahr zu wiederholen.

 

Ökumenisch

'Vivre Noël Ensemble' entstand zunächst als eine christlich solidarische Initiative einer Kirchgemeinde. Heute ist es eine Organisation, bei der verschiedene christliche und nicht-christliche Vereine und Verbände und einige Kirchen involviert sind, und diese verhelfen etwa 300 Menschen am Rande der Gesellschaft dazu, das Weihnachtsfest  würdig zu begehen.

Sie werden von den verschiedenen Partnern willkommen geheißen, jeweils an ihrem eigenen Standort, entsprechend der dortigen Möglichkeiten. Das gesamte Team ist zuständig für die Mahlzeit, ein Geschenk für jeden Gast, und die Weitervermittlung zu den verschiedenen Örtlichkeiten. Dort richten dann die Teams der Gastgeber ihre Aufmerksamkeit und Energie auf ein ansprechendes Willkommen. Die Organisation organisiert ebenfalls ein freundschaftliches Treffen in der Innenstadt, unter dem großen Weihnachtsbaum, wo das Fest seinen Anfang nimmt, mit heißen Getränken, Gebäck und Musik: hier treffen sich die Gäste und die Gastgeber, bevor die Gruppen auseinandergehen und die Feier in den jeweiligen Räumlichkeiten weitergeführt wird.

 

Als kleine Kirche in unserer großen Stadt sind wir sehr glücklich, dass wir unseren Platz in diesem Projekt gefunden haben, das von Christen ausging, und dann mit anderen geteilt, und wir glauben, dass wir darin unserem Herrn in Straßburg die Ehre erweisen.

 

 

 

Schlüsselmomente in der Geschichte der polnischen Mennoniten

Autor: Michał Targowski
Übersetzung: Martje Postma 

Von dem hoffnungsfrohen Augenblick ihrer Ankunft im 16. Jahrhundert bis zu dem traurigen Moment ihres Auszugs im Jahre 1945 waren die Mennoniten ein wichtiger Teil der mühevollen Geschichte Polens, das einstmals Heimat der größten mennonitischen Bevölkerungsgruppe der Welt war.

 

Willkommen geheißen und gefürchtet

In der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts ließen sich die ersten Mennoniten in Polen nieder. Ihre Übersiedlung aus den Niederlanden an die Ufer der Weichsel rief bei der örtlichen Bevölkerung unterschiedliche Reaktionen hervor. Einerseits wurden sie als Bedrohung angesehen, für die katholische Kirche und für andere protestantische Kirchen, und in den Städten als gefährliche Konkurrenten für Händler und Handwerker. Andererseits wurden sie willkommen geheißen, aufgrund ihrer Fähigkeiten als Ackerbauer in sumpfigen Gebieten. Von Zeit zu Zeit wünschten Städte, Bischöfe und der Adel den Wegzug der Mennoniten, doch sie blieben in Polen, unterstützt von Königen, Großgrundbesitzern und Gutsverwaltern.

 

Im Gegensatz zu anderen Staaten in den frühen Zeiten der Moderne, war Polen berühmt für seine Gewährleistung religiöser Toleranz. 1642 erhielten die polnischen Mennoniten ein Sonderprivileg, das ihnen Glaubensfreiheit und Schutz gegen Verfolgung versprach. Doch dies schützte sie nicht vor den Nördlichen Kriegen, die in jenen Gegenden im 17. und 18. Jahrhundert stattfanden, und die zu einer Dezimierung oder sogar gänzlichen Auslöschung vieler mennonitischen Siedlungen führten, zerstört zurückgelassen von marodierenden Truppen und Epidemien.

 

Verlorene Freiheit

Mehr als zweihundert Jahre lang war der polnisch-litauische Staatenbund Ort der Geborgenheit für die Mennoniten, wo sie entsprechend ihres Glaubens und ihrer Traditionen leben konnten. Das änderte sich grundlegend mit den polnischen Teilungen 1772 und 1793, als ihre Wohngebiete ein Teil des Königreichs Preußen wurden. Die neue Königsherrschaft erlegte den Mennoniten neue Regeln auf, sie mussten jährlich hohe Geldbeträge zahlen, um der militärischen Dienstpflicht zu entgehen, ihnen wurde nicht gestattet, Bauernhöfe zu kaufen, die nicht vorher schon mennonitisches Eigentum gewesen waren. Dies führte zu einer neuen Wanderbewegung aus Żuławy und dem Gebiet der Weichselmündung, weiter nach Osten. Einige mennonitische Familien ließen sich nieder in Płock und Warschau, doch die meisten folgten der Einladung der Zarin Katharina der Großen, die russischen Steppen urbar zu machen. Die in Preußen verbliebenen Familien identifizierten sich mehr und mehr mit den Deutschen, und in 1870 unterlagen sie endgültig in ihren Bemühungen, der Wehrpflicht zu entgehen. Inzwischen begann für viele Mennoniten eine neue Migration aus Preußen, nach Nord- und Südamerika.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Mennoniten, die in Żuławy und in der Weichselniederung lebten, getrennt durch die neu gezogenen Grenzen der Republik Polen, Deutschland und die Freie Stadt Danzig. Als Deutsche betrachtet, und daher später als verantwortlich für die Katastrophen des Zweiten Weltkrieges, wurden sie Anfang 1945 gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Sie flohen, zumeist nach Deutschland oder in die Vereinigten Staaten. Auf diese Weise erlitt ihre mehr als 400jährige Existenz ein dramatisches und schmerzvolles Ende.

 

 

Mennonitische Wanderungen in Preußen, Polen und Russland

Autor: Peter Klassen
Übersetzung aus dem Englisch: Joel Driedger 

Als die täuferisch-mennonitische Bewegung im 16. Jahrhundert aufkam, wurde sie bald darauf verfolgt, vor allem aufgrund der Glaubenstaufe und ihrer Friedensethik. In Polen fanden die Mennoniten einen Ort, an dem sie bleiben konnten, denn gute Bauern und Kaufleute waren willkommen. Es entstand eine große Zahl von mennonitischen Gemeinden, besonders im Weichsel-Delta. Diese Region war erstaunlich tolerant in einem Zeitalter religiöser Intoleranz. Hier legten die mennonitischen Bauern, die ursprünglich aus den Niederlanden kamen, durch Deiche und Kanäle das Land trocken und steigerten den landwirtschaftlichen Ertrag beträchtlich. Eher kaufmännisch begabte Mennoniten ließen sich in den Randbezirken von Gdansk (Danzig) und anderen größeren Städten nieder.

 

Wahre Gläubige oder Häretiker?

Es überrascht nicht, dass den mennonitischen Nonkonformisten zuweilen vorgeworfen wurde, einen falschen Glauben zu vertreten. In einer dramatischen Szene in Gdansk wurden Mennoniten aufgefordert, diesen Vorwurf zu widerlegen. Im Jahre 1678 mussten mehrere Mennoniten vor einen theologischen Untersuchungsausschuss unter dem Vorsitz des katholischen Bischofs von Wloclawek (Leslau) treten, um über ihre theologischen Standpunkte Rechenschaft abzulegen. Als die Anhörung vorbei war, wurden die Mennoniten von allen Verdächtigungen frei gesprochen, wie Georg Hansen, ein Geistlicher der Flämischen Kirche in Gdansk, notierte. Zur selben Zeit versuchten einige religiöse Autoritäten, die Ansiedlung von Mennoniten zu verhindern. Doch Polen blieb bei seiner toleranten Haltung.

Die Mennoniten brachten vor allem Fachwissen über Deichbau mit. Das war wichtig, damit das Flußwasser kontrolliert werden konnte und das Land nicht mehr geflutet wurde. Sie folgten der Einladung des Landesherrn von Nowy Dwór (Tiegenhof) und gründeten eine Reihe von mennonitischen Siedlungen im Weichsel-Delta. Die Mennoniten hatten den Ruf, tüchtige Bauern zu sein, die ein sumpfiges Gebiet trocken legen können. Dadurch wurde vielen weiteren Siedlungen die Tür geöffnet.

 

Neue Gewissenskonflikte

Als Preußen die Kontrolle über das Weichsel-Delta übernahm, entstanden neue Herausforderungen. Die neuen Herrscher hatten wenig Verständnis für das mennonitische Prinzip der Gewaltfreiheit. Die Mennoniten wurden gedrängt, in der Armee zu dienen, was zu Glaubenskonflikten in den Gemeinden führte. Einige Leiter in den westpreußischen Mennonitengemeinden schlugen vor, die mennonitische Friedensposition aufzugeben. Es entstand schrittweise eine Trennung. Ende des 18. Jahrhunderts zogen mehrere Hundert mennonitische Familien nach Russland, wo Katharina II. Glaubensfreiheit versprach. Eine andere Gruppe von Mennoniten emigrierte nach Amerika. Unter den Mennoniten, die im expandierenden deutschen Staat verblieben, gaben immer mehr die Friedensposition auf. Später, nach der Niederlage von Deutschland 1945, flohen viele Mennoniten nach Westdeutschland. Einige starben auf der Flucht, andere fanden eine neue Heimat. Die bereits bestehenden Gemeinden nahmen die Flüchtlinge auf oder halfen ihnen, weiter nach Nord- und Südamerika zu fliehen. Nur wenige kehrten zu ihren ursprünglichen Heimatorten zurück.

 

Wenn der Tod zu neuem Leben führt!

Autor: Martin Podobri

Es war Sonntag, der 10.10.2010. Ein letztes Mal trafen sich die Mitglieder der Mennonitischen Freikirche Salzburg, um gemeinsam die Auflösung der Freikirche zu beschließen. Dieser Moment war gleichzeitig der Tiefpunkt in der Geschichte der Mennonitischen Freikirche Österreich (kurz MFÖ).

Die große Frage, vor der der Vorstand der MFÖ stand war: Macht es Sinn, den Bund für die verbleibenden fünf Gemeinden aufrechtzuerhalten?

 

Im Jänner 2011 trafen sich daraufhin alle Ältesten der fünf Mennonitischen Freikirchen zur gemeinsamen Klausur. Dabei entdeckten sie, dass alle Gemeinden mit den selben Problemen kämpften: es gab Konflikte in den Gemeinden, es war schwierig, Mitarbeiter zu finden und neue Älteste zu berufen.

Folglich kam die Frage auf: Wie könnte ein Bund helfen, diese Probleme zu lösen? Es war die Geburtsstunde von ‘MFÖ neu‘, dem neuen Verständnis des Bundes!

 

Der Vorstand der MFÖ befasste sich mit den Ergebnissen der Klausur und entdeckte dabei 5 Punkte, wo der Bund den Gemeinden helfen sollte. 

 

Identität stiften

‘Wer sind die Mennoniten, was glauben sie und woher kommt der Name?‘

Der Bund sollte den Gemeinden helfen, ihre eigene Identität wie auch die des Bundes zu entdecken. 

 

Leiternachwuchs fördern

Die Ältesten einer Gemeinde sind meist zu beschäftigt, um neben ihren Aufgaben in der Gemeinde den Leiternachwuchs zu fördern. Der Bund könnte hierbei helfen, die nächste Generation im Fokus zu haben.

 

Biblische Leiterschaft verwirklichen

Wenn es Probleme in der Leitung gibt, oder sich eine Gemeinde mit den “falschen” Themen beschäftigt, wer kann da helfen?

Im Neuen Testament halfen die Apostel den Gemeinden, biblische Leiterschaft zu verwirklichen. Heute sollte der Bund diese Funktion übernehmen. 

 

Gemeindewachstum fördern

Der Bund hat viele Kontakte zu diversen Missionsgesellschaften, wie auch zur Weltkonferenz der Mennoniten. Von daher hat er die Möglichkeit, Impulse für den Gemeindewachstum in die Gemeinden zu bringen.

 

Neue Gemeinden gründen

Eine Tochtergemeinde zu gründen, würde eine einzelne Gemeinde überfordern. Aber wenn alle fünf Mennonitischen Freikirchen zusammenhelfen, dann sollte es möglich sein, dies zu realisieren.

 

Es ist traurig, dass wir die Gemeinde in Salzburg verloren haben. Dieser traurige Moment hat aber dazu beigetragen, dass neues Leben in den Bund eingekehrt ist. Und so hat der Tod zu neuem Leben geführt.

Der Große Patriotische Krieg (1941 – 1945)

Autorin: Svietlana Bobileva
Übersetzung: Martje Postma 

Politische Unterdrückung war überall in der Sowjetunion zu spüren in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Stalins Regime unterstützte die Aktivitäten der NKWD (politische Polizei), begann eine Kampagne gegen 'die Faschisten' – die deutschsprachige Bevölkerung (im eigenen Land), löste die eigenständigen Gebiete auf und arbeitete 1939 Pläne für die Deportation der Deutsch-Mennonitischen Bevölkerung aus. Verhaftungen und physische Gewalt gegen Prediger und Lehrer schwächte die Mennoniten und ihre geistige, nationale und kulturelle Identität. Dieses hatte Auswirkungen auf die Haltung der Mennoniten angesichts der Machthabenden. 

 

Die Mennoniten und die Obrigkeit

Der Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion brach im Juni 1941 aus. Einige mennonitsche Jugendliche meldeten sich freiwillig zur Roten Armee. Andere warteten nur das Ende des Kampfes zwischen den Kriegsparteien ab. Allerdings war es beinahe unmöglich, neutral zu bleiben und sich abseits zu halten. Einige Politiker und Aktivisten der Kommunistischen Partei wurden in den Osten der Sowjetunion geschickt, in die Verbannung. Das Gesetz 'Zur deutschen Bevölkerung in der ukrainischen Sozialen Sowjet Republik' wurde im August 1941 erlassen. Entsprechend dieses Gesetzes sollten anti-sowjetische Elemente verhaftet werden, und die deutschsprachigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren sollten aufgerufen werden, um 'Bataillone zu bilden'. Die deutschsprachigen Mennoniten aus Charkow, Dnjepopetrowsk, Saporosche, Stalin (heute Donetzk), aus den Provinzen um Woroschilograd (Lugansk) und der Krimgegend sollten ausgewiesen werden. Der Aufmarsch der Wehrmacht verhinderte allerdings die Verwirklichung dieser Pläne.

 

Zwischen Bolschewismus und Nazismus

In der Ukraine lebten vor dem Krieg etwa 163.000 Mennoniten und Volksdeutsche. Ziel der faschistischen Machthaber war es, das menschliche Potential der besetzten Gebiete für ihre eigenen Zwecke einzusetzen, und sich auf die lokale deutschsprachige Bevölkerung zu verlassen. Dazu versahen sie die Gemeinden mit materiellen Hilfen, und täuschten vor, die ethnischen Schulen und das religiöse  Gemeindeleben wieder zuzulassen. Zunächst waren sie damit erfolgreich. Jedoch wurden die Mennoniten schon bald enttäuscht, da die Kollektiven Bauernhöfe, die von Stalin angeordnet worden waren, nicht aufgelöst wurden, und statt der bolschewistischen Ideen die Nazi-Ideologie in den Schulen unterrichtet wurde. Eben sowenig konnten die Mennoniten dem Rassismus der Nazis zustimmen, aufgrund derer die lokale nicht-deutsche Bevölkerung als Untermenschen gesehen wurde.

 

Fremde im eigenen Land

Es gelang den Nazis nicht, Zwietracht zwischen der ortsansässigen multinationalen Bevölkerung zu säen. Es finden sich in der Geschichte viele Beispiele für die freundliche Nachbarschaft zwischen den Mennoniten und ihren ukrainischen Nachbarn. Dennoch hatte die Nazi-Propaganda einen psychologischen Einfluss auf die Mennoniten. Während der Besatzung wurden sie zu 'Fremden im eigenen Land'. Dennoch zeigt ihre Rückkehr in die Sowjetunion, dass sie sich für die Schandtaten der Nazis nicht verantwortlich fühlten.

Erinnerungen an die Mennoniten im heutigen Polen

Autor: Michał Targowski
Übersetzung: Martje Postma 

Die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges zwang die Mennoniten Polen zu verlassen, das mehr als 400 Jahre ihre Heimat gewesen war. Ihr zurückgebliebenes Erbe wird in unseren Tagen wiederentdeckt, und fasziniert neue Generationen von Polen und Gäste aus anderen Ländern.

 

Respekt

Die von den Mennoniten aus Polen verlassenen Bauernhöfe und Häuser wurden eingenommen von polnischen Familien die aus den von der UdSSR annektierten Gebieten in Ostpolen vertrieben worden waren. Die Haltung der neuen Bewohner ihren Vorgängern gegenüber war durch die schmerzlichen Erfahrungen des Krieges und polnisch-deutsche Feindseligkeiten negativ beeinflusst. Doch hatten diese den größten Respekt vor ihnen, wegen der von ihnen zurückgelassenen Gebäude, Geräte und Systeme, die es möglich machten, Bauernwirtschaft in den Sumpfgebieten zu betreiben.

 

Austausch in Bildung und Kultur

Die Zeiten des Kalten Krieges machten es den Mennoniten unmöglich, in ihr Heimatland zurückzukehren. Eingedenk ihrer Wurzeln gelang es ihnen viele Male, substantielle Hilfen für Polen zu organisieren, ganz besonders in den ersten Nachkriegsjahren. Erst in den siebziger Jahren erhielten einige wenige Mennoniten die Erlaubnis, ihre ehemaligen Kirchen und Wohnorte zum ersten Mal zu besuchen, ein Ergebnis der Normalisierung einiger polnischer Auslandsbeziehungen. So begann  ebenfalls ein Austausch auf der Ebene Bildung und Kultur, organisiert vom MCC. Diese Kontakte entwickelten sich weiter und führten zu einer engeren, wenn auch informellen, Zusammenarbeit mit dem Ergebnis der Restaurierung vergessener Friedhöfe, historischen Nachforschungen zu den Mennoniten in Polen, und materieller Unterstützung für polnische Menschen in schwierigen Zeiten.

 

Das Museum Zuławskie

Im heutigen unabhängigen Polen ist ein wachsendes Interesse an den Mennoniten zu beobachten. Überreste ihrer Anwesenheit werden als wertvolle Elemente des umfangreichen und vielfältigen Erbes der polnischen Gebiete gesehen. Es gibt viele Organisationen und Verbände, die sich um das Gedenken an die Mennoniten kümmern, in Form von Ausstellungen, kulturellen Ereignissen, Restaurierung von Friedhöfen, und dem Bewahren mennonitischer Gebäude. Seit 1993 wird die Internationale Mennonitische Konferenz vom Klub Nowodworski in Nowy Dwór Gdański organisiert. Dieser Verband hat das Museum Zuławskie eröffnet, mit einer ausführlichen Darstellung und Beschreibung der Geschichte der dort ansässigen Mennoniten. Deren Erbe wird in offiziellen Touristenrouten (Szlak Mennonitów) präsentiert, und ebenso an dem Wochenende der Mennoniten in Chrystkowo in der Nähe von Chełmno (Culm). In nächster Zeit soll das Olęderski Park Etnograficzny (Freiluftmuseum Niederländischer Siedlungen) in der Nähe von Torún (Thorn) eröffnet werden, wo Originalbauten und Kunstgegenstände von mennonitischen Siedlern  aus dem Weichseldelta zu sehen sein werden. Last but not least wurde in 2007 die Mennonitische Agape Gemeinschaft in Mińsk Mazowiecky gegründet, als eine Gemeinschaft von Christen, die im Glauben und in den Traditionen polnischer Mennoniten leben wollen.  

 

Organisatorische Vielfalt der Russlandmennoniten

Autor: Hermann Heidebrecht

Unter den etwa 2,5 Millionen Russlanddeutschen, die seit den 1970er Jahren in die Bundesrepublik Deutschland gekommen sind, haben etwa 200.000 Menschen einen mennonitischen Hintergrund. Viele Menschen mit mennonitischem Hintergrund haben bei ihrer Einreise nach Deutschland zwar ihre Konfessionszugehörigkeit mit ‘Mennonitisch‘ angegeben, aber ein Großteil von ihnen lebte in der ehemaligen Sowjetunion in Gegenden, wo es nach dem 2. Weltkrieg keine Mennonitengemeinden gab, sie waren folglich nicht getauft und somit nie Mitglieder einer Mennoniten- oder Mennoniten-Brüdergemeinde gewesen (in der Sowjetunion gab es seit 1860 überwiegend diese zwei Gemeinderichtungen). In den vergangenen Jahrzehnten haben viele von diesen ‘Entwurzelten‘ den Weg zurück in die Glaubensgemeinschaft gefunden. Insgesamt zählen die mehr als 100 Gemeinden der Russlandmennoniten in Deutschland etwa 35.000 bis 40.000 Mitglieder.

 

Bruderschaften und Verbände

Die Mennonitengemeinden (MG) mit etwa 35 Versammlungsorten haben sich fast alle in der Arbeitsgemeinschaft zur geistlichen Unterstützung der Mennonitengemeinden (AGUM) zusammengeschlossen. Die Mennoniten- Brüdergemeinden (MBG) dagegen haben sich in mehreren Verbänden organisiert. Ein Großteil der MBG hat sich in zwei Verbänden wiedergefunden, die sie zusammen mit russlanddeutschen Evangeliums-Christen-Baptisten gegründet haben: 25 Gemeinden (einschließlich Filialen) in der Bruderschaft der Christengemeinden in Deutschland (BCD) und 7 Mennoniten-Brüdergemeinden im Bund Taufgesinnter Gemeinden (BTG). Eine weitere große Gruppe der MBG mit etwa 23 Versammlungsorten gehören zu dem so genannten Frankentaler Kreis, einer informellen Bruderschaft der Mennoniten-Brüdergemeinden. Eine MBG hat sich der Bruderschaft der Evangeliums-Christen-Baptisten angeschlossen und einige weitere Gemeinden gehören zu keinem Verband. Eine gewisse Anzahl an Russlandmennoniten findet sich auch in anderen Gemeindeverbänden (AMBD, VMBB, WEBB).

 

Statement der Aussöhnung

Im Rahmen der Feierlichkeiten anlässlich der 150 Jahre des Bestehens der Mennoniten-Brüdergemeinde im Jahr 2010 haben einige Mennoniten-Brüdergemeinden, die zu dem Bund Taufgesinnter Gemeinden (BTG), zur Arbeitsgemeinschaft mennonitischer Brüdergemeinden (AMBD) und zum Verband der Evangelischen Freikirchen Mennonitischer Brüdergemeinden in Bayern (VMBB) gehören, ein Statement der Aussöhnung veröffentlicht, in dem sie für das Fehlverhalten der Mennoniten-Brüdergemeinde im Laufe ihrer Geschichte anderen Mennonitengemeinden gegenüber um Vergebung baten und ihren Wunsch zum Ausdruck brachten, dass das zukünftige Miteinander von brüderlicher Liebe und gegenseitiger Wertschätzung bestimmt sein soll. Obwohl die meisten russlanddeutschen Mennoniten-Brüdergemeinden sich diesem Statement nicht angeschlossen hatten, kann man das Verhältnis der Gemeinden beider Richtungen schon seit vielen Jahren als brüderlich und in vielen Fällen auch herzlich bezeichnen.